Rätesozialismus oder Leninismus?


Bildmontage: HF

03.06.12
OrganisationsdebatteOrganisationsdebatte, Theorie, Debatte 

 

von Tino P. via nao-prozess

Es war im Jahre 1975. Etwas Ungeheuerliches war passiert. Fassungsloses Entsetzen in der 68er Linken. Aber für einmal waren sich die zahlreichen Gruppen, Strömungen und Organisationen alle einig. Trotzkisten, Maoisten, Castristen, Stalinisten, Moskaukommunisten sie alle erhoben mahnend den Zeigefinger: Man darf das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, so nicht, wehret den revisionistischen Anfängen!

Im Herbst 1974 hatte Rudi Dutschke sein Buch „Versuch Lenin auf die Füsse zu stellen“ veröffentlicht. Schon der Titel war eine Frechheit, der besagt ja, dass unser grosses Revolutionsgenie nicht auf den Füssen, also auf dem Kopfe steht und das schüchterne Wörtchen „Versuch“ macht die Unverschämtheit der Titelaussage auch nicht ungeschehen.

Bei den Maostalinisten und orthodoxen Trotzkisten war der Fall sofort klar; der langhaarige und  mit seinen Wollpullovern wie ein Hippie auftretende Dutschke war ein typischer Kleinbürger, der bürgerliche Ideologie in die proletarische Bewegung hineinträgt. Blöd war nur, Dutschke war berühmt und beliebt bei uns Jungen, man konnte ihn nicht so einfach schnöde herunterputzen. Die Mandel-Trotzkisten, die schon immer als die Weicheier unter den Trotzkisten galten, weil sie offener waren und in den Sexualitätsfragen weniger prüde, veranstalteten Schulungskurse im Stile wie; der geschätzte Genosse Dutschke liegt falsch, er unterschätzt die objektiven Schwierigkeiten, man muss der damaligen Situation Rechnung tragen, Lenin hat das nicht so gemeint, er wollte diese und jene Massnahmen nur vorübergehend, es waren taktische Schwierigkeiten, im Kern war seine Linie korrekt, richtig usw. usf.

Wir Jungen, die der Denkart und Weltanschauung Rudi Dutschkes, Rosa Luxemburgs oder Wilhelm Reichs näher standen als dem Leninismus waren damals zu unerfahren um der erdrückenden Hegemonie des Leninkultes ernsthaft etwas entgegenstellen zu können. Wir wussten allerdings aus tausend Alltagserfahrungen, dass diejenigen die den Leninismus am heftigsten verteidigten in aller Regel auch diejenigen waren, die in den Bewegungen und Organisationen am autoritärsten auftraten und den kulturrevolutionären Aspekten der 68er Zeit, wie den sexuellen Emanzipationsbestrebungen, am feindlichsten gegenüberstanden.

Muss die NAO vierzig Jahre danach eine Leninismus-Debatte führen? Gäbe es nicht wichtigeres und aktuelleres zu diskutieren in einer kapitalistischen Welt, die immer tiefere Widersprüche produziert und der Menschheit immer grössere Katastrophen bescheren wird?
Ja es gäbe eigentlich schon Aktuelleres zu diskutieren –  wenn der Leninismus die aus der 68er Bewegung entstandene neue radikale Linke nicht zutiefst geprägt hätte und die wichtigste Quelle von Autoritarismus, Sektierertum, monolithischen Denken und somit auch des legendären Spaltertums gewesen wäre und diese Prägung bis heute, wenn auch in abgeschwächter Form,  in zwei politischen Lagern noch weiterlebt.


Das eine ist das Lager des maostalinistischen Leninismus und das Andere des trotzkistischen Leninismus. Der dogmatische Vulgärleninismus der Ersteren ist zwar in Europa zurückgedrängt, spielt aber in Lateinamerika und Asien immer noch eine tragische Rolle. Für uns im Rahmen des NAO-Projekts bedeutsam ist der klassische orthodoxe Leninismus (orthodox und dogmatisch ist nicht dasselbe!), an dem ausnahmslos alle trotzkistischen Organisationen weltweit nach wie vor festhalten wollen. Das Projekt der Vereinigung möglichst aller undogmatischen subjektiven RevolutionärInnen bis zu den Anarchosyndikalisten kann nicht gelingen ohne historische Aufarbeitung und Überwindung der um Lenin und die bolschewistische Partei gewobenen geschichtsfälschenden Mythen.

Kurzfristig ist die Leninismusfrage vielleicht nicht so dringend, in der NAO sollen undogmatische Leninismusverteidiger und nicht reformistische Leninismuskritiker beide ihren Platz haben. Mittelfristig jedoch ist es eine unvermeidbare und notwendige Debatte, erstens weil grundsätzlich nichts Gutes von einer revolutionären Organisation zu erwarten ist, die sich nicht emanzipiert von Mythen und Geschichtsfälschungen und zweitens weil sie eng verknüpft auftritt mit einer Reihe hoch strategischer Fragen:

  • Wie kann der Sozialismus wieder zu einer glaubwürdigen Massenbewegung werden.
  • Was verstehen wir unter sozialistische Demokratie und wie vermeiden wir die chronische Spalterei in der radikalen Linken
  • Welche Art von Organisation, Partei und Internationale vertritt die sozialistische Bewegung heute
  • Was haben zukünftige Revolution in Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Spanien noch gemeinsam mit der Russischen Revolution
  • wie stirbt der postrevolutionäre Staat denn nun wirklich ab in der Realität und nicht nur auf dem Papier von Lenins „Staat und Revolution“ u.s.w.

Die Auseinandersetzung mit der Leninismus-Orthodoxie verläuft um folgende von ihnen vertretene Thesen:

  1. Bis zum Tode von Lenin im Jahre 1923/24 verlief die Russische Revolution im Grossen und Ganzen in korrekten Bahnen. Danach gab es einen tiefen Bruch. Leninismus und Stalinismus haben nichts miteinander zu tun. Die Dinge, die in den ersten sechs Jahren der siegreichen Revolution nicht optimal verliefen sind aufgrund der objektiven damals real existierenden Verhältnisse zu erklären und waren somit objektiv unvermeidbar.

  2. Die leninistischen Partei- und Revolutionskonzepte bleiben auch für das 21. Jahrhundert voll und ganz aktuell.

Demgegenüber vertreten die Leninismus-Kritiker von Links folgende Standpunkte:

  1. Viele Schwierigkeiten in der Russischen Revolution sind nicht nur auf die objektiven Umstände zurückzuführen, sondern ebenso auf subjektive Unzulänglichkeiten und fehlerhafte Ansätze der Revolutionspartei. Es waren die schweren Fehler, die in bedeutender Weise zu den angeblich objektiv bedingten Schwierigkeiten beigetragen haben. Die Politik Lenins hat z.B. den Bürgerkrieg unnötig und massiv verlängert, also kann der Bürgerkrieg nicht für alles was schief lief als Rechtfertigung herangezogen werden.

  2. Der Leninismus war in der Praxis seit Anbeginn, das heisst schon lange vor der Revolution eine der autoritärsten Strömungen innerhalb der sozialistischen Weltbewegung.  In der leninistischen Theorie und Praxis bilden der extreme Ultrazentralismus, der ausgeprägte Monolithismus, der Substitutionalismus mit seiner Gleichsetzung von Klassendiktatur mit Parteidiktatur sowie ein generell unterentwickeltes und undifferenziertes Demokratiebewusstsein die Wurzeln dieses Autoritarismus. Deshalb hat der Leninismus in Bezug auf die Demokratiefrage und das Parteikonzept keine positive Aktualität. Der Leninismus ist mit einem basisdemokratischen Rätesozialismus weitgehend unvereinbar.

Ein Text in einem Diskussionsblog kann nicht eine langatmige und alle Aspekte umfassende Beweisführung der obigen Thesen liefern, sondern versucht anhand einer exemplarischen Abhandlung einzelner Geschehnissen diese Thesen zu begründen.

a) Lenin verlängert den Bürgerkrieg und provoziert den Bürgerkrieg innerhalb der Sowjets

Eine Bürgerkriegsphase in der Periode des revolutionären Bruchs ist in der Regel unvermeidbar. Es ist Aufgabe der Revolutionsparteien die Bürgerkriegsphase mit allen Mittel an Intensität und Dauer so stark wie möglich zu reduzieren – nicht nur wegen den Schäden und Opfern, sondern vor allem weil der Krieg die RevolutionärInnen selbst unweigerlich verhärtet und kaputt macht. Es ist klar, dass eine kluge, Krieg verkürzende Politik Zugeständnisse und Flexibilität erfordert – nicht gegenüber dem Klassenfeind, sondern den potentiellen Verbündeten gegenüber, das waren in der Russischen Revolution vor allem die linken Sozialrevolutionäre, die Anarchisten und die Linken um Martow . Entgegen dem von den Trotzkisten bis heute vertretenem Mythos von der genialen Weitsicht Lenins, stützen die Fakten ziemlich genau das Gegenteil, nämlich das Lenins sektiererische und äusserst gewalttätige Politik eben sehr kurzsichtig war, den Bürgerkrieg verlängert hat und dem Aufbau der neuen Gesellschaft langfristige und unnötige Schwierigkeiten in den Weg gelegt hatte. Das von den Trotzkisten immer wieder wie ein Mantra heruntergebetene Argument, dass die objektiven Bedingungen des Bürgerkriegs keine andere Wahl offen gelassen hätte und an allem Übel schuld sei, erweist sich bei genauerer Betrachtung als besonders verkehrt.
Nach einer dreimonatigen, gescheiterten Verhandlungsphase, begann am 2. März 1918 die deutsche Militäroffensive gegen Sowjetrussland, worauf Lenin nach tagelangen ungestümen Diskussionen dem Zentralkomitee am 8. März, angesichts der Auflösung der russischen Armee und um der erschöpften Revolution eine Atempause zu gewähren, seine Position der  bedingungslosen Kapitulation unterbreitete.  Lenins Sichtweise obsiegte nur deshalb, weil er in allerschärfsten Tönen mit der Spaltung der Partei drohte, sodass vier der 15 abstimmenden Mitglieder des Zentralkomitees sich der Stimme enthielten, „um zu verhüten, dass die Partei in ihren eigenen Reihen einen Bürgerkrieg entfesselte“, wie Isaac Deutscher schrieb. Allein die Tatsache, dass lediglich fünfzehn Leute überhaupt berechtigt sein sollen, über eine dermassen wichtige Frage wie Kapitulation oder revolutionärer Verteidigungskrieg zu befinden, ist schon Haar sträubend, dass dieser Entscheid zudem unter dem Eindruck einer regelrechten, verantwortungsloser Erpressung zustande gekommen ist und dass der 4. Sowjetkongress, der am 14. März eröffnet wurde und nur drei Tage dauerte, diesen Entscheid nur noch ratifizieren konnte, obwohl eine erdrückende Mehrheit im Sowjet gegen Lenins Position war, nachdem übrigens auch der 3. Sowjetkongress im Januar 1918, also gut zwei Monate zuvor, in einer allerdings noch nicht so dramatisch zugespitzten Phase, sich in einem derart überwältigendem Masse für den Verteidigungskrieg ausgesprochen hatte, dass Lenin sich im Hintergrund halten musste.

Tatsächlich zeitigten diese Methoden fatale Folgen. Die linken Sozialrevolutionäre, die am 2. Sowjetkongress November 1917 zirka 10% repräsentierten, dann aber bis zum 5. Allrussischen Sowjetkongress im Juli 1918 bereits eine beachtliche Minderheit von 30-35% der Delegierten stellten und die die einzigen Koalitionspartner der Bolschewiki waren im Rat der Volkskommissare und die die einzige Partei waren, die im Bauernland Russland (über 100 Millionen von 145 Millionen Einwohnern) eine reale Verankerung bei den Bauern hatten, traten bereits im März 1918 unter Protest aus der Regierung. Die rein bolschewistische Regierung, der sehr viele bedeutende und bekannte Vertreter auch der Bolschewiki wenige Monate zuvor vorausgesagt hatten, dass sie nur mit Hilfe des politischen Terrors sich an der Macht halten könnte, war nun zur Wirklichkeit geworden. Als im Verlaufe des deutschen Vormarsches die Sowjets der Ukraine verzweifelt um russische Hilfe baten und die Regierung der Volkskommissare dies aufgrund des Friedensabkommen ablehnen musste, ermordeten zwei Vertreter der linken Sozialrevolutionäre in ihrer Verbitterung am 6. Juli den deutschen Botschafter, in der irrigen Hoffnung, auf diese Weise einen Krieg zwischen Deutschland und Russland zu provozieren. Gleichzeitig erhoben sie sich in einem bewaffneten Aufstand in Moskau, das seit März zum Sitz der Sowjetregierung geworden war. Auf die nahezu unblutige Niederwerfung des Aufstandes folgte eine geringfügig blutige Attentatswelle, die die Bolschewiki mit dem massiv blutigen Dekret vom 5. September 1918 „Über den Roten Terror“ beantworteten.

„Die Diktatur einer Hand voll Politiker,“ schrieb Rosa Luxemburg in ihrer Gefängniszelle unmittelbar nach diesen Ereignissen, “müssen eine Verwilderung des öffentlichen Lebens zeitigen; Attentate, Geisselerschiessungen etc.“ Die Hand voll Politiker, das waren die fünfzehn des Zentralkomitees. Entscheidend war nicht die Frage, ob die Friedensfraktion Lenins oder die Fraktion für den revolutionären Verteidigungskrieg inhaltlich Recht hatte, beide Positionen zogen ohnehin grosse Risiken und Opfer nach sich, sondern die Art und Weise wie der Prozess der Entscheidungsfindung stattfand.  (In der Linken der ganzen Welt galt Lenins Position während Jahrzehnten als Inbegriff der politischen Kühnheit und Originalität, als Ausdruck seines genialen strategischen Denkens. Völlig zu Unrecht! Lenins zwei Hauptargumente für die Unterzeichnung des Friedensdiktats von Brest-Litowsk, nämlich dass damit eine „Atempause“ für die Revolution geschaffen würde und dass sie kurzfristig keine Rote Armee aus dem Boden stampfen könnten, haben sich im Wesentlichen als unrichtig erwiesen. Die Atempause dauerte lediglich zwei, drei Monate und eben weil das revolutionäre Russland so ausserordentlich kriegsmüde war, konnte es seine Streitkräfte nie in relativ ruhigen Zeiten bilden. Die Rote Armee konnte nur unter dem Eindruck unausweichlicher Notwendigkeit zu kämpfen, geschaffen werden, es war überhaupt der einzige Weg, sie zu schaffen, so hatte die Kriegsfraktion argumentiert und die ganze Geschichte des Bürgerkriegs hat ihr ohne Zweifel Recht gegeben.)

So wie der Entscheid zustande kam, musste dies unweigerlich eine unermessliche Verbitterung, Hass und Wut bei der unterlegenen Minderheit hinterlassen, die eigentlich die Mehrheit repräsentierte. Hätten die Sowjets als Vertreterin von zwanzig Millionen Bürgerinnen und Bürger in dieser schwierigen Schicksalsfrage die Gelegenheit zur eingehenden und verantwortungsvollen Diskussion gehabt, wäre der Entscheid, egal welcher Richtung, auch von der Gesamtheit getragen worden. Niemals hätte unter diesen Umständen irgendeine Minderheitsströmung es gewagt, gegen die Autorität der Sowjets mit Attentaten und bewaffneten Rebellionen aufzubegehren.

Lenins unglaublich intransigente und manipulative Haltung war nicht nur unklug und kurzsichtig, sie versetzte der Revolution den ersten tödlichen Schlag, von der sie sich nie mehr erholen sollte. Der völlig unnötige Bruch mit den linken Sozialrevolutionären und ihre Kriminalisierung waren das Ende der Sowjets und zwar im Jahre 1918 und nicht erst im Jahre 1924 und schnitten die Revolution vom Land und der Bevölkerungsmehrheit ab mit kurz- und langfristig katastrophalen Folgen. Am 6. Juli 1918 umstellte die Tscheka das Moskauer Bolschoitheater, in dem der 5. Allrussische Kongress der Sowjets tagte und verhaftete die gesamte Fraktion der Linken Sozialrevolutionäre.

b) Stalin – Lenins engster Vertrauter vor allem zwischen 1917-1922

Stalin wurde seit dem Jahre 1911 von Lenin höchstpersönlich immer wieder bis Ende 1922 gefördert. Auf der Parteikonferenz in Prag im Januar 1912, wo sich die bolschewistische Fraktion der russischen Sozialdemokratie endgültig von den Menschewiki trennte und sich als eigenständige Partei formierte, schlug Lenin Stalin zur Wahl ins damals nur vierköpfige Zentralkomitee vor. (Die vier gewählten Mitglieder des Zentralkomitees von 1912 waren Lenin, Sinowjew, Ordshonikidse und Malinowski, der sich später als Agent der zaristischen Geheimpolizei Ochrana entpuppte.) Stalin wurde von den Delegierten nicht gewählt. Nach den Parteistatuten(!!!) konnte das Zentralkomitee jedoch weitere Mitglieder kooptieren(!!). Auf Lenins Drängen machte das Zentralkomitee davon Gebrauch. So stieg Stalin, vom unbekannten Aktivisten aus dem Kaukasus zum gesamtrussischen Führungsmitglied auf. Durch Lenins Initiative schrieb Stalin auch seine erste theoretische Untersuchung, über das Lieblingsthema Lenins, nämlich über „die Nationalitätenfrage.“ Auf Grund des Rufes, den sich Stalin mit dieser Arbeit (die Lenin ihm mehr oder weniger diktiert hatte) als Sachverständiger in Nationalitätenfragen erwarb, wurde er fünf Jahre später im Kabinett Lenins Volkskommissar für Nationalitätenfragen. Am 23. Oktober 1917, zwei Wochen vor dem Umsturz, wurde unter grober Verletzung der Statuten der bolschewistischen Partei das Politbüro gegründet, das ab etwa Juli 1918 faktisch begann diktatorisch über Partei und Staatsapparat zu herrschen. Ab 1922 tagte es fast täglich, übrigens in dem gleichen Saal im Kreml, wo auch der Rat der Volkskommissare seine Sitzungen hatte – Verschmelzung von Partei und Staat auch auf dieser Ebene - während das Zentralkomitee nur noch 5-6 Mal pro Jahr zusammenkam. Lenin hievte Stalin in das fünf- später siebenköpfige Politbüro, dann in das am 8. Parteitag im März 1919 geschaffene Organisationsbüro des Zentralkomitees und dann in das dreiköpfige Sekretariat des Zentralkomitees. Stalin war der einzige, der in all diesen vier Machtstrukturen sass (ZK, PB, Orgbüro, ZK-Sekretariat). Auf den 10. Parteitag im März 1921, dessen 404 Delegierte bereits in einem Klima der Einschüchterung und Manipulationen ausgewählt worden waren, hatte Lenin mit Stalin und Sinowjew im Geheimen einen veritablen Staatsstreich vorbereitet: Fraktionsverbot für alle anderen bei gleichzeitigem fraktionellem Funktionieren bei sich selbst, geheime Parteiausschlussklausel und Säuberung des ZK’ von allen kritischen Vertretern insbesondere der Trotzki nahe stehenden Personen wie Preobraschenski, dem einzigen ZK-Mitglied mit profunden Kenntnissen in Ökonomie und Krestinski, der im Politbüro und Organisationsbüro des ZK’ war. Die frei werdenden Sitze wurden mit Stalins Lakaien besetzt. Das wichtige Sekretariat des ZK’ bestand ab 1922 aus Stalin, und den zwei schlimmsten Stalinhörigen Molotow und Kuibyschew.

Im April 1922, auf dem 11. Parteitag schlug Lenin das neue Amt des Generalsekretärs vor. Das von Lenin eigenhändig ausgearbeitete Aufgabenheft des Generalsekretariats sah u.a. folgendes vor:
a) Das Generalsekretariat legt Akten an über alle Funktionäre in Partei, Staat, Wirtschaft und Gewerkschaften.
b) Das Amt des Generalsekretärs ist befugt die dienstliche Tätigkeit und den Wohnort von Parteimitgliedern mit sofortiger Wirkung zu ändern.
c)  Der Generalsekretär kann bei jeder Beamtenernennung mitwirken oder sie selbst vornehmen.
d) Der Generalsekretär ist verantwortlich für die Ernennung von hohen Parteifunktionären in den Provinzen und Teilrepubliken.

Was LENIN hier ohne grosse Diskussion am Parteitag, dessen Delegiertenzusammensetzung (nach dem Fraktionsverbot und den politischen und existenziellen Repressionsdrohungen bei Zuwiderhandlung) nun bereits stark durch Manipulationen und Wahlfälschungen geprägt war, durchboxte – war ein Stück weit der Orwell’sche totalitäre Staat. Mit diesem Akt wurde Lenin zum Totengräber der Revolution. Die völlig unnötige Schaffung des Amt des Generalsekretärs mit dieser „unermesslichen Machtfülle“, wie er es in seinem so genannten Testament selbst charakterisierte, offenbart Lenins bedenklichen Hang zu totalitärem Denken und zeigt auf wie es um den demokratischen Gehalt des viel beschworenen Demokratischen Zentralismus wirklich bestellt war und dies auf dem Höhepunkt seines reichen politischen Lebens, wo Erfahrung und Weisheit zu erwarten gewesen wäre. Dass er dann noch obendrein den dafür ungeeignetsten Mann bestimmte, belegt die Nähe und das Vertrauen, das Lenin zu Stalin hatte.

Stalin wurde dadurch buchstäblich zum General eines Heeres von 25’000 Parteisekretären, die durch die obigen Befugnisse dieses Amtes politisch und existenziell völlig von ihm abhängig wurden.
Bereits sechs Monate später, im Oktober 1922 konnte Stalin mit diesen Machtbefugnissen vom fernen Moskau her kurzerhand ein willfähriges Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Georgiens ernennen, im Juli 1923 gebrauchte Stalin diese Macht, um Trotzkis bedeutendsten politischen Freund, Rakowski, den Regierungschef der Ukraine, der nach Russland wichtigsten Sowjetrepublik der UdSSR, zum Botschafter nach Grossbritannien abzuschieben. Andere wichtige Oppositionelle wie Krestinski, nach der Oktoberrevolution Volkskommissar für Finanzen und von 1919-1921 Mitglied des Politbüros, sowie Joffe, Verhandlungsleiter in Brest-Litowsk waren schon früher mit diplomatischen Aufträgen über Nacht in die Wüste geschickt worden. Die Wahl der Delegierten für die Parteitage oblag den örtlichen Parteikonferenzen und es ist nicht allzu schwierig sich vorzustellen, wie diese unter den beschriebenen Umständen abliefen. Druck, Drohungen, allerlei Manipulationen und massive Wahlfälschungen gab es bereits ab 1919, ab 1922 aber waren sie an der Tagesordnung. Spätestens seit dem 12. Parteitag im Frühjahr 1923 entbehrte die erdrückende Mehrheit der Delegierten jeglicher Legitimität.

Im Brief an den Parteitag, dem „Testament,“ diktiert zwischen dem 23. Dezember 1922 und dem 4. Januar 1923, bezeichnet Lenin Stalin als den nach Trotzki fähigsten Mann, obwohl Stalin in jedem Amt, das er innehatte sich als komplett unfähig erwiesen hatte, als Redaktor der Prawda, als Volkskommissar für Nationalitätenfragen, als Vorsitzender der Arbeiter- und Bauerninspektion zur Bekämpfung von Korruption und Missbräuchen und als Mitglied des „Revolutionären Kriegsrates“ im Bürgerkrieg z.B. im Polenfeldzug. Lenins Testament, das im Rahmen des Leninkultes über Jahrzehnte immer wieder als Ausdruck seiner Genialität und tiefen Menschenkenntnis ausgegeben wurde, ist in Wirklichkeit Ausdruck eines enormen Realitätsverlustes, grosser Oberflächlichkeit und miserablen Menschenkenntnissen. Zu glauben man könnte die tiefe Krise in der Partei lösen, indem man das Zentralkomitee von 25 auf 100 Mitglieder vergrössert wie er es im Testament vorschlug zeugt von Realitätsverlust und drückt Lenins „Vorliebe für rein administrative Massnahmen“ aus, was er in einer perfekten  Projektion dann im Testament Trotzki vorhält. Stalin als lediglich „zu grob“ zu charakterisieren zeugt kein bisschen von Menschenkenntnissen, da hatten die Klassenkameraden Stalins über zwanzig Jahre zuvor im Priesterseminar zu Tiflis eindeutig treffendere und präzisere Beobachtungen gemacht. (Verschlagenheit,  perfekter Heuchler, ausserordentlich rachsüchtig)
Wieso Lenin Stalin während langer 12 Jahre zu seinem engsten und vor allem mächtigsten Vertrauten machte kann man als Rätsel betrachten oder man orientiert sich nach dem im Grossen und Ganzen richtigen psychologisch Grundsatz: Sag mir wer deine Freunde sind und ich sag dir wer du bist.

c) Kriegskommunismus und NEP – anstatt einheitlichen und umfassenden Wirtschaftsplan

Objektiv betrachtet hatte die desaströse Wirtschaftspolitik der Bolschewiki zwischen 1918-1923 (und erst recht danach) den Aufbau der neuen Gesellschaft noch fast mehr behindert als der Bürgerkrieg, der zur Rechtfertigung aller Fehlentwicklungen immer herangezogen wird. Der Wechsel vom grundfalschen Konzept des Kriegskommunismus zum ebenso grundfalschen Konzept der NEP entsprach dem sprichwörtlichen Kippen von einem falschen Extrem ins gegenteilige falsche Extrem.
Lenins Kriegskommunismus (schon der Begriff ist ein Unsinn!) bestand im Wesentlichen aus den Zwangsrequisitionen und der im Juni 1918 dekretierten totalen Verstaatlichung der gesamten Wirtschaft ohne jede gesamtwirtschaftliche Planung, was unter anderem auch zu einer gigantischen, atronomischen Hyperinflation führte und das ganze Land in ein unglaubliches Chaos stürzte. (In der stufenweise über zwei Jahre geführten Währungs- und Geldreform, die im Frühling 1924 abgeschlossen wurde mit der Einführung eines neuen Rubels im Verhältnis von 1: 500’000’000’000 (500 Milliarden) alten Rubels.
Die Zwangsrequisitionen mündeten in kürzester Zeit in nackten Terrorismus der Tscheka gegen die Bauern und zu Dutzenden von Bauernaufständen, was den Bürgerkrieg in gewisser Hinsicht allein um etwa ein Jahr verlängert hat. Am 5. Allrussischen Kongress der Sowjets im Juli 1918 forderten als erste nicht zufällig die im Bauerntum verankerten Linken Sozialrevolutionäre in ihrem Fünfpunkteprogramm die sofortige Abschaffung der Zwangsbeschlagnahmungen und die unverzügliche Auflösung der Tscheka. Im Februar 1920 forderte Trotzki in einem Brief an das ZK die Abschaffung der Requisitionen und ihre Ersetzung durch ein System progressiver Steuern und zwei Monate danach am 9. Parteitag „die sofortige Erarbeitung eines einheitlichen, das ganze Land und alle Branchen umfassenden Wirtschaftsplan.“ Beides wurde auf Betreiben Lenins wuchtig abgelehnt. Im Gegensatz zu allen anderen Politbüromitgliedern, die die ganze Zeit im Kreml sassen, war Trotzki als Kriegskommissar ständig im ganzen Land unterwegs und sah die katastrophalen Verheerungen des Kriegskommunismus. Die Bolschewiki waren also jahrelang gegen jegliche Wirtschaftsplanung? Ein verwunderliches Faktum. War denn die nach Bedürfniskriterien geführte Wirtschaftsplanung nicht das A und O des Sozialismus seit Marx’ Zeiten? Riesige Schwierigkeiten und extreme Mängelzustände sind keine Argumente gegen einen Wirtschaftsplan, ganz im Gegenteil, bei Mangel muss man noch planmässiger wirtschaften um die allernotwendigsten Bedürfnisse zu erfüllen. Staatseigentum ohne Planung ergibt keinen Sinn und ist sogar klar kontraproduktiv. Entweder wird eine Volkswirtschaft über Marktmechanismen oder über gesamtgesellschaftliche Planung  oder über eine Mischung beider reguliert, wenn aber beides fehlt bedeutet dies nichts weniger als das blanke Chaos! Und genau dies war der Fall u.a. durch eine Hyperinflation, die bereits 1921 die Marke von 20’000% überschritt.
Die Dekrete über Grund und Boden von November 1917 und Januar 1918, die 98% des Bodens der privaten Nutzung überliesen (viele kapitalistische Staat haben einen grösseren Staatsanteil als die 2%!), die Zwangsrequisitionen und die völlig überstürzte hundertprozentige Verstaatlichung auch der Kleinbetriebe ohne jede Wirtschaftsplanung im Kriegskommunismus sowie die ebenso übertriebene NEP zeigen das grosse Unverständnis Lenins und der allermeisten Bolschewiki für die marxistischen Vorstellungen der Produktionsverhältnisse in der sozialistischen Übergangsgesellschaft. In letzter Konsequenz ist das wenigstens teilweise die Folge der während zwölf Jahren aufrechterhaltenen falschen Revolutions- und Etappentheorie Lenins und der Bolschewiki, sie rechneten mit einer Phase von rund 20-30 Jahren kapitalistischer Industrialisierung und hatten deshalb weder eine Politik für die Bauernschaft noch eine einigermassen konkrete Vorstellung über Planungskonzepte unter den Bedingungen der Übergangsgesellschaft. In der Logik ihrer Theorie bildete die Bauernschaft die kleinbürgerliche Basis in der kapitalistischen Etappe. Dem entspräche die NEP. Und wo die Revolutionspartei keine politischen Konzepte für anstehende Probleme zur Hand hatte, reagierte sie in kopfloser Panik und mit roher nackter Gewalt. Lenin war eben viel mehr Jakobiner als ein Marxist.
Marx sagte, dass die industriell entwickelten Länder den minder entwickelten bis zu einem gewissen Grade das Bild ihrer eigenen Zukunft zeigen. Aus dieser bedingten Aussage wurde ein absolutes Gesetz gemacht, das sich in der 2. Internationale als schematisches Entwicklungsmodell verwurzelte, wonach der Weg zum Sozialismus unausweichlich über den Generationen langen Umweg einer kapitalistischen Industrialisierungsphase führe. Nach den Erfahrungen der ersten russischen Revolution von 1905 stellten Parvus, ein russisch-deutscher Sozialdemokrat, Trotzki und auch Rosa Luxemburg dieses zum Dogma erstarrte Schema zum ersten Mal in Frage. Die ökonomische Entwicklung in den zentralen Industrienationen und den peripheren, unterentwickelten Ländern wie Russland sei zwar ungleich, aber im Zuge der dem Kapitalismus innewohnenden Globalisierungstendenz auch kombiniert, was in den unterentwickelten Ländern zu explosiven Widersprüchen führe, die das alte lineare Schema über den Haufen werfe. Die Kette zerreisst an ihrem schwächsten Glied. Es wäre möglich, dass die Arbeiterschaft in einem ökonomisch rückständigen Lande eher an die Macht kommt als in einem fortgeschrittenen kapitalistischen Lande. Die bürgerliche und die sozialistische Revolution könnten in Russland gewissermassen ineinander überfliessen. Das von Trotzki formulierte „Gesetz der ungleichen und kombinierten Entwicklung“ bildete die Grundlage für die „Theorie der permanenten Revolution“ mit ihrem etwas unglücklich gewählten Namen. Lenin, wie alle übrigen Sozialisten und Sozialistinnen jener Zeit bekämpften Trotzkis „abenteuerliche Theorie.“ In den Aprilthesen vollzog Lenin unter dem Eindruck der revolutionären Aufbruchstimmung in den Massen seine jähe Wendung, was einerseits sein waches Denken unter Beweis stellt, andrerseits jedoch hat das jahrelange Predigen einer falschen Revolutionstheorie selbst bei rechtzeitiger jäher Wendung immer seinen Preis. Zudem kehrte in der Phase des Zurückflutens des revolutionären Enthusiasmus das alte Etappenschema wieder zurück, vor allem in den Köpfen der alten Bolschewiki, die in dessen Geiste so lang erzogen worden waren.

d) Alle Macht den Sowjets – oder – Alle Macht der Tescheka

Am 18. Oktober 1918 beklagt einer hoher Funktionär des Volkskommissariats des Innern in der Prawda, dass sich die revolutionäre Parole „Alle Macht den Sowjets“ in „Alle Macht der Tscheka“ verwandelt habe und am 21. Januar 1919 schreibt ein anderer in derselben Prawda, dass die Tscheka von vielen als etwas Überflüssiges, ja sogar als für die Revolution Schädliches angesehen würde.
Am 19. Dezember 1917 beschloss der Rat der Volkskommissare auf Lenins Vorschlag die Gründung der „Ausserordentlichen Kommission für den Kampf gegen Konterrevolution, Spekulation und Sabotage,“ russisch abgekürzt WETSCHEKA, kurz Tscheka und beauftragte Dscherschinskij mit deren Aufbau. Martin Lazis, Bolschewik seit 1905 und rechte Hand Dscherschinskijs bezifferte die eigenen Truppenbestände der Tscheka anfangs 1921 auf 31’000 Mann. Zum Vergleich, zur selben Zeit betrug der gesamte Personalbestand des Volkskommissariats des Inneren 2800 Angestellte. Ab dem 23. Februar 1918, also keine vier Monate nach der Revolution und vor Ausbruch des Bürgerkriegs , wurde die Tscheka ermächtigt, unter Umgehung der revolutionären Sondertribunale, die aufgrund des Dekrets des Rates der Volkskommissare vom 24. November 1917 errichtet wurden, Leute ohne jedes Verfahren an Ort und Stelle zu erschiessen. (Publikation in der Prawda vom 23.02.1918) Nach der Ermordung Urizkij, dem Petrograder Tschekachef durch einen Studenten und dem Attentat auf Lenin geriet die Tscheka ausser Rand und Band. Tausende von Menschen, darunter Hunderte von Geiseln wurden willkürlich erschossen und Sinowjew erblödete sich noch an einer Versammlung zu sagen: „Die Bourgeoisie kann einige Personen töten, wir bringen ganze Klassen um.
Gegen diesen blindwütigen blutigen Terror erhob sich Widerstand. Trotzki soll hartnäckig so was wie passiven Widerstand geleistet haben gegen die Einnistung der Tscheka in der Roten Armee. Hauptsprecher des Widerstandes waren jedoch die Volkskommissariate des Inneren und der Justiz, sie verlangten die Unterordnung der Tscheka unter die Sowjets und die Herstellung einer „SOZIALISTISCHEN GESETZLICHKEIT“.  Laut einer Umfrage des Volkskommissariats des Innern befürworteten 80% der Orts-Sowjets dies.
Bis ins Jahr 1921 vereitelte Lenin persönlich und mit ausgesprochener Vehemenz und Arroganz all diese Bemühungen und  höhnte: „Wenn ich die Tätigkeit der Tscheka ansehe und mit den Ausfällen gegen sie vergleiche, so meine ich: das sind spiessbürgerliche Überlegungen ohne Wert.“ (LW, Band 28, S. 150, russische Ausgabe) Gleichzeitig beklagte sich der erwähnte führende Tschekist Lazis öffentlich: „Eine ständig wachsende Mauer der Angst, des Abscheus und der Verachtung richtet sich zwischen Tschekisten und der Bevölkerung auf.“

Fazit: Die Aufarbeitung der schweren autoritären und terroristischen Entgleisungen des Leninismus ist eine unumgängliche Notwendigkeit, wenn wir heute die Glaubwürdigkeit des Sozialismus wiederherstellen wollen. Die Behauptung, dass der Leninismus nichts zu tun hätte mit dem Stalinismus ist eine ebenso infame Geschichtslüge wie wenn man sagen würde, dass das Papsttum nichts mit der Inquisition zu tun hätte und auf dem Boden von Geschichtslügen kann keine neue sozialistische Massenbewegung entstehen.
Zukünftige Revolutionen sollten auf die Gründung jeder Art von Geheimpolizei verzichten, denn die Geschichte aller revolutionären oder sozialistischen Geheimpolizeien von der Französischen Revolution bis in die jüngste Zeit hat bewiesen, dass solche Strukturen unter dem Strich zu 99% den Revolutionen  nur Schaden zufügen.
(siehe auch Exkurs Demokratischer Zentralismus in „Zwischen Skylla und Charybdis,“ www. arschhoch.blogsport.de, Archiv 17. Dez. 2011)

e) Polenabenteuer und Einmarsch in Georgien

Die Ententemächte England und Frankreich unterstützten die weissen russischen Bürgerkriegsgeneräle seit dem Frühjahr 1918 durch militärische Entlastungsvorstösse im Süden, Norden und Westen Russlands und versorgten sie auch mit Kriegsmaterial. Unter dem Druck der anschwellenden Solidaritätskundgebungen und auch aus Angst vor einer sich verschärfenden Radikalisierung musste die britische und französische Regierung im April 1919 alle ihre Interventionstruppen zurückziehen und zur klassischen Taktik der Kriegsführung durch Stellvertreter greifen. Einer dieser Stellvertreter der Grossmächte war Polen, das im April 1920 Russland mit einer Armee von einer halben Million Mann überfiel und in kürzester Zeit Kiew, die Hauptstadt der Ukraine eroberte. Aber in ebenso kurzer Zeit erfolgte die Gegenoffensive der Roten Armee und trieb die polnischen Truppen vor sich her in Richtung Warschau.

Nun entschied im Juli das Politbüro der bolschewistischen Partei – nicht die Sowjets der Arbeiter und Bauern – und entgegen Trotzkis Rat, den Verteidigungskrieg in einen revolutionären Angriffskrieg umzuwandeln in der Erwartung, dass die polnische Arbeiterklasse sich gleichzeitig erheben würde. Ausgerechnet in Polen, das über ein Jahrhundert lang vom zaristischen Russland unterjocht worden war, fiel das heiligste aller bolschewistischen Prinzipien plump zu Boden! Als die Rote Armee vor den Toren Warschaus stand, drohte die englische Regierung am 3. August 1920 mit einem Kriegsultimatum und kurz danach kündigten die englischen Medien die unmittelbar bevorstehende Kriegserklärung Grossbritanniens an Sowjetrussland an. Die Offensive der Roten Armee brach dann allerdings unerwartet Ende August total in sich zusammen und die Feindseligkeiten zwischen den beiden Ländern wurden im November eingestellt. Der russische Bürgerkrieg war damit praktisch zu Ende, hatte sich aber durch Lenins Politik unnötigerweise um fast fünf Monate verlängert. Polen war kein einmaliger Ausrutscher. Kaum sieben Monate nach dem polnischen Abenteuer marschierte die Rote Armee im sozialdemokratisch regierten, unabhängigen Georgien ein, wiederum mit Lenins ausdrücklicher Billigung. Auch dieses militärische Abenteuer verlängerte den Bürgerkrieg um Monate, nebst dem sehr grossen politischen Schaden, den beide Aktionen auf Jahre hinaus schufen.
Über zwei Jahre vor diesen Ereignissen griff Rosa Luxemburg das Selbstbestimmungsrecht der Nationen auf, das sie als natürliches Element der in seiner Gesamtheit aber übergeordneten sozialistischen Demokratie betrachtete: „……..Die objektiven Schwierigkeiten der Lage haben sich die Bolschewiki in hohem Masse selbst verschärft durch eine Parole, die sie in den Vordergrund ihrer Politik geschoben haben: das sogenannte Selbstbestimmungsrecht der Nationen oder was unter dieser Phrase in Wirklichkeit steckte: den staatlichen Zerfall Russlands. Die mit doktrinärer Hartnäckigkeit immer wieder proklamierte Formel von dem Recht der verschiedenen Nationalitäten des russischen Reichs, ihre Schicksale selbständig zu bestimmen „bis einschliesslich der staatlichen Lostrennung von  Russland“, war ein besonderer Schlachtruf Lenins und Genossen…..Zunächst frappiert an der Hartnäckigkeit und starren Konsequenz, mit der Lenin und Genossen an dieser Parole festhielten, dass sie sowohl in krassem Widerspruch zu ihrem sonstigen ausgesprochenen Zentralismus der Politik wie auch zu der Haltung steht, die sie den sonstigen demokratischen Grundsätzen gegenüber eingenommen haben. Während sie gegenüber ….dem allgemeinen Wahlrecht, der Presse- und Versammlungsfreiheit, kurz, dem ganzen Apparat der demokratischen Grundfreiheiten der Volksmassen, die alle zusammen das „Selbstbestimmungsrecht“ in Russland bildeten, eine sehr kühle Geringschätzung an den Tag legten, behandelten sie das Selbstbestimmungsrecht der Nationen als ein Kleinod der demokratischen Politik, dem zuliebe alle praktischen Gesichtspunkte der realen Kritik zu schweigen hätten……..Der Widerspruch, der hier klafft, ist um so unverständlicher, als es sich bei den demokratischen Formen des politischen Lebens in jedem Lande….tatsächlich um höchst wertvolle, ja unentbehrliche Grundlagen der sozialistischen Politik handelt, während das famose Selbstbestimmungsrecht der Nationen nichts als hohle kleinbürgerliche Phraseologie und Humbug ist. In der Tat, was soll dieses Recht bedeuten? Es gehört zum Abc der sozialistischen Politik, dass sie, wie jede Art Unterdrückung, so auch die einer Nation durch die andere bekämpft……..“

f) Lenins Politik der jähen Wendungen

Lenin wurde von vielen stets bewundert für seinen „unbarmherzigen Willen zum Erfolg,“(Slavoj Zizek) für seine „was tun? -Frage als Praxisprinzip,“(Rudi Dutschke) für „dieses Lernen von der Wirklichkeit, diese dominierende Allmacht der Praxis…..Sein Leben ist ständiges Handeln, ununterbrochener Kampf in einer Welt, in der es nach seiner tiefsten Überzeugung keine auswegslose Lage gibt, weder für ihn, noch für den Gegner. Darum gilt für ihn als Leitfaden des Lebens; immer zum Handeln, zum richtigen Handeln gerüstet.“(George Lukas?) Trotzki bewunderte an Lenin vor allem dessen Politik der jähen Wendungen, diese tatsächlich sehr seltene Fähigkeit, bei einer neuen Erkenntnis sofort, über Nacht, das Steuer scharf und  abrupt herumreissen zu können, ohne an den alten Wahrheiten, den so lieb gewordenen Weisheiten und Traditionen  von gestern kleben zu bleiben.

Lenins Politik der jähen Wendungen hatte allerdings zwei Seiten, deren eine Trotzki in seiner etwa ab 1922 hervortretender befremdend unkritischen Leninverehrung (die aber wohl einen interessanten psychologischen Hintergrund hatte) geflissentlich übersah: Lenin hatte nämlich in fast allen grossen strategischen Fragen  Unrecht und wurde durch die Ereignisse eben immer wieder gezwungen, jähe Wendungen vorzunehmen. Das bekannteste Beispiel hierfür sind seine zwölf Jahre lang vertretene Etappentheorie und die jähe Wendung in seinen Aprilthesen von 1917.

Praktisch alle jähen Wendungen Lenins waren das Produkt entweder jahrelang vertretener falscher Theorien oder des enormen Auseinanderklaffens von Theorie und Praxis bei ihm. Deshalb erfolgten alle Wendungen nur unter massivsten Druck zugespitzter äusseren Situationen und stets sehr spät, meistens zu spät, wie sich herausstellen sollte. Es brauchte die riesigen Bauernerhebungen Antonows, den Kronstädter Aufstand und eine Hyperinflation bis Lenin in einer jähen Wendung sich von seinem „Kriegskommunismus“ endlich verabschiedete.
In der Frage der Staatstheorie kommt Lenin in seinem 1917 geschriebenen Werk „Staat und Revolution“ das Verdienst zu, die alte schon fast vergessene marxsche Theorie vom kontinuierlichen Absterben des Staates nach der sozialen Revolution, wieder aktualisiert zu haben. Nur in der Praxis setzten die Bolschewiki das pure, nackte Gegenteil dessen um und übernahmen zudem fast vollständig den alten Staatsapparat, dessen Zerschlagung und Ersetzung durch einen neuen, andersartigen doch seit der Pariser Kommune von allen Theoretikern vertreten wurde.

Ein neues Staatsgebilde hätte eben nur auf den Sowjets aufbauen können und unmittelbarer und schärfer die Frage des demokratischen Funktionierens aufgeworfen
. Die rasche Bürokratisierung der Sowjetgesellschaft ist demnach ebenso das Produkt der leninschen Staats- Partei- und Revolutionstheorie, ja selbst seiner grobschlächtig undifferenzierter Reformismustheorie (die Reformismusproblematik geht weit über das Problem der Verräter und der Arbeiteraristokratie hinaus) wie auch der schwierigen objektiven Umstände. Lenins jähe Wendungen waren im Kern meistens Korrekturversuche gegen die Folgen und Auswüchse seiner eigenen Theorien oder aber der Inkohärenz bei deren Umsetzung, sie behoben nicht die Ursachen, sondern bekämpften die manifest gewordenen Symptome, was gerade in seinem Kampf gegen die Bürokratisierung besonders schlagend zum Ausdruck kommt.

Der weitsichtige Theoretiker, der im 20. Jahrhundert die theoretischen Grundlagen für das Verständnis der grossen Geschichtsabläufe lieferte – wie das Karl Marx im und für das 19. Jahrhundert tat – war nicht Lenin, sondern Trotzki. Er beschrieb frühzeitig und korrekt die Triebkräfte der sozialen Revolution in Russland und etwas später für die anderen unterentwickelten Ländern. Er bekämpfte den verheerenden Kriegskommunismus schlug gerade noch rechtzeitig eine vernünftige und planmässige Wirtschaftspolitik vor. Nicht umsonst war er auch der erste und praktisch einzige in der kommunistischen Internationale, der sehr früh, bereits um 1925, das revolutionäre Beben in China in seiner Bedeutung wahrnahm und richtig interpretierte. Im Jahre 1930, als Hitlers Partei auf einen Schlag seine Wählerschaft von 800’000 auf 6, 4 Millionen erhöhte lieferte er die präziseste Analyse des Faschismus und benannte die notwendigen Massnahmen zu dessen Eindämmung. Trotzkis Faschismustheorie ist für das Verständnis faschistoider Kräfte selbst noch für die heutige Zeit von grossem Nutzen. Trotzki erkannte auch sehr früh und scharfsinnig den Aufstieg der USA zur Weltmacht Nummer eins und die damit verbundenen Konsequenzen.

Nur in einem Punkt versagte Trotzki: Im Kampf gegen den Stalinismus. Einer der vier zentralen Gründe, die dazu führten, dass er diese historische Auseinandersetzung verlor, bestand gerade in seinem ab 1922 sich entwickelnden irrationalem, geradezu blind – fanatischen Festhalten an leninistischen Konzepten, die der linken Opposition buchstäblich Hände und Füsse fesselten. Teil dieser historischen Tragödie ist der Fakt, dass sämtliche trotzkistische Strömungen bis heute an genau diesem Schwachpunkt festhalten und nicht fähig sind das Genie Trotzkis zu würdigen und gleichzeitig radikal kritisch zu bleiben.

Schlussfolgerungen

Der kontinuistische Kern vom Leninismus zum Stalinismus liegt bei den winzigen Entscheidungsgremien, wechselhaft Produkt und Ursache zugleich des Ultrazentralismus, des Monolithismus, des Substiutionalismus und der sehr starken Tendenz die Probleme auf administrative und gewalttätige Weise zu lösen. Das war die Schule, in der Stalin gelernt hatte es als völlig normal anzusehen, dass eine Handvoll Männer an ihren Sitzungen berechtigt sein sollen über das Schicksal von Millionen von Menschen entscheiden zu können und immer auch sehr rasch mit Gewalt und Terror Politik zu machen. Das den Leninismus charakterisierende Organisationsmodell und Politikverständnis haben demnach der stalinistischen Entwicklung eindeutig den Weg gebahnt. (was  nicht eine simple und vollständige Gleichsetzung des Leninismus mit dem Stalinismus bedeutet)

Lenin, im Gegensatz zur übrigen Parteispitze erkannte zwar in den letzten drei Monaten seines nur noch beschränkten Wirkens, die Gefahr des Degenerationsprozesses, doch die von ihm vorgeschlagenen Gegenmassnahmen, wie ständige völlig wirkungslose, illusionäre Umstrukturierungen der winzigen Entscheidungsgremien sowie personelle Veränderungen in Partei und Staatsmaschinerie blieben an der Oberfläche, im Bereiche der klassischen Symptombehandlung. Es waren gewissermassen bürokratische Massnahmen gegen die Bürokratisierung. Den eigentlichen „Systemfehler,“ nämlich das substitutionalistische, leninistische Parteimodell mit seinen winzigen Entscheidungsgremien stand im blinden Fleck seiner Sehkräfte.
Allerdings muss hinzugefügt werden, dass das zutiefst undemokratische Wesen am Leninismus auch auf dem Boden eines unterentwickelten Demokratieverständnisses gedieh, das bereits in der Zweiten Internationale vorherrschte. Deren Parteien, zum Beispiel die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, die um die Zeit von 1910 etwa 750’000 Mitglieder zählte, wurde ebenfalls sehr autoritär geführt von einem zwanzigköpfigen nationalen Parteivorstand und auch dort wurde das Demokratiedefizit mit allerlei disziplinarischen Paragraphen sowie ständigen hohlen Phrasen über die Parteieinheit kaschiert.

Die Tradition der kleinen Entscheidungsgremien ist historisch letztlich eine im bürgerlichen System wurzelnde Mechanik, die in allen Konzernen und Betrieben sowie im bürgerlichen Staatsapparat als die einzig mögliche Funktionsweise und Führungsform gepflegt wird, sie reicht also sehr weit zurück und beschränkt sich auch nicht auf Parteien oder Revolutionsregierungen. Derselbe Mechanismus findet sich noch heute in vielen sozialen Bewegungen unter anderem in den Gewerkschaftsbewegungen, wo zum Beispiel über Fortgang oder Abbruch eines Streiks mit Hunderttausenden von Beteiligten, nicht in demokratischen Vollversammlungen diskutiert und darüber entschieden wird, sondern in winzigen Vorständen. Letztlich handelt es sich dabei um den tiefen Gegensatz zwischen der repräsentativen, sprich bürgerlichen und der partizipativen, also sozialistischen Demokratie. Rosa Luxemburg hatte diesen Gegensatz mit grosser Klarheit und Weitsicht ausgedrückt; überall wo „eine handvoll Politiker oder hervorragender Köpfe“ entscheidet, wird bürgerliche Demokratie praktiziert, die ein ausgezeichnetes Mittel zur Wahrung der Interessen der Besitzenden in der kapitalistischen Ordnung ist, für sozialistische Ziele jedoch verhindert sie breite Bewusstseinsprozesse und endet deshalb, spätestens mittel- und langfristig, in Niederlagen und Degeneration.

http://www.nao-prozess.de/blog/raetesozialismus-oder-leninismus

 

 


VON: TINO P. VIA NAO-PROZESS






<< Zurck
Ja, auch diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz