Was man für Geld nicht kaufen kann


Bildmontage: HF

06.01.13
SozialesSoziales, Wirtschaft, Kultur, Debatte, TopNews 

 

von Rupert Neudeck

Die moralischen Grenzen des Marktes. Zu einem erschreckenden Buch.

Das ist das Buch, in dem uns die amerikanische Lebenswelt besonders nahe rückt und gleichzeitig fremd vorkommt. Obwohl wir das Fremdsein schon wieder differenzieren müssen, denn wir halten uns zwar für im Wortsinne – Werte-voller als die US-Amerikaner, sind aber auch schon auf dem gleichen Dampfer.

Was alles mit Geld und auf dem Markt gehandelt werden kann, das macht uns sprachlos. Und wenn diese Sprachlosigkeit an ihre Grenze zu kommen scheint, sagt uns der US-amerikanische „politische Professor“ (so der Klappentext), dass andere in anderen Kontinenten auf diesem Wege schon wieder weiter sind als die Amerikaner.

Im vierten Teil erzählt der Autor, dass er aus der New York Times (ganz eindeutig ist das eine Autorität für ihn) von einer chinesischen Firma erfahren habe, die auf dem Markt eine „ungewöhnliche Dienstleistung anbietet“. Wenn man sich entschlossen hat, sich für etwas zu entschuldigen, aber es ist einem peinlich, das selbst zu tun, dann kann man in China die Firma TIANJIN beauftragen. Das Motto der Firma lautet: „We say sorry for You“. Das sind dann professionelle Entschuldigungsspezialisten, Anwälte, Sozialarbeiter, mit exzellenten verbalen Fähigkeiten, die eine spezielle Ausbildung erhalten haben“.

So etwas schreibt der Autor um zu sagen, andere treiben es noch viel weiter und heftiger. Es geht darum, das Denken der Ökonomen, das die amerikanische Gesellschaft total beherrscht, an wenigen Grenzen und Grenzmarkierungen in Schach zu halten. Man kann einiges nicht kaufen, oder nur unter dem Verlust des Eigentlichen. Freundschaft, Liebe, Kinder, eigene Organe usw.

Man tue gut daran, das ethische Verhalten auch als eine Ware anzusehen, „mit der wir sparsam umgehen sollten. Dahinter stehe die Vorstellung, die der Autor mit einem anderen Philosophen, Arrow, teilt, dass „wir uns auf Altruismus, Großmut, Solidarität oder staatsbürgerliche Pflichten nicht zu sehr verlassen sollten“. Warum? Diese „moralischen Empfindungen sind rare Ressourcen, die durch ihren Gebrauch erschöpft werden“.

Märkte, also die Vollblutrealität, mit der ein westlicher Bürger, vorzugsweise ein Amerikaner, von der Wiege bis zur Bahre zu tun hat, verlassen sich auf Eigeninteressen, „was den Vorteil hat, dass wir den begrenzten Vorrat an Tugend nicht anzutasten brauchen.“ Das erinnert mich an die alteuropäische Weisheit des polnischen Satirikers, dem ich mit seinem Sarkasmus mehr vertraue als den Nachbarn in den USA. Stanislaw Jerzy Lec hat uns den Aphorismus überliefert, der das Gebäude des Buches von Michael Sandel einstürzen lässt: „Er hatte ein reines Gewissen, er benützte es nie!“

Wenn wir uns bei der Versorgung mit Blutkonserven auf die Großzügigkeit aller verlassen, werde am Ende „weniger Großzügigkeit für andere soziale und wohltätige Zwecke übrig bleiben“. Behutsam und heuchlerisch erscheint mir das Argument, das Sandel von Arrow übernimmt: „Nutzen wir dagegen das Preissystem, um den Blutnachschub zu sichern, können sich die altruistischen Impulse der Menschen anderswo entfalten“. Ganz pfleglich möchte man mit den altruistischen Vorräten und Beständen umgehen und deshalb den Markt möglichst überall zum Toben bringen, jetzt umso mehr, als dem Markt-Kapitalismus kein weltweiter Gegner mehr gegenübersteht.

Meine eigene Lebenserfahrung in 30 Jahren mit einer Organisation , die sich ausschließlich auf die Großzügigkeit der menschlichen, meinetwegen altruistischen Solidarität verlassen hat, spricht eine genau umgekehrte Sprache. Ich konnte mich auf diese Moral immer verlassen. Ich bin deshalb gegen die Schonung der Ressource, die erst knapp geredet wird, und dann gegen den Markt ausgetauscht wird: Diese ökonomische Vorstellung von Tugend liefere uns noch mehr (?) Gründe, „die Märkte auf alle Lebensbereiche auszudehnen“.

Komplementarität ist dagegen eine gute Voraussetzung für das Funktionieren der Ressource Nächstenliebe. Sandel resümiert die Vorlesung zum 200. Gründungstag der Columbia University 1954: „What does the economist economize?“ Das war eine typisch amerikanische Laudatio auf die Ökonomie, die den „aggressiven und auf Erwerb ausgerichteten Instinkten der Menschheit huldigen“, dabei aber auf dem Rücken des Aktes, wie Hegel sagen würde, dennoch der moralischen Mission dienen. Der Prediger, der den Menschen die höheren Tugenden – Altruismus, Mildtätigkeit, Großmut einimpfen muss, braucht zu seiner Abstützung den Ökonomen, dessen Aufgabe darin besteht, soweit wie möglich dazu beizutragen, dass die Aufgabe des Predigers bewältigbar ist und bleibt.

Das ist anders formuliert und begründet richtig. Man kann diese Nicht Regierungsaufgabe, dieses Ehrenamt nur richtig und gut erfüllen in einem Staat, der auf den Säulen Rechts- und Sozialstaat ruht. Anders geht das nicht. Wir – von Cap Anamur – konnten mit Millionen unserer Bürger Tausende von Vietnamesen aus dem südchinesischen Meer retten, aber wir brauchten dazu den Staat, der die Menschen dann hier in Deutschland aufnahm.

An anderen Stellen wirkt die Argumentation europäisch oder auch aristotelisch und damit beruhigend, so beim Thema der Lizenz zum Kinderkriegen. Der Handel mit dem Recht auf Fortpflanzung korrumpiert die Elternschaft. Die Elternliebe kreist im Kern um die Vorstellung, dass die eigenen Kinder unveräußerlich sind. Es sei undenkbar, sie zum Verkauf freizugeben. Man kann daher schließen, so der Autor, dass ein Markt für das Recht auf Fortpflanzung ungeachtet möglicher Vorzüge die Elternschaft auf eine Weise beschädigen würde, die durch eine „fixe Quote vermieden würde“.

Damit kommen wir in den Tagen, da das 500jährige Jubiläum von Martin Luther gefeiert wird, erneut zu einer weltweiten Problematik von Ablasshandel, dem Emissionshandel mit Verschmutzungsrechten. Der Schmutz bleibt ja Schmutz und schädigt das Weltklima und unser globales menschliches Wohlbefinden. Aber einige können den Schmutz durch Bezahlen aufsaugen und anderen die Möglichkeit geben, am Dreck zu verdienen.

Der Autor macht – immer in dieser Mischung von US-amerikanischer Non-Chalance und gleichzeitig einer gewissen menschheitlich-moralischen Sorge – auf „die Eroberung des Alltags durch kommerzielle Werbung“ aufmerksam. Die hemmungslose Ausweitung der Werbung kann eine Gesellschaft hervorbringen, „in der Wünsche der Firmensponsoren und das Konsumdenken im Zentrum stehen“, ja, er sagt es drastischer: in der einem alles „von Mastercard oder Mac Donald’s präsentiert“ wird. Das eben sei auch eine Entwertung.

In den USA haben in finanzielle Not geratenen Städte und Staaten alles versucht, über die Runden zu kommen, indem sie Werbefirmen den Zugang zu öffentlichen Stränden, Parks, U-Bahnen, Schulen, Kulturdenkmälern usw. verkauft haben.

Bei uns in dem vertrauten Alteuropa haben wir den Prozess in ausgewählten Bereichen zugelassen, damit das Erschrecken sich in Grenzen hält. Bandenwerbung in Fußballstadien, Sklavenhandel mit Fußballstars, Vereine als Großfirmen, die an die Börse gehen, die Kommerzialisierung von Olympia ging ohne großen Protest vor sich, obwohl zu meiner Jugendzeit mir noch die Affäre mit dem Skispringer Schanz in Erinnerung war, der mal irgendeine Werbesache gemacht hatte und deshalb von der Olympiade ausgeschlossen wurde.

Wohin geht die Totalkommerzialisierung? Menschen können mittlerweile ihre Haut verkaufen mit Tattoos und Werbeträgern, statt Baseball haben wir Moneyball. Die Aufteilung der Gesellschaft in die Normal-Bürger und die Reichen wird in Stadien in den USA durch immer größere VIP-Lounges verstärkt.

Das steht der arme Europäer nach der Lektüre des Buches und sagt sich: Müssen die Märkte auch unsere (europäischen) Normen so verwandeln, wie uns der Harvard Professor von den USA und Kanada berichtet? Das Buch ist wichtig, um Gefahren vorzubeugen. Und es kennt nur eine Antwort, und die ist von dem Königsberger Philosophen Immanuel Kant: „Handle so, dass Du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals als Mittel brauchest“. (Grundlegung der Metaphysik der Sitten, Darmstadt 1964, S. 61)

Und mit I. Kant bin ich dagegen, dass wir uns auf diesen Weg der Märkte und der Korrumpierung der Werte begeben. Und wenn wir auf diesem Wege schon sind, bitte schleunigst herunterkommen.

Quelle:
Rupert Neudeck 2012
Grünhelme 2012

www.sonnenseite.com/Buch-Tipps,Was+man+fuer+Geld+nicht+kaufen+kann,34,a23949.html

 


VON: RUPERT NEUDECK






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