Tannen – ein Porträt

22.11.20
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Wilhelm Bode: Tannen – ein Porträt

Reihe: Naturkunden Bd. 067, 2020. Matthes & Seitz, Berlin. 160 S. 20,00 €, ISBN: 9783957579485 

Rezension von Axel Schmoll

Wilhelm Bode vermag aus einem schier überbordenden Wissensfundus und Erfahrungsschatz zu schöpfen, wenn er über Tannen schreibt, gleichermaßen wissenschaftlich-fundiert und pointiert, mitunter mit einer gut dosierten Prise Schärfe, wie kurzweilig und lebendig. Für das Saarland verwirklichte er 1987 als Leiter der Forstverwaltung auf der gesamten öffentlichen Waldfläche das kahlschlagfreie Dauerwaldprinzip und zeigte damit viel Mut für einen forstlichen Paradigmenwechsel; Mut, den man heutzutage vielen grün-gemischten Landesregierungen nur wünschen kann... Zusammen mit Martin von Hohnhorst verfasste Bode 1994 das Buch "Waldwende - Vom Försterwald zum Naturwald", das in den vielfältigen Kämpfen für eine Waldwende zu einem wichtigen Waldnaturschutz-Klassiker wurde und auch heute (leider) noch nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat.

Folgerichtig stellt Bode - wie auch in seinem Buch über Hirsche - seine Hauptprotagonistin ins Zentrum vielschichtiger und komplexer historischer, kultureller und künstlerischer Reflexionen. So wird die Rolle der Tanne im deutschen Weihnachtsbaumkult beleuchtet und das bedeutende Meisterwerk der Romantik von Caspar-David Friedrich, der Tetschener Altar, im Kontext mit der Symbolik von Fichten und Tannen thematisiert. Im deutlichen Fokus des Buches stehen natürlich waldökologisch-systemische Betrachtungen der Tannen, Fichten und anderer Nadel- und Laubbäume. Die Weißtanne ist geradezu eine Paradebaumart für die Forderung nach naturnahen und strukturreichen Wäldern mit viel Alt- und Totholz, da sie sich nicht in naturferne Monokulturen und Altersklassenplantagen einfügen lässt. Somit aus Sicht eines Waldökologen auch ein sehr sympathischer Baum. Kein Wunder, dass sie durch die "moderne" Forstwirtschaft geradezu systematisch verdrängt und durch die Fichte ersetzt wurde. Im Kapitel "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" - warum das Kapitel so heißt soll an dieser Stelle nicht verraten werden... - wird eindrücklich beschrieben, wie der Schwarzwald seines einstigen Tannenreichtums beraubt wurde. Ein fataler Fehler, wie sich angesichts des Fichtenplantagensterbens überall zeigt. Das Dauerwaldprinzip, das die „Stetigkeit des Waldwesens als lebendem Organismus“ ins Zentrum forstökologischer Ansätze stellt, lässt sich bei unserer heimischen Weißtanne geradezu idealtypisch aufzeigen. "Die Weißtanne hält der schlagweisen Wirtschaft unerbittlich den Spiegel ihres Unvermögens vor, so unverblümt wie sonst keine andere Baumart das tut". Und da ist Wilhelm Bode natürlich voll in seinem Element, wenn er das "Mehrgenerationenhaus" der Wälder auch für den Nicht-Wissenschaftler anschaulich und fast spielerisch erläutert.

Und wie man es von Wilhelm Bode gewohnt ist, redet er auch in diesem Buch Tacheles. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er die Methoden der Intensivforstwirtschaft kritisiert, Forstmaschinen wie den 70 bis 80 Tonnen schweren "Raptor" mit schweren Kettenpanzern vergleicht oder die unsägliche Rolle von Forstakademikern bei der Bekämpfung von Wald-Bestsellern wie Peter Wohllebens "Das geheime Leben der Bäume" reflektiert. Gründlich räumt er mit dem Begriff "standortgerecht" auf, der eine rein ertragswirtschaftliche Komponente und keine ökologische meint, und erläutert, wie der, Deutschland noch immer zu 95% prägende Altersklassenwald als typisch deutsche Erfindung gilt, jedoch in Waldbau-Lehrbüchern als solcher nicht auftaucht. Zu den aktuellen Borkenkäfer"plagen", die weitaus weniger durch den Klimawandel als vielmehr durch die fatalen Fehler der Forstwirtschaft der letzten Jahrzehnte verursacht wurden, schreibt er: "Eine homogene Fraßstruktur schafft sich eben immer eine homogene Fresserstruktur".

Detailreich beschreibt Bode, wie stark die Weißtanne mit unserer eigentlichen Hauptbaumart, der Rotbuche, verbunden ist. So findet sie in natürlich verjüngten Buchenwäldern ideale Keimbedingungen vor und vermag ähnlich wie diese bis zu 100 Jahren als zimmerhoher Baum im Halbschatten seiner Kinderstube zu verweilen, bis ein natürlich entstehender Lichtschlot sie gen Sonne treibt und zu einem mächtigen Baumriesen, einem Herrscher im Kronendach, emporwachsen lässt, der 600 Jahre alt werden kann.

Und der Leser erfährt viele spannende Details über den beliebten Tannenhonig und der Rolle der Tannenrindenlaus dabei, über Tannenmisteln oder das Pilzgeflecht der Mykorrhiza. Auch im Hinblick auf den Klimawandel kann sich die Weißtanne als sehr gut angepasste Baumart erweisen, ist sie im Schatten des Waldesinneren bemerkenswert trockenresistent.

Dem Thema Weihnachtsbaum bzw. Weihnachtstanne widmet sich Wilhelm Bode sehr ausführlich. So erfährt man viel neues über die Historie von Tanne, Fichte & Co als umtanztes und heißgeliebtes Kultobjekt der Herzen, ideologische Missbräuche - oder wussten Sie, dass es 1914 Baumschmuck in Form von gläsernen U-Booten gab? - und auch eines meiner absoluten Lieblingsmärchen, Christian Andersens "Der Tannenbaum" wird im Zusammenhang mit Erich Fromms "Haben oder Sein" gedeutet.Man mag trefflich und kontrovers diskutieren, ob angesichts der Klima- und Biodiversitätskrise Weihnachtsbäume über den Gabentischen noch zu verantworten sind. Die Frage, ob dieses Buch über die Tanne eine gute Idee für den weihnachtlichen Gabentisch aller Wald und Naturinteressierten sein kann, ist indes sehr leicht zu beantworten. Auf jeden Fall!

Axel Schmoll, Leipzig







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