Selfie, Genie und Größenwahn: Jamiri als „Gödel, Escher, Gott“

18.10.21
KulturKultur, TopNews 

 

Comic-Kritik von Hannes Sies

Jan-Michael Richter (oder kurz Jamiri) soll mit seinen Cartoons und Kurzcomics monatlich 1,5 Millionen Leser erreichen und ist damit vermutlich der einflussreichste Künstler dieses Landes. Witzig und anspruchsvoll unterhält er uns, aber wird er auch der Comic-Weisheit aus dem Batman-Universum gerecht, „Mit großer Macht geht große Verantwortung einher“? Diese Weisheit wurde durch die Nerd-Soap „Big Bang Theory“ berühmt und Jamiri lebt auch vom (medial oft auf rechtslibertär verengeten) Nerd-Image des Mathematikers.

Jamiris Kurzcomics, meist nur ein bis drei Bilder, handeln von seinem Alter-Ego (anderes Selbst): Sich selbst. Sein Alter-Ego hat selbst wieder ein Alter-Ego: Gott. Mit dem steht Jamiri in engem Kontakt, erhält wundersame Telefaxe von ihm, die das Rätsel des Universums lösen und Radarkontrollen vorhersagen. Meist gehen die beiden einen saufen. Größenwahn und Egozentrik also, aber stets ironisch gebrochen durch Aufprall auf die Realität, meist in Form von Jamiris Ehegattin. Die ist Mathematikerin und ihm geistig überlegen, was er in seinen Comics kompensiert, vor allem durch satirische Huldigungen an Genies der Mathematik von Fermat über Riemann zu Mandelbrodt und Perelmann. Die DMV (Deutsche Mathematiker-Vereinigung) publizierte, geschmeichelt von dieser künstlerischen Aufmerksamkeit, seine Mathe-Cartoons in ihren DMV-Mitteilungen. Am Endes des Bandes werden einige Proteste von Lesern der Mitteilungen dokumentiert, die „dumme Witze über einen genialen Mathematiker“ nicht amüsant fanden. Diese Mathematiker sind aber humorlos und haben Jamiris tieferen Sinn nicht verstanden -der dadurch noch einmal unterstrichen wird.

“Die Leser und Fans wünschten sich dieses Buch! Und dem Autor wurde damit auch ein Herzenswunsch erfüllt.  Comics aus 30 Jahren markieren den Kanon „Wissen vs. Glauben“. Behutsam restauriert, durchgesehen und remastered, präsentiert die EDITION 52 diesen neuen Prachtband „GÖDEL, ESCHER, GOTT“   von Jamiri  in einer streng limitierten Auflage.” Verlagstext

Selfies, Calvin & Hobbes

Wer sich selbst als Helden seiner Comics inszeniert, landet schnell beim Selfie. Die Selbstportraits von Jamiri wirken so, aber seine Frisur ist meist zu einem explosiven Stachelkopf verfremdet. Das wirkt wie eine Hommage an den kleinen Calvin aus der weltberühmten Comicserie „Calvin und Hobbes“. Einen Band dieser Serie hält im Comicstrip „Gnosis2“ Gott in der Hand und der Humor Jamiris folgt den philosophisch-theologischen Grillen dieser erfolgreichen Serie. Auch der kleine Calvin mit seinem Plüschtiger orakelt oft humorvoll an großen Fragen von Gott und Welt herum und ist dabei reichlich egozentrisch. Jamiri transformiert dies aus Calvins putziger Welt von Schularbeiten und Schneeballschlachten auf die Welt der Erwachsenen: Saufen, Sex und Bildschirmarbeit.

Egozentrik floriert heute im Fotogenre des Selfies, auch bei Jamiri. Von 18 erschienenen Comicalben zeigen die Titel von 13 lustig verfremdete Selfies von Jamiri, die meisten übrigen zeigen ihn wohl mit seiner Gattin. Man kann das als Satire auf den grassierenden Narzissmus und Egoismus unserer neoliberal-digitalisierten Medienwelt lesen -oder als Anbiedern an einen debilen Zeitgeist. Es scheint jedenfalls gut anzukommen beim (gehobenen?) Massenpublikum, das sich auch seines bildungsbürgerlichen Status versichert sehen möchte. Dabei wirft Jamiri durchaus tiefsinnige Fragen auf, die über einen Prominenten-Kult von Mathe-Genies hinausgehen bzw. diesen tiefsinnig ironisieren.

Ein bezeichnender Comicstrip leitet den Band „Gödel, Escher, Gott“ ein. Jamiri hockt bierselig mit einem Kumpel auf einem nächtlichen Dach und schwadroniert: „Früher hielt ich die mathematische Axiomatik für einen strahlenden Beweis für die Überlegenheit der Wissenschaft. Wahrheit. Schönheit.“ Nimmt einen Schluck aus der Flasche. „Aber dann kam Kurt Gödel und wies nach, dass die Widerspruchsfreiheit der vermeintlich konsistenten Axiome prinzipiell nicht beweisbar war. Der Mann hat alles kaputt gemacht… kein strahlender Beweis… nur ein Kartenhaus… nix übrig zum Festhalten.“ Sein Kumpel darauf: „Wohl! Etwas Elementares, Sinnstiftendes, Inspirierendes ist übrig geblieben! Denn Gödel führte damit einen anderen, wesentlich grundlegenderen Beweis. Nämlich einen strahlenden Beweis für die Überlegenheit von...“ Drittes Bild, die beiden stoßen an und sagen im Chor: „Kurt Gödel!“

Im angesprochenen Unentscheidbarkeitstheorem wies der Mathematikers Kurt Gödel nach, dass in jedem genügend komplexen System Sätze existieren, die mit den Regeln des Systems nicht als wahr oder falsch erkannt werden können. Das war zwar der Todesstoß für das Phantasma eines umfassenden, in sich geschlossenen logischen Systems, regte aber Forschungen an über formale Systeme und künstliche Intelligenz. Benoit Mandelbrodt ließ sich von Gödel zu seinen Fraktalen inspirieren, Computerpionier Alan Turing zu seinem "Turing-Test" der KI.

Es geht Jamiri also um die Mathematik als unerschütterliches Fundament unseres Wissens, als „Sprache des Universums“ und beschrieben wird der Sieg des -sich damit in seiner Genialität selbst feiernden- Genies über diesen Glauben. Denn Gödels Beweis war für den Glauben der Aufklärung an die Vernunft fast so etwas wie Kants Zerstörung der Gottesbeweise für den christlichen Monotheismus. Jamiri lässt also das Gödel-Trauma unseres Glaubens an die Mathematik zusammenprallen mit dem debilen Egozentrismus unserer narzisstischen Selfie-Kultur.

Gödel, Escher, Bach

Der vorliegende Jamiri-Sonderband verweist auf ein Buch, das Gödel zu Jamiris Studentenzeiten als Bestseller populär machte: „Gödel, Escher, Bach“ von Douglas R. Hofstadter (1985 stand es 19mal auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste). Es war wurde ein Kultbuch für die erste Computernerd-Generation. Selbiges Buch hält Jamiri auf S.13 in Händen, während er mit seiner Gattin „Das Ziegenproblem“ diskutiert. Im Gegensatz etwa zum Kultbuch der Hippie-Generation „Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten“ ist die Kritik von „Gödel, Escher, Bach“ an simpler Wissenschaftsgläubigkeit unpolitisch, dem rechtslibertären Geist vieler Computernerds entsprechend.

In Jamiris Comics kann man vielleicht sogar eine Reflexion des Nerd-Egozentrismus der Selfie-Generation in Hofstadters Ideen zu „seltsamen Schleifen“ und Selbstrekursion sehen, wie sie die Zeichnungen M.C.Eschers zeigen: Durch eine optische Illusion sieht man dort etwa eine Treppe, die scheinbar immer aufwärts führt, aber in sich selbst zurück läuft (ähnliches gelingt Bach musikalisch im Canon per Tonos, der die akustische Illusion einer ewig ansteigenden Tonhöhe erzeugt). Die Selbstbespiegelung der unaufhörlich ihre narzisstischen Selbstportraits verbreitenden Selfie-Generation erzeugt womöglich ebenfalls eine Illusion persönlicher Weiterentwicklung.

Soziales Mitgefühl, Gesellschaftskritik, politisches Bewusstsein haben in solch einer ärmlichen Weltsicht wenig Platz. Jamiri macht sich zwar selbstironisch darüber lustig, aber ohne die Beschränktheit wirklich zu überwinden. Damit verfehlt er die große Verantwortung, die mit seiner großen Macht als Aufmerksamkeits-Multimillionär einhergeht. Warum bleibt seine Kritik an Facebook so mau und unpolitisch? Warum tauchen Wikileaks und Julian Assange nicht auf? Und warum kann Jamiri mit seinem Saufkumpel, dem Allmächtigen, das Böse in der Welt nicht einmal anhand der Menschheitsgeißel Uranmunition diskutieren? Oder der medialen Verharmlosung von Uran? Nerds sind nur im Hollywood-Klischee der "Big Bang Theory" durchgehend unpolitisch bis rechtslibertär -denn dort sollen sie das TV-Millionenpublikum entsprechend manipulieren.

Jamiri würdigt die Mathematik als Revue von genialen Prominenten… In der Reihenfolge ihrer Prominenz? Es fehlt etwa der medial zu Unrecht wenig prominente George Boole, dessen Werk Computer erst möglich machte -und des Genie-Prototyp Einsteins „Weltformel“. Da wundert es nicht, wenn Jamiri bei „Spiegel-Online“ reüssierte und bei „Galore“, einem Interview-Magazin, das mit Prominenten Auflage machte. Ohne viele Gedanken an politische Verantwortung-  Jürgen Elsässer interviewte dort einst Gauweiler. Vielleicht hemmen Jamiri nur seine Chefredakteure und Verleger und er greift irgendwann auch zu kritischen Themen. Ansonsten kann man nur hoffen, dass seine Selbstdarstellung als Alkoholkonsument übertrieben ist bzw. ihm etwas Mäßigung wünschen. Sonst wird er künftig anhand der Fibonacci-Zahlenfolge vielleicht nicht mehr mit den Geheimnissen des Universums hadern, sondern mit seinen Leberwerten.

GÖDEL, ESCHER , GOTT –VON JAMIRI, (Jamiri und Wiglaf Droste) Album (22,5 x 30,3 cm), Hardcover, Fadenheftung, 56 Seiten, farbig, 20,00 Euro. https://edition52.de/produkt/goedel-escher-gott







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