Neuerscheinungen Sachbuch

22.10.21
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Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Peter Kirchberg: Automobilgeschichte in Deutschland. Die Motorisierungswellen bis 1939, Olms, Hildesheim 2021, ISBN: 978-3-487-08642-2, 48 EURO (D)

Der Weg des Automobils am Anfang seiner technischen und gesellschaftlichen Entwicklung ist eine spannende Geschichte. Getrieben vom immerwährenden Wunsch, schnell und autonom neue und weitere Ziele zu erreichen, sollte der neue Motorwagen dem Menschen neue Freiheiten der Bewegung erlauben. Weg vom vorgegebenen Streckennetz der Eisenbahn, der Postkutschen und deren eingrenzenden Takt der Verbindungen.

Der Automobilhistoriker Peter Kirchberg stellt die Automobilgeschichte von den Anfängen bis zum gewaltigen Einschnitt durch den Zweiten Weltkrieg dar. Die so vermittelten Grundzüge der Entwicklung geben einen Ein- und Überblick in die komplexen Prozesse der Motorisierung im Verkehrswesen und fassen erstmals viele neue Erkenntnisse aus der Frühzeit des Automobils zur aktuellen Bewertung zusammen. Dabei werden die Wirtschaftsgeschichte und politischen Rahmenbedingungen mit berücksichtigt. Dieses Buch wendet sich vor allem an diejenigen, die „noch wenig von der Automobilgeschichte und deren inneren Zusammenhängen wissen.“

Das Buch beginnt mit der Zeit zwischen 1870 und 1918. Dort geht es um die Industrialisierung, die Vorläufer von Automobilen, Patentmotorwagen, Fahrzeugtechnik (Motoren, Zündung, Räder, Reifen usw.), den Wettlauf der Antriebe und dem Automobil in Forschung und Wissenschaft. Danach werden Werkstätten, Fabriken, Unternehmen und ihre frühen Fertigungen beleuchtet. Anschließend werden andere Mobilformen wie Lastwagen oder Eisenbahn sowie Straßenbahn in Beziehung zum Automobil gesetzt und die Fortschritte herausgearbeitet. Die staatliche Verkehrspolitik, der Straßenbau und Verkehrszählungen sowie die Rolle des Automobils im Krieg und dessen Folgen für die Industrie kommen auch zur Sprache.

Der zweite Teil erstreckt sich von 1919 bis 1932. Dorr werden zunächst die „Goldenen Zwanziger“ in der Automobilgeschichte, die Weiterentwicklung der Fahrzeuge, Wachstum des Bestandes und der Produktion, neue Verkehrszeichen, Käufer und Kunden und Leitlinien der Verkehrspolitik angesprochen. Weiterhin geht es um die Massenproduktion, modernisierte Techniken, das Wachstum der Bedeutung des Autos und die Lage in den Betrieben.

Die Zeit nach der Machtübernahme der Nazis bis vor dem 2. Weltkrieg rundet das Buch ab. Technik, der Dieselmotor im PKW, alternative Kraftstoffe, Elektrik, die Patententwicklung, Forschung und Entwicklung, Verkehrsbeschleunigung, Werbung, der Bau von Autobahnen, KdF-Wagen, Siege im Rennsport, der dirigistische Wirtschaftsplan der Nazis, das Schellprogramm und die Motorisierung des Heeres bilden die Schwerpunkte.

Quer durch die Kapitel werden historische Abbildungen der Fahrzeuge, von Repräsentationsmodellen, einzelnen Teilen wie Motor, Zündung, Karosserie und anderen Bereichen, Bauformen in der Entwicklung, Tabellen, Werbeplakate, geografische Karten, Lehrtafeln, Einblicke in Montage und Produktion, Röntgenbilder und verschiedene Grafiken präsentiert.

Im Anhang findet man noch 14 Übersichten von Zahlen und Fakten. Das Register ist gegliedert nach Personen; Unternehmen, Marken und Institutionen und Sachworten.

Beim Lesen der frühen Automobilgeschichte erschließen sich viele Parallelen zu aktuellen Diskussionen im Themenfeld der individuellen Mobilität. Auch die Bereiche der Elektromobilität, die Dauer und Komplexität von Entwicklungen neuer Antriebe, infrastrukturelle Zusammenhänge, Ablösungsprozesse von Verkehrsmitteln und eine wechselnde Verkehrspolitik gibt es Parallelen zur heutigen Fragen.

Erfreulich ist die Berücksichtigung von Herstellung, Gebrauch, Technik-, Wirtschafts- und Verkehrsgeschichte. Positiv ist auch die Form einer übergeordneten Darstellung, die nur manchmal auf einzelne Marken eingeht. Es werden gekonnt immer wieder passende Bilder und Quellen eingesetzt, die zusätzliche Hintergründe geben.

Die Zusammenhänge zu Entwicklungen in anderen Ländern werden selten berücksichtigt, das ist aber verständlich, denn ansonsten wäre das Werk doppelt so umfangreich geworden.

Die Rolle der Automobilindustrie im NS-Staat sollte jedoch kritischer ausfallen. Viele Hersteller und Firmen waren willige Komplizen der Nazis, biederten sich an oder wollten von den neuen Machthabern profitieren. Zum Beispiel der Continental-Konzern. Die Transformation der Unternehmenskultur ließ die Continental zu einem NS-Musterbetrieb werden, die ein gutes Verhältnis Verhältnis zum NS-Regime und den Behörden entwickelte. Siehe dazu: Paul Erker: Zulieferer für Hitlers Krieg. Der Continental-Konzern in der NS-Zeit, De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2020, ISBN: 978-3-11-064220-9, 49,95 EURO (D)

Eine Fortsetzung der Geschichte nach 1939 schließt der Autor nicht aus, wie er im Ausblick betont. Wenn es dazu kommt, kann man sich auf eine weitere spannende und sehr informative Darstellung freuen.



Buch 2

Das Science Fiktion Jahr 2021, Hirnkost Verlag, Berlin 2021, ISBN: 978-3-949452-12-3, 28 EURO (D)

Dies ist die 36te Ausgabe von das Science Fiction Jahr. Der größere Schwerpunkt liegt in diesem Jahr auf Klima in der Science Fiction. Dazu gibt es verschiedene Beiträge über die Entwicklung des Themas in der Science Fiction und Perspektiven. Außerdem werden verschiedene wichtige Autoren und ihr Werk näher analysiert und wird eine Vision für die Zukunft entworfen.

Ein kleinerer Schwerpunkt beschäftigt sich mit dem polnischen Autor Stanislaw Rem. Rem gehört zu den meistgelesenen Science-Fiction-Autoren, wobei er sich selbst wegen der Vielschichtigkeit seines Wirkens nicht so bezeichnen mochte. Er gilt als brillanter Visionär und Utopist, der zahlreiche komplexe Technologien Jahrzehnte vor ihrer tatsächlichen Entwicklung erdachte.

Einen breiten Raum nehmen auch Rezensionen ein. Außerdem setzt sich Simon Spiegel mit der Theorie der Science Fiction in Dietmar Daths „Niegeschichte“ auseinander und geht der Frage, wie sich seine Überlegungen mit bestehenden Ansätzen treffen, nach.

Seit Anfang 2021 sind die Werke von George Orwell gemeinfrei, dies bringt viele Neuübersetzungen seiner literarischen Klassiker mit sich. Christian Endres führte dazu Kurzinterviews mit verschiedenen Übersetzer*innen über ihre Arbeit, außerdem gewähren die Interviews Einblick in ihre Annährung an Orwell sowie ihre Vorgehensweise bei der Übertragung seiner weltliterarischen Meilensteine aus Science Fiction und Phantastik.

Durch das Internet veränderte sich auch die Art und Weise, wie wir Geschichten erzählen. Lena Richter bringt erfolgreiche und innovative Formate den Leser*innen näher und beschäftigt sich mit der Frage, was Verlage, Zeitungsredaktionen, Filmstudios oder Fernsehsender von den Inhalten lernen können, die kostenlos im Internet zur Verfügung stehen.

Das Jahrbuch enthält auch Rückblicke auf die Entwicklungen des vergangenen Jahres. So gibt es Beiträge, was sich im Film, bei Serien, in Comics und Spielen und der deutschsprachigen Science Fiction getan hat. Es gibt auch eine Übersicht über die wichtigsten Genrepreise, einen Nekrolog und sehr ausführliche Bibliografie. Diese enthält alle 2020 auf Papier erschienenen deutschsprachigen Publikationen aus dem Bereich Science Fiction. Dies sind insgesamt über 1400 Einträge.

Zum Abschluss werden Autor*innen und Mitarbeiter*innen noch vorgestellt.

Wer einen ausführlichen Überblick über die deutschsprachige Entwicklung der Science Fiction-Literatur sucht, ist das Buch zu empfehlen. Die literarische Verarbeitung der Klimakrise wird ausführlich beschrieben. Spannend sind dazu vor allem die Beiträge von Thore D. Hansen und Gary Westfahl. Das spezielle Genre der Climate Fiction, die Fragen zwischen Dystopie und Utopie, zwischen Imagination und Wirklichkeit stellt und Antworten auf die derzeitige Krise sucht, wird informativ analysiert. Überraschend ist, dass die literarische Verarbeitung der Pandemie, die alle stark betrifft, keine größere Rolle spielt.


Buch 3

Katharina Afflerbach: Manchmal sucht sich das Leben harte Wege. Wahre Geschichten, die berühren und Zuversicht geben, Goldegg, München/Wien 2021, ISBN: 978-3-99060-239-3, 19,95 EURO (D)

Sterben, Verlust und Trauer gehört immer noch zu einem Tabuthema in der Gesellschaft. Die Autorin Katharina Afflerbach wurde selbst vom tödlichen Unfall ihres Bruders tief getroffen. In ihrem neuen Buch erzählt sie wahre Geschichten von Menschen, die einen Schicksalsschlag erleiden mussten.

Zu lesen sind Geschichten von verlorenen Eltern, Kindern, Geschwistern, Partner*innen und Freunde, deren Verlust tiefe Spuren im Leben der Hinterbliebenen hinterlassen. Katharina Afflerbach hat mit ihnen gesprochen und schafft es, deren Geschichten persönlich und emphatisch zu erzählen.

Es wird beschrieben, wie die Betroffenen die Wirklichkeit des Todes und des Verlustes begreifen lernen, das Durchleben der Gefühle in verschiedenen Phasen und die Veränderungen in der Umwelt. Und wird beschrieben, wie Betroffene neuen Mut und Zuversicht in unterschiedlichen Kontexten fanden.

Es wird klar: Es gibt keinen Masterplan wie man mit einem Schicksalsschlag umgehen sollte, Trauer ist so individuell wie wir Menschen und das Leben selbst. Dennoch gibt es ein paar Strategien der Bewältigung am Ende des Buches.

Interessant ist, wie die Verbindung zu den Verstorbenen über deren Tod hinaus bleiben und neu gelebt werden kann. Also eine Möglichkeit, die Verbindung zum Verstorbenen nicht zu verlieren und gleichzeitig ein neues Leben anzufangen.

Das Buch vermittelt hilfreiches Wissen darüber, wie man damit präventiv, im Ernstfall und über den Verlust hinaus solche Krisen bewältigen kann. Es kann zur Selbstreflexion anregen, eigene Verluste und Erfahrungen in einem neuen Licht zu betrachten.

Den Menschen, die hier in diesem Buch ihr Schicksal ausbreiten und anderen mit ihren Erfahrungen weiterhelfen wollen, gebührt ein großes Kompliment.

Leider fehlen im Anhang eine ausführliche Liste von Literaturhinweisen wie Bücher zum Thema Trauer und Abschied für Erwachsene und Kinder, zu den Themen Suizid und Scheidung für Kinder und Erwachsene, spezielle Bücher für trauernde Jugendliche, Selbsthilfegruppen, Kontaktadressen und Filme.


Buch 4

Barbara Giel: Moderierte Runde Tische in der pädagogischen und in der therapeutischen Arbeit, Ernst Reinhardt, München 2021, ISBN: 978-497-03054-5, 29, 90 EURO

Das Konzept der Moderierten Runden Tische (MoRTi) hilft dabei, transdisziplinäre Treffen in Einrichtungen wie Kita, Schule oder therapeutischer Praxis konstruktiv zu gestalten. Dieses Buch stellt diesen Ansatz näher vor.Die Autorin arbeitet im Zentrum für Unterstützende Kommunikation in Moers.

Die Entwicklung des Konzepts mit seinen Wirkfaktoren wird im ersten Kapitel vorgestellt. Auszüge aus verschiedenen Evidenzstudien werden präsentiert und insbesondere die Haltung aller Beteiligten als Ausdruck des gemeinsamen Wertesystems wird als grundlegender Erfolgsfaktor genannt. Es wird auch die Rolle der Moderierenden und erste Ansätze der Beteiligung von Menschen mit Behinderung.

Bei der Zusammenkunft von Fachpersonen, Angehörigen und ggf. der Fokusperson findet auf der Basis einer wertschätzenden Haltung ein strukturierter Austausch statt, mit dem Ziel, konkrete, realistische Teilhabeziele zu entwickeln Es kann bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Unterstützungsbedarf in den verschiedensten Lebensphasen angewendet werden.

Danach kommen unterschiedliche Ansätze für MoRTi zur Sprache. Sie können überall Anwendung finden, wo verschiedene Fachpersonen unter Beteiligung der Betroffenen gemeinsam und demokratisch planen und handeln. Anschließend werden der MoRTi-Moderationszyklus und die dort angewandten Moderations- und Beratungsmethoden dargelegt. Der Zyklus besteht aus den Phasen Vorbereitung, Begrüßung, Themenwahl. Lösungsorientierte Themenbearbeitung, Zielentwicklung und Dokumentation. Zu jeder dieser Moderationsphasen gibt es sieben verschiedene Methoden zur Auswahl, die je nach Kontext, Inhalt und Situation angewendet werden. Verschiedene Beispiele aus der Praxis werden dann aufgezeigt. Sie stammen aus den Kontexten Kita, Schule, insbesondere Wohnform, Senioreneinrichtung und Beratungsstelle. Sie werden von verschiedenen Autor*innen aus der Perspektive der Moderatorin geschildert.

Herausforderungen, Störfaktoren und Probleme sowie deren mögliche Lösungen werden zum Schluss behandelt

Im Anhang gibt es hoch ein Glossar, ein Sachwortverzeichnis und eine Literaturliste.

Zu Beginn eines jeden Beispiels wird kurz der Kontext sowie der Anlass vorgestellt. Auch die Fokusperson mit ausgewählten personenbezogenen Faktoren und Umweltbedingungen. In der Lösungsorientierten Themenbearbeitung werden verschiedene Methoden genannt, mit Hilfe derer die Moderatorinnen Sichtweisen sammeln, Ressourcen aktivieren und Lösungen erarbeiten.

Hier wird ein überzeugendes Konzept verständlich aus der Praxis für die Praxis präsentiert Das Buch ist didaktisch gut aufgebaut, es wird mit Beispielen, Checklisten, digitalen Formaten, Merksätzen und Exkursen gearbeitet. Es gibt auch noch zusätzliches Online Material zum Download Das Konzept eignet sich für alle möglichen Anlässe und kann situationsbedingt jederzeit abgeändert werden. Die Haltung dabei sollte von allen Beteiligten gelebt werden, sonst kann es schnell scheitern.

 

Buch 5

Christine Pernlocher-Kügler: Du stirbst nur einmal, leben kannst du jeden Tag. Eine Bestatterin erzählt, Goldegg, Wien/Berlin 2021, ISBN: 978-3-99060-243-0, 19,95 EURO (D)

Die Autorin ist Thanatologin mit einem eigenen Bestattungsinstitut. Ihr berufliches Hauptaugenmerk liegt in der Begleitung von Angehörigen bei der Bestattung und in der individuellen Gestaltung von Trauerfeiern und Ritualen. Dabei vertritt sie die These: Wer sich mit dem Tod beschäftigt, fühlt sich freier und hat mehr vom Leben. In diesem Buch gibt sie Einblick in verschiedene Facetten ihres ungewöhnlichen Berufes, der traurig, herzzereißend, aber auch witzig und skurril sein kann.

Zunächst legt sie dar, wie sie nach ihrem Studium Bestatterin wurde. Danach stellt sie dar, wovor sich Bestatter fürchten, was belastend ist und wie man persönlich besser mit Ängsten zurechtkommen kann. Dabei rät sie: „Nutzen sie noch jede so kleine Gelegenheit, sich mit dem Tod zu konfrontieren (…), vermeiden sie keine Trauerfeiern, vermeiden sie es nicht offen darüber zu reden, und vermeiden sie es nicht, eine Verstorbenen zu sehen,“ (S. 34)

Danach wird an einem realen Beispiel gezeigt, wie Eltern und zwei Kinder, die einen erhängten Mann fanden, aus einem traumatischen Erlebnis gestärkt fürs Leben hervorgehen und wie man im Allgemeinen Krisen bewältigt. Danach werden Totenrituale aus aller Welt vorgestellt und ihre eigene Bewältigung des Todes des Schwiegervaters. Wie man mit Trauer und all den Anstrengungen und Berg- und Talfahrten umgehen kann, wird danach gezeigt. Dabei stellt sie eine Kombination des Phasenmodells der Trauerforscherin Verena Kast mit dem Aufgabenmodell des Forsches William Worden vor. Dies zeigt, dass man nicht nur passiv warten sollte, sondern aktiv etwas beitragen kann, damit ein gesunder Trauerprozess in die richtige Richtung geht.

Danach werden Themen und Muster, die häufig im Trauerprozess beobachtet werden können, beschrieben. Wie in ihrer Praxis Menschen beim letzten Abschied mit dem Tod umgegangen sind, ist Gegenstand des nächsten Kapitels. Sie rät unter anderem dazu Angehörigen, bei traumatischen Todesfällen das Lieblingsgetränk des Verstorbenen mitzubringen und noch einmal auf sein Leben anzustoßen. Dadurch wird eine symbolische Verbindung zum Verstorbenen hergestellt.

Anschließend geht es um die Arbeit der hygienischen Grundversorgung der Toten. Desinfektionsmittel, Schminken und Einbalsamierung werden dort ausführlich geschildert, auch der Umgang mit starken Gerüchen.

Wie wichtig (schwarzer) Humor für die Ausführung des Berufes ist, wird danach geschildert. Dabei wird betont: „Die Kunst der Arbeit eines Bestatters ist es, eine gewisse Stärke zu vermitteln, zugleich aber nicht zu verhärten oder unsensibel zu werden.“ (S. 161)

Sie stellt die „Death positive-Bewegung“ vor und gibt Impulse, den Wert des Lebens von einer anderen Ebene aus zu betrachten. Dies führt sie danach aus: Unseren verkorksten und unnatürlichen Umgang mit unserer Endlichkeit zu hinterfragen, das Todestabu zu brechen oder zumindest zu lockern, unsere Sterblichkeit anzunahnen und diesen Themenkomplex wieder salonfähig zu machen, ist die Motivation der „Death-poitive-Bewegung“.(S. 164)

Wie man ein passendes Ritual findet und wie Trauerrituale wirken (Gefühle verstärken, regulieren oder sogar schwächen) wird danach erläutert. Danach geht es um Informationen rund um die Bestattung. Darin wird erklärt, was ein Begräbnis kosten kann, wie sich eine Bestattungsrechnung zusammensetzt und wie man vorher dies planen und finanzieren kann.

Im Anhang gibt es noch ein Literatur- und ein Quellenverzeichnis sowie Informationen zur Autorin.

Die Autorin baut ihre Betrachtungen über das Leben im Gegensatz zum Tod auf. Sie macht interessante Aussagen wie: „Die Realität des Todes anzuerkennen, macht den Tod nicht schlimmer. Es ist traurig und tröstlich zugleich. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit macht uns stärker.“ (S. 12) Darin merkt man, dass sie Philosophie studiert hat.

Der Tod wird enttabuisiert und aus dem negativen Zusammenhang gebracht, ein guter Ansatz, genauso wie die „Death positive-Bewegung“. . Die Autorin schildert einfühlsam ihre eigenen Erfahrungen, stülpt sie jedoch nicht anderen über, sondern sieht die Trauer als individuelle Sache an.

Es fehlen allerdings einige Aspekte: Die Bedeutung des kulturellen und religiösen Hintergrundes in einer interkulturellen-pluralistischen Gesellschaft bei Ritualen, Aspekte der geschlechtsspezifischen Trauer oder die Möglichkeit der Trauerbegleitung in der ersten Zeit.


Buch 6

Jürgen Manemann: Revolutionäres Christentum. Ein Plädoyer,

transcript, Bielefeld 2021, ISBN: 978-3-8376-5906-1, 18 EURO

Angesichts der Klimakrise, der Krise der Demokratie durch das Erstarken rechter Kräfte und der Coronakrise, deren Folgen noch nicht absehbar sind, fordert Jürgen Manemann in diesen Buch eine stärkere Positionierung des Katholizismus, mehr kritisches Denken jenseits der Amtsträger und eine handlungsorientierte Verhaltensweise.

In verschiedenen Bereichen stellt er die Vision und die Programmatik einer „Initiativkirche“ vor, die über die Mündigkeit hinausgeht: „Sie zielt auf ein Projektsein, dessen Aufgabe die Arbeit an Weltwerdung ist. Kirche hat sich zu bewähren in der Mitarbeit an dem Entwurf, das Leben menschlicher zu machen und zu erhalten.“ (S. 22)

Dies richtet sich Gemeinwohl aus. Kirche müsse wiederbelebt werden durch Kirche als diesseitig orientierte Lebensform, Lebensformen besitzen Gültigkeit, wenn sie im Alltag von Bedeutung sind. Dies wird besonders am Beispiel der Klimakrise deutlich, wo ausdrücklich auch Tiere auf dieselbe Stufe gestellt werden wie Menschen und der Artenschutz vehement gefordert wird.

Andere gesellschaftliche Organisationen würden viel mehr für den Klimaschutz tun als die katholische Kirche, auch die Wertevermittungsfunktionen gelängen anderen Organisationen besser. Dort bleibe es nur bei Reden und Aufrufen, denen keine Ergebnisse folgen würden. In diesem Zusammenhang werden auch Hans Jonas Buch „Prinzip Verantwortung und verschiedene Appelle von Papst Franziskus erwähnt. Dabei spricht sich der Autor auch für Strategien des zivilen Ungehorsams aus

Das Buch ist ein starkes Plädoyer für eine Erneuerung des Katholizismus und sich viel stärker als jetzt in gesellschaftliche Fragen einzumischen. Eine Erneuerung des eigenen Verständnisses wird hier groben Zügen definiert. Auch wenn die Anstrengungen von kirchlicher Seite her größer sind als vom Autor wahrgenommen, ist das Buch ein Weckruf und wesentlich radikaler, als man es von linkskatholischer Seite gewohnt ist.









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