China und Entwicklungshilfe

16.06.12
InternationalesInternationales, Wirtschaft, News 

 

von Reinhold Schramm (Bereitstellung)

Die Reichen sind im Moment also so mit sich selbst beschäftigt, dass es gar nicht mehr zur Solidarität mit den Armen kommt?

„Ein Stück weit kann man das schon so sagen. Vereinzelt gibt es natürlich immer Solidarität. Aber keine Solidarität mit den Armen, wie wir sie im europäischen Raum unter dem Credo ,Liebe deinen Nächsten’ kennen. Das ist aber eher eine philosophische Frage und eine Frage der Tradition. Verantwortung für die Gesellschaft wird nur im Ausnahmefall übernommen, wie etwa beim Erdbeben in Wenchuan in der Provinz Sichuan im Jahr 2008. Da wurde von Privatpersonen sehr großzügig gespendet.

Generell entsteht Verantwortungsgefühl des Einzelnen hier aber eher im Rahmen von Netzwerken, klar strukturieren und begrenzten Beziehungsgeflechten. Ich bekämpfe die Armut, die mir innerhalb meines Netzwerkes begegnet. Dafür bekomme ich dann ein Täfelchen. Aber man bekämpft die Armut nicht einfach aufgrund eines Spendenaufrufs zu Gunsten von Empfängern, zu denen keine persönlichen Beziehungen bestehen, wie dies etwa in Deutschland der Regelfall ist.

Spendenskandale fördern nicht gerade die Geberlaune. Wenn zum Beispiel die angebliche Rote-Kreuz-Mitarbeiterin Guo Meimei in ihrer Freizeit einen Maserati fährt, fügt das der Glaubwürdigkeit von Hilfsorganisationen doch massiven Schaden zu.

Das ist richtig. Auch von der Verwendung der Spenden für das Erdbeben in Wenchuan sind viele Menschen enttäuscht. Von den mehr als zwei Milliarden Euro, die gespendet wurden, kam längst nicht alles bei den Opfern der Katastrophe an, weil Geld durch zu viele Hände lief. Das hatte zur Folge, dass bei einigen Großorganisationen in China das Spendenaufkommen um bis zu 90 Prozent eingebrochen ist. Der chinesische Spender schaut heute viel kritischer darauf, wie sein Geld verwendet wird. {...}“ (Vgl.) [1]

“Knapp ein halbes Prozent der Haushalte besitzt über 70 Prozent des Reichtums“

„Eingeklemmt zwischen dem öffentlichen Versprechen, den Konsum zu stärken und die soziale Sicherung auszubauen, womit nicht zuletzt die wachsenden Ansprüche der arbeitenden Bevölkerung befriedigt werden sollen, und dem fortdauernden Glauben an die mit niedrigen Löhnen verbundenen Wettbewerbsvorteile, schwankt die Staatsführung zwischen ausgleichend-autoritativen und desorganisiert-despotischen Formen des Krisenmanagements“, beschreibt Tobias ten Brink das Spannungsfeld hinter den Kulissen des chinesischen Wirtschaftserfolgs. [2]

Als Sand im Getriebe könnten sich die enormen sozialen Unterschiede erweisen. „Neueren Schätzungen zufolge verfügen 0,4 Prozent der Haushalte über 70 Prozent des Reichtums. Der Lohnanteil am BIP ist von 53 Prozent im Jahr 1992 auf unter 40 Prozent gesunken“, sagt Tobias ten Brinck. Damit steht in China einer vergleichsweise geringen Zahl von Menschen aus wirtschaftlichen und politischen Eliten Millionen gewöhnlicher Werktätiger gegenüber. Jahrzehntelang haben Wanderarbeiter das Rückgrat der chinesischen Wirtschaftsentwicklung gebildet und schweigend zu Dumpinglöhnen am Fließband Waren für den Westen montiert. (Vgl.) [2]

Quelle:
[1] Beijing Rundschau, 11.06.2012: »China und Entwicklungshilfe: „Wir müssen auch wieder ausfädeln!“« - »Im Interview spricht Michael Kropp von Misereor China über die Herausforderungen einer christlichen Entwicklungshilfeorganisation in China, die Spendenbereitschaft der Chinesen und die Notwendigkeit, die Entwicklungshilfe mittelfristig lokalen Organisationen zu überlassen.«
http://german.beijingreview.com.cn/german2010/Focus/2012-06/11/content_458609.htm

[2] »China: Der kurze Marsch in den Kapitalismus«, Projekt: Tobias ten Brink, Text: Birgit Fenzel. Gesellschaftsforschung 2/11, Schwerpunkt China, Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln
http://www.mpifg.de/aktuelles/newsletter/MPIfG_Newsl_2-11.pdf

 


VON: REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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