Neuerscheinungen Sachbuch

15.10.21
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Esther Dischereit (Hrsg.): Hab keine Angst, erzähl alles! Das Attentat von Halle und die Stimmen der Überlebenden, Herder, 2021, ISBN: 978-3-451-39133-0, 20 EURO (D)

Zahlreiche Betroffene der Mordanschläge von Halle/Saale am 9.10.2019 haben während des Prozesses gegen den Attentäter das Wort ergriffen. Dieser Band werden ausgewählte Dokumente des Prozessgeschehens zusammengetragen: Interviews, Wortmeldungen der Betroffenen, ihrer Nebenklägervertreter und Gutachten von Sachverständigen.

Zunächst werden ein Foto, das der Vater des ermordeten Kevin S. der Herausgeberin schickte, und eine leere Seite, die für die ermordete Jana I. gemäß dem Wunsch der Familie steht abgedruckt. Im Vorwort gibt es einen Überblick über die Ereignisse als Wissensgrundlage.

Der erste Teil enthält die Stimmen der Überlebenden. In Interviews kommen Max Privorozki, Geschäftsführer und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Agata Maliszewska, Sabrina Slipchenko, dem jüdischen Künstler Valentin Velvel Lutset aus Berlin, den schwerverletzten Opfern Dagmar Mönkemeyer und Jens Zinecker und dem überlebenden Augenzeugen und Nebenkläger Ismet Tekin. Außerdem wird die gemeinsame Erklärung von Nebenklägerinnen und –klägern im Prozess gegen den Attentäter abgedruckt. Genauso wie Redemanuskripte zum Gedenktag 2020, verschiedene Zeugenaussagen und Statements vor Gericht.

Sehr aussagekräftig ist folgendes Zitat von Valentin Velvet Lutset: „Das Problem ist nicht der Angeklagte, sondern die Gesellschaft. Eine Gesellschaft der Verantwortungslosigkeit. Der Täter ist eigentlich deren zugehöriger Außenseiter, während sie das Gedächtnis an die Opfer konsumiert, um die eigene Geschichte nicht bearbeiten zu müssen und zu vergessen. (…) Wir können und müssen es als Gesellschaft besser machen.“ (S. 120)

Im zweiten Teil werden die Plädoyers, neun an der Zahl, der Nebenklagevertreterinnen und – vertreter abgedruckt. Neben vielen anderen Versuchen der Einordnung der Tat und rechter Gewalt im Allgemeinen plädiert Sebastian Schamer zu Recht: „Was dieser Prozess nicht suggerieren darf, ist die Sicherheitsbehörden und die Gesellschaft von der Mitverantwortung für die Anschläge reinzuwaschen.“ (S. 205)

Der dritte Teil enthält Aussagen von Sachverständigen: Dies ist erstens Karolin Schwarz, Journalistin und Autorin, die Stellungnahme des Bundesverbandes der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e.V. (Bundesverband RIAS) und von Matthias Quent vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) Jena.

Im Anhang wird noch die Herausgeberin vorgestellt.

Dies ist ein Buch, das keinen kalt lassen wird und aufwühlt: In den Dokumenten werden der Anschlag, dessen Folgen und mutmaßliche Hintergründe und die emotionalen Wunden der Betroffenen authentisch nachgezeichnet, zum Glück ohne viel Edition der Herausgeberin.

Gut ist auch, dass hier nicht der Täter im Mittelpunkt steht, sondern die Opfer und potentiellen Opfer. Eindrücklich sind vor allem die Gesellschaftskritik zur unzureichenden Aufarbeitung des Antisemitismus in der Vergangenheit, den gegenwärtig wieder salonfähigen Antisemitismus und die Verbindungslinien zwischen antisemitischen Ereignissen 1938 in Halle und der heutigen Tat. Das Versagen der „Sicherheitskräfte“ spielt leider nur eine Nebenrolle.


Buch 2

Tom Burgis: Kleptopia. Wie Geheimdienste, Banken und Konzerne mit schmutzigem Geld die Welt erobern, Westend, Frankfurt/Main 2021, ISBN: 978-3-864-89326-1, 22 EURO (D)

Der Enthüllungsjournalist Tom Burgis legt in diesem Buch die schockierenden Dimensionen politischer und wirtschaftlicher Verbrechen offen. Es handelt sich um ein Netzwerk aus Banken, Geheimdiensten, Politiker*innen und Angehörigen der globalen Finanzelite, das im Geheimen agierte und vermutlich noch agiert. Für dieses Buch recherchierte er vor allem in Osteuropa, Russland, Asien, Großbritannien und den USA.

Burgis präsentiert eine unehrliche Koalition von korrupten Politikern, Tycoons, windigen Geschäftsleuten und Kriminellen, die mit der Hilfe von Banken und Juristen Schwarzgeld in großer Form beiseite geschafft haben. Dieses Buch berichtet nicht nur über Diktatoren, die ihr eigenes Land und deren Bodenschätze geplündert haben, sondern auch von der Elite demokratischen, westlichen Staaten. Eine Koalition der Korruption über Weltanschauungen, politische Systeme und Ländergrenzen hinweg.

Eine Parallelwelt des schmutzigen Geldes wird präsentiert, die im Verborgenen existierte, und von deren illegalen Geschäften zu Lasten der Allgemeinheit nun wenigstens einiges ans Tageslicht kommt. Der Weg führt quer über den gesamten Globus nach Harare, Paris, Ruanda, Russland und den Kreml, Peking auch zum Finanzplatz London und dem Weißen Haus.

Ein Schwerpunkt des Buches ist Kasachstan und die Herrschaft des früheren Präsidenten Nursultan Nazarbayev, der angeklagt wird, den Reichtum seines Landes, vor allem Ölfelder unter dem Kaspischen Meer oder Uran, für seinen eigenen pekuniären Vorteil ausgebeutet zu haben. Die staatliche Ölgesellschaft hatte der autokratisch regierende Nazarbayev dabei zu seinem Vorteil ohne große Mühe okkupiert.

Die Beziehung zwischen Felix Sater, einem zwielichtigen New Yorker Broker und dem früheren US-Präsidenten Donald Trump wird ebenfalls ausgebreitet. Saters Rolle bei der Finanzierung des Trump Towers in Moskau und die Hintergründe schmutziger Deals werden ebenfalls erfahrbar.

Das Buch ist eine Enthüllung von mafiaähnlichen Strukturen innerhalb der globalen Finanz- und Machtelite von unbeschreiblichem Ausmaße. Über Autokratien bis hin zu kapitalistischen Staaten hinweg geht es um die Verschleierung schmutzigen Geldes, Machtmissbrauch, Korruption und die Rollen von ehrenwerten Banken in diesem kriminellen Geflecht. Dabei ist das Buch spannend wie ein Finanzkrimi geschrieben.

Wer glaubt, dass Burgis sich dies alles nur ausgedacht hat, um sich wichtig zu machen, der glaubt auch noch an den Weihnachtsmann.


Buch 3

Elinor Greenberg: Borderline und Narzissmus. Wie Menschen nach Liebe und Bewunderung streben. Aus dem Amerikanischen von Silvia Autenrieth. Kösel, München 2021, ISBN: 9783466347643 , € 30,–

Die New Yorker Gestalttherapeutin Elinor Greenberg fokussiert sich in diesem Praxisbuch auf Persönlichkeitsstörungen und zeigt, wie Borderline-, narzisstische und schizoide Persönlichkeitsanpassungen erkannt werden und wie Therapeut*innen, Psycholog*innen und Ärzt*innen erfolgreich mit betroffenen Patient*innen arbeiten können. Im Gegensatz zu vielen anderen Therapeut*innen hält Greenberg narzisstische Persönlichkeitsstörungen für behandelbar: Jeder, der die notwendige Therapiearbeit macht, kann Bewältigungsstrategien entwickeln und Kindheitswunden heilen.

Zu Beginn definiert sie Borderline-, narzisstische und schizoide Persönlichkeitsanpassungen und arbeitete ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten heraus. Dabei versucht sie auch den Unterschied zwischen zwingend behandelbaren Fällen und der Masse der Menschen, wo keine destruktive Störung vorliegt, zu veranschaulichen, wobei dies nicht an einigen Stellen so richtig deutlich wird.

Sie beschreibt die einzelnen Krankheitssymptome und deren Merkmale. Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung sehnen sich vor allem nach Liebe, Narzissten streben nach Bewunderung und schizoid geprägte Persönlichkeiten suchen zentral nach Sicherheit.

Die Auslöser dieser Krankheiten liegen oft in der Kindheit und dem familiären Umfeld zugrunde. Aufgrund bestimmter situativer, familiärer oder biografischer Umstände lernen Menschen mit der Zeit ein Verhalten aufzubauen, das sich dann verstetigt und verfestigt und schließlich die eigene Persönlichkeit beherrscht. Unerfüllte kindliche Grundbedürfnisse, der Umgang mit Schwierigkeiten einschneidender Ereignisse oder verdrängte starke Emotionen sind oft die Basis für Borderline-, narzisstische und schizoide Persönlichkeitsanpassungen, die sich meist erst so richtig im Erwachsenenalter herausbilden. Vor allem Partner/Partnerin leiden dann unter diesen Krankheiten, die Erkrankten haben selbst wenige Freunde und sind selten in der Lage, stabile Beziehungen aufzubauen und zu führen.

Die Möglichkeiten der Therapie werden an mit vielen Beispielen aus ihrer langjährigen Praxis veranschaulicht. Dabei geht es vor allem um die Herangehensweise, die Bedeutung der Person des Therapeuten und die Art und Weise des Umgangs mit Patient*innen, die in den Settings immer wieder ihre Symptome in der Beziehung zum/r Therapeuten/in zeigen. Auch wie in die Verletzungen der Kindheit zurückgegangen werden kann, wird demonstriert.

Das Buch hat zwar eine hohe fachliche Qualität, es ist dennoch nicht nur für Therapeut*innen oder anderer psychologischer Fachkräfte geschrieben. Es ist ein populärwissenschaftliches Buch für einen breiteren Leserkreis, das die Entstehungsweisen von Krankheiten genauso wie die Therapiemöglichkeiten ausführlich beschreibt.

Es ist ebenfalls für Partner*innen oder Angehörige von Betroffenen geschrieben, auch für Betroffene selbst zur Erkennen eigener Krankheitssymptome oder Ausprägungen. Obwohl bei letzterem Adressat*innenkreis es fraglich ist, ob dies vor sich selbst eingestanden werden kann.

 

Buch 4

Emran Feroz: Der längste Krieg. 20 Jahre War on Terror, Westend Verlag, Frankfurt/Main 2021, ISBN: 978-3-864-89328-5, 18 EURO (D)

Mit der Operation „Enduring Freedom“ begann am 7.10. 2001 der „Krieg gegen den Terror“ in Afghanistan, der bis heute zum längsten Krieg der USA und ihrer Verbündeten geworden ist, mit Tausenden Toten und Verletzten, darunter auch deutsche Soldat*innen.

Emran Feroz berichtet als Journalist regelmäßig aus Afghanistan und ist für zahlreiche deutsch- und englischsprachige Medien tätig. Er beschreibt zum 20. Jahrestag diesen Krieg erstmals aus afghanischer Perspektive. Er will „einige der Märchen und Falschaussagen rund um den Afghanistan-Krieg“ dekonstruieren, die bis heute in den westlichen Medien verbreitet werden. (S. 18) Dabei kritisiert er auch westliche Journalist*innen, die ihre „eurozentristische Brille selten abgelegt“ haben und „als indirekte Vertreter des militärisch-industriellen Komplexes des Westens“ dienen. (S. 19)

Im Gegensatz zu westliche Journalist*innen besuchte er auch Orte, wo selten ein ausländische wie inländische Journalist*innen auftauchen, wobei ihm sein afghanischer Hintergrund half, Er sprach dabei mit ganz normalen Leuten aus der Bevölkerung wie auch lokalen Amtsträgern.

In dem Buch vertritt er eine sehr kritische Haltung gegenüber dem westlichen „Krieg gegen den Terror“, er sieht die Operation als gescheitert an. Mehr als das: Werte wie Menschen- und vor allem Frauenrechte, Demokratie, Pressefreiheit und einen funktionierenden Rechtsstaat wurden „vor Ort aufs Schlimmste verletzt, die westliche Allianz erschütterte in ihrem Kriegsgeheul sogar die Fundamente der eigenen Rechtstaatlichkeit. Mit dem ‚War on Terror‘ wurden Folter und Massenmord praktisch legalisiert und Hunderttausende von Menschen für vogelfrei erklärt.“ (S. 20) Der Krieg in Afghanistan hätte den Terror nicht beseitigt, sondern massiv zu dessen Verbreitung beigetragen.

Er konkretisiert diese Vorwürfe in sechs große Vergehen. Erstens Folterungen in dem Militärgefängnis Bagram, in dem tagtäglich gefoltert wurde, eine „Art afghanisches Guantanamo“. (S. 107). Menschen wurden dort ohne Anklage festgehalten und sogar ermordet. Zweitens westliche Kriegsverbrechen, die „permanent heruntergespielt, beiseitegedrängt, ignoriert oder bewusst vertuscht wurden. Jene, die ans Licht kamen, stellte man als ‚unglückliche Einzelfälle‘ hin.“ (S. 117) Viele Soldat*innen sahen Afghanen nicht als Individuen, sondern als „Freiwild, das zum Abschuss freigegeben wurden“. (S. 118)

Drittens wanderten Gelder, die in Afghanistan hineingesteckt wurden, in die Taschen korrupter Politiker*innen und Warlords, die das Geld ins Ausland schafften oder damit ein Luxusleben führten: „Der afghanische Politapparat, der vom Westen aufgebaut wurde, unterscheidet sich in keiner Weise von einem mafiösen Netzwerk, dem jedes Mittel recht ist, die eigenen Privilegien aufrechtzuerhalten.“ (S. 129).

Viertens geht es um den Einsatz von Kampfdrohnen und Bomben und Raketen im US-Luftkrieg, durch die viele unschuldige Zivilist*innen ermordet wurden. Die westliche Abschiebepraxis nach Afghanistan als „sicheres Land“ wird ebenfalls scharf kritisiert.

Der letzte Punkt sind Frauenrechte: „Den vermeintlichen Befreiern ging es niemals um Frauenrechte in Afghanistan, sondern lediglich um die eigenen Machtinteressen und der Erhaltung des ‚Wars on Terror‘, der Millionen von afghanischen Frauen und Mädchen zusätzliches Leid brachte.“ (S. 170) „Allein in der Hauptstadt sind gegenwärtig Tausende von Frauen als Bettlerinnen und Prostituierte tätig, während vermeintliche Frauenrechtlerinnen im westlichen Rampenlicht stehen und sich privat bereichern.“ (S. 179)

Dass der Afghanistan-Einsatz gescheitert ist, sollte trotz mancher politischer Schönrednerei als eindeutig gelten. Die Argumentationsstruktur des Kapitels über Frauenrechte ist dünn und nicht breit genug diskutiert, ansonsten ist das Buch ein kritisches lesenswertes Buch, das seinem Ziel als Dekonstruktion von Mythen und eindimensionaler Betrachtungsweise nahe kommt. Dazu trägt der gelungene Perspektivwechsel und der Graswurzelansatz in der Berichterstattung Feroz‘ bei.


Buch 5

Jackson MacKenzie: Keine Macht den Psychopathen. So befreien Sie sich von emotional traumatischen Beziehungen, Kösel, München 978-3-466-34760-5, 20 EURO (D)

Millionen Menschen leiden unter ihrem psychopathisch oder narzisstisch geprägten Partner*innen oder ähnlichen destruktiven Bezugspersonen. In diesem stehen die psychopathischen Paarbeziehungen im Vordergrund. Der Autor, der selbst eine solche Beziehung hinter sich hat, will Betroffene unterstützen, ihr damit verbundenes Leiden zu verstehen, ihnen Schuldgefühle nehmen, Verarbeitungstipps geben und für sich selbst Heilung zu finden.

Eine starke Intuition ist das wirksamste Abwehrsystem gegen manipulative Menschen und toxische Persönlichkeiten. Dreißig Alarmsignale, die die Grundstrukturen einer psychopathischen Persönlichkeitsstörung entlarven, werden am Anfang präsentiert.

Wie Psychopathen die Kontrolle über das eigene Leben übernehmen, wird auch gezeigt. Dabei werden drei Schlüsselkomponenten (Idealisierung, indirekte Gehirnwäsche und Sondieren des Terrains) veranschaulicht.

Die Etappen der Ablösung von psychopathischen Partner*innen und die Wege der eigenen Genesung kommen dann zur Sprache. Es wird dazu geraten, nach einem Aus in der Beziehung eine Kontaktsperre anzuwenden, um sich vor Manipulation zu schützen. Es werden Merkmale, die auf das Verhalten eines Psychopathen hinweisen, aufgezeigt und erläutert.

Die Fähigkeit, den Blick nach vorn zu richten und für sich mehr Lebensqualität zu erreichen, wird zuletzt angesprochen. Dabei werden Momente der eigenen Stärke ebenso vorgestellt wie eine Reihe von Eigenschaften von Betroffenen präsentiert, die eine Beziehung mit einem Psychopathen hinter sich haben. Die Ablösung vom psychopathischen Partner*innen und die Negierung der damit verbundenen Schuldgefühle bilden einen Schwerpunkt.

Das Buch zeichnet sich durch den persönlich gehaltenen Bericht des Autors über seine eigenen Erfahrungen in einer solchen Beziehung aus. Er gibt viele authentische Tipps und Ratschläge, die auf eine Stärkung der Opfer ausgerichtet ist. Für Betroffene, die sich noch nicht ablösen konnten oder sich nicht sicher sind, ob der/die Partner(in) eine toxische Persönlichkeit besitzt, sind die Merkmale und Verhaltensweisen, die MacKenzie an die Hand gibt, hilfreich. Es ist also mehr ein Erfahrungsbericht als ein wissenschaftlich gehaltenes Buch.


Buch 6

Kurt de Swaaf: Der Zustand der Welt. Warum wir die Erde noch retten können und was wir dafür tun müssen, Terra Mater, Wals bei Salzburg 2021, ISBN: 978-3-99055-024-3, 24 EURO (D)

Der Weltbiodiversitätsrat IPBES ist eine Teilorganisation der Vereinten Nationen. Er hat die Aufgabe, die Politik zum Thema biologische Vielfalt und Ökosystemleistungen wissenschaftlich zu beraten. Der Weltbiodiversitätsrat sammelt weltweit wissenschaftliche Daten, analysiert diese und zeigt politische Handlungsmöglichkeiten zum Schutz der biologischen Vielfalt auf.

In ihrem großen Bericht setzen sich über 500 Wissenschaftler*innen auf der Basis von Studien, die sich auf dem gesamten Planeten gemacht haben, mit dem Status Quo der Ökosysteme, ihrer Lebewesen und der Umweltbedingungen auseinander.

Die wichtigsten Erkenntnisse des Berichtes werden hier in diesem Buch von dem Wissenschaftsjournalisten Kurt de Swaaf zusammengefasst und für eine breitere Leser*innenschaft in einer verständlichen Weise aufbereitet.

Im ersten Kapitel werden die Ursachen für den schlimmen Zustand des Planeten aufgezeigt. Danach gibt es einen Überblick über die derzeitige Lage, bevor mögliche Zukunftsentwicklungen vorgestellt werden. Dabei wird konstatiert, dass sich die biologische Vielfalt und die Leistungen von Ökosystemen verschlechtert dramatisch: Das Artensterben ist heute mindestens dutzende bis hunderte Male größer als im Durchschnitt der letzten zehn Millionen Jahre.75 Prozent der Landoberfläche und 66 Prozent der Meeresfläche sind stark verändert. Über 85 Prozent der Feuchtgebiete sind verloren gegangen. Die negative Entwicklung ist auf zahlreiche direkte Treiber wie beispielsweise Landnutzungsänderungen, Umweltverschmutzung und Klimawandel zurückzuführen.

Soziale und politische Rahmenbedingungen, bieten wichtige Ansatzpunkte für Maßnahmen auf allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen. Dies wird im letzten Kapitel veranschaulicht, der ein „Ausblick und Aufruf zugleich“ ist. (S. 12)

Neben dem Appell an die zivilgesellschaftlichen Möglichkeiten, also was jede Person tun kann, wird ein neues Wissen und der Schaffung eines besseren Bewusstseins über den Wert der Ökosysteme angemahnt: „Wir Menschen brauchen eine neue Sicht auf diese Welt, und auf uns selbst.“ (S. 188) Auf der praktischen Ebene werden juristische Richtlinien und politische Maßnahmen gefordert. Neben der Implementierung von Ökosteuern soll ein gesetzlicher Rahmen für das Management von Süßwasser in all seinen Formen (Grundwasser, Oberflächenwasser und Abwasser) gesetzt werden.

Ohne eine deutliche Zunahme an staatlichen und internationalen Regulierung wird es nicht gehen. Das Konzept der Postwachstumsgesellschaft wird der Gedanke des „Buon vivir“ (gut leben) genannt. Neben sozialen Aspekten wie Solidarität und Kooperation peilt das Konzept auch eine harmonische Beziehung zur Natur an.

Dieses Buch zeigt die dramatischen Auswirkungen der menschlichen Gesellschaft auf die Umwelt, aber auch die Entstehung eines notwendigen Bewusstseins für die Gefahren und ein kurzfristiges Umsteuern. Es vermittelt insgesamt gesehen sachgerechte Informationen zum Thema Klimawandel mit einer guten Mischung aus Analyse und Gegenmaßnahmen. Deutlich ist: Es mangelt nicht an Konzepten und Ideen, sondern an der raschen Umsetzung dieser und einer ernsthaften Zusammenarbeit der internationalen Staatengemeinschaft.

Zur Vertiefung zu empfehlen ist auch folgendes Buch: Daniel R. Headrick: Macht euch die Erde untertan. Die Umweltgeschichte des Anthropozäns, WGB Theiss, Darmstadt 2021, ISBN: 978-3-8062-4394-9, 50 EURO (D)









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