NRW-Schulen: Nicht nur Pfusch aus dem Ministerium verbaut SchülerInnen die Zukunft


Ministerin Babara Sommer

14.06.08
PolitikPolitik, NRW, Soziales, TopNews 

 

Von Edith Bartelmus-Scholich

2005 ist die schwarz-gelbe Landesregierung in NRW angetreten, das Schulsystem des Landes neoliberal umzubauen. Innerhalb weniger Wochen wurde von Ministerin Barbara Sommer ein ideologisch motiviertes, unausgegorenes Konzept durchgepaukt. Es gab vor, an den Bedürfnissen von Schülern, Lehrern und Eltern anzusetzen, und Missstände an den Schulen zu beheben. Schulen sollten mehr Eigenverantwortung wahrnehmen können; die Tür für Kooperationen mit Unternehmen wurde weit geöffnet. Mehr und mehr gilt in NRW: Nicht für das Leben, sondern für die Erfordernisse der Wirtschaft wird gelernt. SchülerInnen sollen sich genau das Wissen und die Verhaltensregeln aneignen, mit denen sie den Erwartungen eventueller Arbeitgeber entsprechen. Mehr noch, sie sollen die Unterordnung unter die Profitlogik verinnerlichen.

Die Ergebnisse dieser Politik sind verheerend. Lob erntet die Ministerin - selbst mit einem mittelständischen Unternehmer verheiratet - vor allem aus Wirtschaftskreisen. Viele SchülerInnen, Eltern und die Gewerkschaft GEW kritisieren die Schulpolitik grundsätzlich.  Nun hat sich die öffentliche Debatte angesichts der Pleiten, Pech und Pannen beim Zentralabitur und bei den Zentralen Prüfungen am Ende der Klasse 10 verschärft. Fehlerhafte Aufgabenstellungen und zu hohe Anforderungen machten vielen Schülerinnen und Schülern den Notendurchschnitt kaputt, auf den sie hingearbeitet hatten.

Dilettantismus auf der ganzen Linie?

Die Landesregierung bekennt sich zur Qualitätssicherung der Schulabschlüsse. Gemeint ist, eine Standardisierung der Bildungsinhalte und -ziele. SchülerInnen sollen so eher den Anforderungen von Arbeitgebern, Ausbildern und weiterführenden Bildungseinrichtungen genügen. Als vorrangiges Instrument zur Erreichung der Qualitätssicherung  wurden Zentralabitur und Zentrale Prüfungen am Ende der Klasse 10 eingeführt. Zentrale Prüfungen sollten zudem für mehr Gerechtigkeit bei der Bewertung der Leistungen sorgen. Ein Ergebnis der Neuregelung ist eine ernorme Verschärfung des Leistungsdrucks. Auch die Tendenz  vor allem zielgerichtet auf  Prüfungen hin zu lernen, wird befördert. Kreativität und Freiräume für die SchülerInnen bleiben durch die Leistungsverdichtung auf der Strecke.

2007 gab es in der Gedichtsanalyse im Deutsch-Leistungskurs des Zentralabiturs gleich zwei Fehler. Das Verfassungsdatum des Gedichts wurde falsch  angegeben. Dabei bezog sich die Aufgabenstellung explizit auf den epochalen beziehungsweise historischen Kontext. Ein bedeutungsverändernder Fehler, der bei der Abschrift des Gedichts aus der Ursprungsquelle unbemerkt übertragen worden war, lag zusätzlich vor. Weitere Fehler traten in den Klausuren der Leistungskurse Chemie und Biologie auf. Außerdem musste in den Klausuren des Sozialwissenschafts- und Geschichtsleistungskurses der Erwartungshorizont nachträglich abgeändert werden. Bei der Durchführung der zentralen Prüfung ist es auch 2008 wieder zu verheerenden Fehlern gekommen: In mehreren Fächern wurden Aufgaben falsch, sinnentstellt oder unvollständig gestellt. Die hauptsächlich durch Beamte des Ministeriums formulierten und ausgewählten Aufgaben wiesen einen Umfang und Schwierigkeitsgrad auf, der für die SchülerInnen nicht zu bewältigen war. Die "handwerklichen Mängel" belegen, dass das Ministerium mit der Qualitätssicherung erst einmal im eigenen Haus beginnen sollte.

Leistungsgerechtigkeit?

Zu große Klassen, gestresste LehrerInnen, Unterrichtsausfälle, reparaturbedürftige Schulgebäude, minderwertiges Lehrmaterial und antiquierte Lehrmethoden kennzeichnen den Schulalltag in NRW, wie überall in der BRD. Wer die Qualität des Bildungsangebotes anheben und nachhaltig sichern will, muss bei diesen Ursachen ansetzen, nicht bei der Einführung zentraler Prüfungen. Aber auch in einer gepflegten, gut ausgestatten Schule, mit kleinen Klassen, entspannten LehrerInnen, ohne Unterrichtsausfälle und mit den Anforderungen genügenden Lehrmaterialien und -methoden, ist noch nicht zwingend die Qualität der Bildungsziele gesichert. Über diese notwendigen Voraussetzungen hinaus müssen die gesellschaftlichen Bedingungen für Bildung und Ausbildung verbessert werden. SchülerInnen, die wegen der Armut ihrer Eltern, hungrig, ohne Lernmaterial oder ohne über die Schule hinaus gehende kulturelle Teilhabe, zum Unterricht erscheinen, haben keine guten Voraussetzungen, die Bildungsziele zu erreichen. Auch die ständige Angst, keinen Ausbildungs- oder Studienplatz zu erlangen, wirkt sich negativ aus. Aufgrund der unterschiedlichen Voraussetzungen der SchülerInnen ist eine Zentralprüfung mitnichten ein Beitrag zu einer gerechten Bewertung der Leistungen. Vielmehr bevorzugt die Standardisierung der Prüfung diejenigen, die einem bildungsbürgerlichen Elternhaus entstammen und durch Einsatz von u.a. Geld und Zeit die Vorbereitung zielgerichtet optimieren können. Gerecht und pädagogisch sinnvoll wäre hingegen, individuelle Lernprogramme mit zielgerichteten Förderungen nach den Bedürfnissen und Wünschen der SchülerInnen zu verbinden.

Standardisierte Prüfungen und Kopfnoten

Gegen Widerstand hat Ministerin Sommer in NRW sechs sogenannte Kopfnoten wieder in die Zeugnisse eingeführt. Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit/Sorgfalt, Selbstständigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Konfliktverhalten und Kooperationsfähigkeit werden in den Notenstufen sehr gut ("entspricht den Erwartungen in besonderem Maße"), gut ("entspricht den Erwartungen in vollem Maße"), befriedigend ("entspricht den Erwartungen im Allgemeinen") und unbefriedigend ("entspricht den Erwartungen noch nicht") bewertet. In Interviews führte die Ministerin dazu aus, dass den Sekundärtugenden Disziplin, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit wieder mehr Bedeutung zukommen soll.  Auch Arbeitgeber sollen damit Auszubildende besser einschätzen können. Damit stellen sich Zentralprüfungen und Kopfnoten als zwei Seiten der gleichen Medaille heraus: Bildung dient der Bereitstellung verwertbarer Arbeitskraft nach dem Maßstab des Kapitals und der mit ihm kooperierenden Eliten.     

Festhalten am dreigliedrigen Schulsystem...

Ministerin Sommer hat seit 2005 einen Werbefeldzug für die Hauptschule veranstaltet, der jedoch nicht über Symbolpolitik hinausgekommen ist. Gleichzeitig nahm sie Eltern das Recht selbst zu entscheiden, welche Schulform ihr Kind nach der vierten Grundschulklasse besuchen wird. Die Entscheidung liegt nun beim pädagogischen Personal der Grundschule. Diese Politik soll das dreigliedrige Schulsystem stabilisieren. Die Hauptschule soll wieder von mehr Kindern besucht werden. Bis jetzt sind jedoch die Anmeldungen zur Hauptschule weiter rückläufig. Zwei Drittel der 700 Hauptschulen in NRW sind in ihrer Existenz gefährdet. Viele von ihnen haben zum kommenden Schuljahr noch nicht einmal 20 Anmeldungen für die fünfte Klasse. Auch die Bemühungen der Landesregierung Ganztagsbetreuung an Hauptschulen anzubieten, vermochte diesen Trend nicht zu brechen. Die große Mehrzahl der Eltern wendet sich von der Hauptschule ab. Immer mehr Eltern melden ihre Kinder zur Gesamtschule an. Sie ziehen damit die Konsequenz aus den kaum noch vorhandenen Chancen von HauptschülerInnen einen Ausbildungsplatz zu erlangen.

... für eine Neuordnung der Klassengesellschaft

In einer anderen Frage erwies sich die Ministerin sehr viel elternfreundlicher. Seit 2005 können Eltern selbst  entscheiden, in welchem Schulbezirk sie ihr Kind zur Grundschule anmelden. Die bewusste Wahl wird nach den Erwartungen aller Fachleute die Qualitätsunterschiede der Grundschulbildung verstärken und zur "Ghettobildung" beitragen. Die gesellschaftliche Dimension der schwarz-gelben, neoliberalen Schulpolitik erschließt sich aus der Zusammenschau der unterschiedlichen Maßnahmen als ein Beitrag zum Klassenkampf von oben.

Die im dreigliedrigen deutschen Schulsystem ohnehin zu früh beginnende Selektion der SchülerInnen soll zukünftig noch eher, mit der bewussten Auswahl von Kindergarten und Grundschule beginnen. Kinder gut ausgebildeter, gut verdienender Eltern werden dann schon mit drei oder sechs Jahren von den Kindern nicht so gut ausgebildeter, nicht so gut verdienender Eltern getrennt. Aus der Wahl der Grundschule wird bereits folgen, welche Chancen ein Kind hat, eine weiterführende Schule zu besuchen. Dort angelangt, werden wieder die Herkunft und der wirtschaftliche Erfolg des Elternhauses maßgeblich sein. Der Erhalt des dreigliedrigen Schulsystems mit den Anforderungen an die Reproduktion bildungsbürgerlicher Inhalte und die geforderte Bereitschaft zur freiwilligen Übernahme gesellschaftlicher Normen im Gymnasium, werden die Selektion verstärken. Die Struktur des Schulsystems wird so objektiv einen Beitrag dazu leisten, dass die Kinder der Gutausgebildeten und Gutverdienenden, in einer Wirtschaft, in der Bildung, Wissen und Netzwerkkontakte die Position auf dem  Arbeitsmarkt bestimmen werden, die Nase vorn haben werden.

Edith Bartelmus-Scholich, 14.6.08







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz