Werner Ruf: „Islamischer Staat & Co“

12.09.16
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Rezension von Anton Holberg

Werner Ruf: „Islamischer Staat & Co“ (PapyRossa  Verlag, Köln 2016. 156 S., € 13,90)

Als Sarah Wagenknecht am 25.7. ihre Presseerklärung zur Flüchtlingsfrage und zu Terrorismus und Amoklauf herausgab, war das Resultat innerhalb der Linken eine Art Sturm iim Wasserglas. Was immer sie mit  ihrer Erklärung beabsichtigt habe mag – der Zusammenhang zwischen der jüngsten Flüchtlingswelle einerseits und Terrorismus und Amoklauf andererseits besteht. Worin er besteht, das macht Prof. Werner Ruf in seinem jüngsten Buch schon im Untertitel „Profit, Religion und globalisierter Terror“ unmissverständlich deutlich. Diese Untertitel könnte man auch mit den Worten von Malcom X wie folgt auf den Punkt bringen: „The  chicken has come home to roost“

            Das Elend beginnt mit dem Niedergang des Osmanischen Reiches (Kap. 1) im 19. Jahrhundert.

            An dieser Stelle sei bereits eine vorsichtige Kritik formuliert. Ruf hat ein etwas zu rosiges Bild von den Zuständen in der islamischen Welt vor deren Unterwerfung unter den europäischen und dann auch US-amerikanischen Imperialismus etwa betreffs der Lage nicht-muslimischer Minderheiten dort. Vor allem aber sollte nicht übersehen werden, dass der Sieg des Imperialismus in kolonialer und dann neo-kolonialer Form letztlich nur denkbar  war, weil die islamische Welt ihre einstige kulturelle Überlegenheit schon lange eingebüßt hatte. Diese einstige kulturelle Überlegenheit dürfte im übrigen einer der Faktoren für den traumatischen Zusammenstoß zwischen dieser Welt und der des „christlichen“ Europas sein.

            Die unmittelbaren Faktoren sind jedoch die von Ruf genannten: nach dem 1. Weltkrieg der systematische Verrat aller Versprechen, die der britische und französische Imperialismus der arabischen Nationalbewegung gegeben hatte. Diese hatte sie ihr gegeben, um das von der deutschen Konkurrenz unterstützte Osmanische  Reich zu schwächen bzw. zu zerschlagen. In dem geheimen Sykes-Picot-Abkommmen und dem von Sèvres und fast gleichzeitig der Balfour-Erklärung wurden die arabischen Verbündeten, die im Krieg einen hohen Blutzoll entrichtet hatten, mit von den beiden Kolonialmächten gezogenen Grenzen zwischen ihnen, mit Pseudomonarchien unter kolonialer Kontrolle und der massiven Ansiedlung zionistischer Siedler in Palästina, die schließlich nach dem 2. imperialistischen Weltkrieg zur Gründung Israels und der Vertreibung eine Großteils der dortigen arabischen Mehrheitsbevölkerung führt, „entschädigt“. Im Iran wurde 1953 die reformistische nationalistische  Regierung Mossadegh vom britischen und US-amerikanischen Geheimdienst  in einem blutigen Putsch gestürzt nachdem sie die Erdölquellen ihres Landes nationalisieren wollte.

            Das jüngste Kapitel der zerstörerischen Aktivitäten dieser unterdess wie gesagt durch die USA komplettierten Herolde der „Demokratie“ begann mit dem Afghanistan- und insbesondere dem Irak-Krieg und setzte sich in Syrien, Libyen und indirekter im Jemen fort (Kap. 2 du 3). Das offenkundige Scheitern des „Arabischen Frühlings“, jener Massenbewegung gegen die entehrende Herrschaft  bis auf die Knochen korrupter und brutaler Diktaturen verschiedener  Couleur,  ist gleichzeitig Ergebnis des Wirkens vom „Westen“ unterstützter regionaler Potentaten wie auch des weiteren gesellschaftlichen Verfalls und somit Zerfalls der entsprechenden Länder im Zuge der von den imperialistischen Ländern aufoktroyierten neoliberalen Wirtschaftspolitik. Dieser Verfall wiederum hat mit oder ohne Bürgerkrieg zum Phänomen der Massenflucht geführt und gleichzeitig nicht zuletzt auch konfessionell-sektiererischen Kräften ideologischen Auftrieb gegeben, von denen der „islamische Staat“ nur einer, wenngleich aktuell noch der stärkste ist. Deren umfassende materielle Unterstützung durch die imperialistischen Länder via Golfmonarchien und Türkei haben den notwendigen Rest besorgt.

            Da die imperialistischen Länder selbst in einer strukturelle Krise stecken, haben Instrumentalisierungsversuche nur vorübergehenden Erfolg. Die jihadistischen Organisationen haben – wie  auch ihre Geld- und Waffengeber in- und außerhalb der Region – je eigene Agenden. Ihre Brutalität kann sich durchaus auch gegen die Hände wenden, die sie zunächst genährt haben wie das so im Fall Osama Bin Ladens und seiner „Al-Qaida“, zunächst in Afghanistan gegen die PDA-Regierung und ihre sowjetischen Unterstützer aufgebaut und nach 9/11 zum Hauptfeind der Menschheit erklärt, deutlich wurde. Die imperialistische Politik nicht nur in den Ländern der Peripherie, sondern auch “zu Hause“ hat dort  eine schier unübersehbare Masse von ökonomisch, sozial und mental Marginalisierter  geschaffen, deren „politisches“ Programm sich parallel zur aktuell fortdauernden  weltweiten Niederlage der Linken im Wesentlichen nur noch in der nihilistischen Interpretation des “macht kaputt, was Euch kaputtmacht“ erschöpft. Die Ghettoaufstände vor wenigen Jahren in Pariser Banlieus und in London waren ebenso Ausdruck dieser Entwicklung wie der Zustrom speziell migrantischer Jugendlicher, ja sogar ehemals “christlich abendländscher“ Konvertiten, aus Europa zu Jihadistengruppen in Syrien oder wie mit lautstarken Hinweisen auf den Islamischen Staat „geadelte“ Amok- und damit Selbstmordaktionen der letzten Zeit in Frankreich und Deutschland.

            In praktisch allen Fällen erweist sich hingegen die – islamische -  Religion nur als post festum-Rationalisierung ganz anderer Beweggründe. Hier wird nicht „der“ Islam radikalisiert, sondern die Radikalisierung „islamisiert“. Bei den Drahtziehern geht es allemal um nackte ökonomische und politische Machtinteressen, sei es unter dem Banner von „Demokratie und Menschenrechten“, sei es unter dem des „wahren Islams“ wie bei der Konkurrenz zwischen den sunnitischen arabischen Erdölmonarchien und der schiitischen Erdölmollahrchie im Iran.

            Werner Ruf, der all das mit einer Vielzahl überzeugender Quellen -  insbesondere auch solche generell „prowestlicher“ Provinienz - belegt, macht zu Schluss seines Buches überaus vernünftige Vorschläge zur Bekämpfung des internationalen Jihadismus. Leider spielt aber die Vernunft im Gegensatz zur instrumentellen Intelligenz in der Welt  der kapitalistischen  Unordnung kaum eine Rolle.







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