Neuerscheinungen Sachbuch

05.09.21
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Peter Bause. Man stirbt doch nicht im dritten Akt. Erinnerungen. Aktualisierte Neuausgabe, Verlag Neues Leben, Berlin 2021, ISBN: 978-3-355-01912-5, 22 EURO (D)

Der Schauspieler Peter Bause lässt in diesem Buch in Art von Memoiren sein künstlerisches Leben Revue passieren. Dies ist die aktualisierte Neuauflage des Buches von 2010, um die letzten 10 Jahre erweitert und insgesamt überarbeitet.

Vor allem von seinen Stationen am Volkstheater Rostock, dem Deutschen Theater in Berlin, am Berliner Ensemble am Theater am Schiffbauerdamm werden zahlreiche Anekdoten erzählt. Dabei stehen nicht nur seine persönlichen Erlebnisse und seine Rollen, sondern auch seine Begegnungen mit Kollegen auf und abseits der Bühne im Mittelpunkt. Das in der Nacht stattfindende Aufnehmen von Märchenschallplatten war bei ihm und seinen Kollegen sehr beliebt, dazu gibt es gleich mehrere Anekdoten.

Bei inzwischen verstorbenen Kollegen wie Hansgeorg Stengel werden die gemeinsamen einprägsamen Erinnerungen nochmals lebendig gemacht.

Bei den Begegnungen stehen aber nicht nur Künstler im Mittelpunkt. Als sich die Radsportlegende Täve Schur in Magdeburg die Haare schneiden ließ, kam es zu einem Massenauflauf von Menschen, wo er sein Idol hautnah erleben konnte und spontan applaudierte.

Die Arbeit am Berliner Ensemble stellt er besonders heraus: Der dritte Akt, der wirkliche Höhepunkt, das war meine Arbeit am Berliner Ensemble unter Manfred Wekwerth.“ (S. 11) Über das Ende wirkt Bausch verbittert. Das Einpersonenstück von Patrick Süskind „Der Kontrabass“ spielte Bausch 36 Jahre lang, seine „Rolle aller Rollen.“ (S. 143) Er berichtet auch ausführlich von seiner Rolle im Stück „Des Teufels General“ in der Burg von Jagsthausen, wo er seinen oft bewunderten West-Kollegen Herbert Bötticher, den er bislang nur aus dem Fernsehen kannte, persönlich traf: „Bötticher war nicht nur ungemein bescheiden, freundlich, nachsichtig, nein, Anna und ich erlebten ihn als großen Zauberer.“ (S. 271)

Dies ist mehr als eine Biografie: Als Leser erfährt man viel vom Innenleben des ostdeutschen Theaters, der schwierigen Zeit nach der Wende für ostdeutsche Künstler, von Bauschs Karriereschritten im Kapitalismus und einige Eigenarten über seine Kollegen. Die Darstellung des nicht chronologischen Erzählens hat einerseits den Vorteil, dass es authentisch ist, aber auch den Nachteil, dass manchmal für den Leser der Überblick verloren geht. Eine Übersicht am Ende über Bauschs Rollen und eine Filmografie hätten ergänzt werden können.


Buch 2

Alexander Lüdeke: Die deutsche Panzerwaffe. Typen- Technik-Taktik 1939-1945, Motorbuch, Stuttgart 2019, ISBN: 978-3-613-04182-0, 34, 90 EURO (D)

Die Grundlagen der deutschen Panzerwaffe für ihren Einsatz im Zweiten Weltkrieg, besonders im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, wurden schon nach dem Ersten Weltkrieg geschaffen. In diesem militärhistorischen Werk werden die Hintergründe, Strukturen, Typen und die „Einsatzgebiete“ der Panzerwaffe erläutert und mit vielen historischen Abbildungen illustriert.

Das Buch wird eingeleitet durch ein Grundlagenkapitel über die deutsche Panzerwaffe und deren verschiedenen Entwicklungsphasen vor und während des Zweiten Weltkrieges. Anders als die Streifkräfte anderer Länder fasste die Wehrmacht Panzer zu Großverbänden zusammen, in denen später motorisierte später auch gepanzerte Infanterie- und Artillerieeinheiten zu finden waren. Jeder der drei neuen ab Oktober 1935 aufgestellten Divisionen bestand aus einer Panzer- und motorisierten Schützenbrigade sowie einer Panzerjäger-, Panzeraufklärungs- und Nachrichtenabteilung, einem Artillerieregiment sowie einer Pionierkompanie und Versorgungstruppen. In den folgenden Jahren kam es noch zu strukturellen Veränderungen.

Danach werden die unterschiedlichen Typen und deren militärischer „Einsatz“ veranschaulicht. In einzelnen Kapiteln geht es um leichte Panzerkampfwagen, mittlere Kampfpanzer, schwere Panzerkampfwagen, Panzerjäger und Jagdpanzer. Außerdem bilden Sturmgeschütze und Sturmpanzer, Artillerie-Selbstfahrtlafetten, Flack-Selbstfahrlafetten, gepanzerte Kleinfahrzeuge, gepanzerte Vierrad-Fahrzeuge, gepanzerte Sechsrad-Fahrzeuge, gepanzerte Achtrad-Fahrzeuge, leichte Halbketten-Schützenpanzerwagen und mittlere Schützenpanzerwagen Schwerpunkte. Abgeschlossen wird das Buch mit gepanzerten Zugkraftwagen und Gleisketten-LKW.

Zeichnungen wie der Aufbau der Panzer von innen, Tabellen und Perspektivwechsel bei den Abbildungen sorgen für einen visuellen Eindruck.

Im Anhang findet man noch ein Glossar für die wichtigsten Fachbegriffe und ein Abkürzungsverzeichnis.

Dies ist eine Mischung zwischen Bildband und informativem Text. Es wird Wert gelegt, dieses Spezialthema in den Kontext des Zweiten Weltkrieges und davor einzuarbeiten. Modelle, Ausführungen, Munition, Technik, Panzerung und anderes stehen dennoch im Vordergrund. Gut ist die detaillierte Beschreibung des Aufbaus der Panzerwaffe in der Vorkriegszeit im Grundlagenkapitel. Leider fehlen ein Literaturverzeichnis und Links zu dem Thema.


Buch 3

Torsten Werner: Führung mit Pfiff. Einfach. Klar. Konsequent, Business Village, Göttingen 2021, ISBN: 978-3-86980-585-6, 26,95 EURO (D)

Anhand seiner Erfahrungen als Fußballschiedsrichter entwickelt Torsten Werner ein Prinzip, das Führungskräften helfen soll, den Blick für das Wesentliche zurückzugewinnen und den Überblick zu behalten. Durch das Verschmelzen von Klarheit und Konsequenz entstehe sofort eine grundsätzliche Ordnung, die Lösungsansätze für alle Hierarchieebenen bieten will.

Zunächst werden die geänderten Anforderungen in der Arbeitswelt beschrieben und darauf hingewiesen, dass eine gesunde Ambiguitätstoleranz die Entscheidungsqualität erhöht. Danach geht es um das Mindset. Die wichtigsten Faktoren für Werner dabei sind: Lieber falsch als gar nicht zu entscheiden. Fehler sollten akzeptiert werden und seien förderlich für die eigene Entwicklung. Das Eingestehen von Fehlern fördert die eigene Akzeptanz und Vertrauen, ohne die keine wirksame Führung gibt. Das Schaffen einer konstruktiven Diskussionskultur und das Sprechen über gegenseitige Erwartungen sind ebenfalls Schwerpunkte.

Danach wird das Prinzip von Klarheit & Konsequenz mit all seinen Facetten und besonderen Perspektiven beleuchtet. Um eine Anerkennungskultur zu schaffen, seien vor allem kleine Gesten erforderlich. Eine wertschätzende Führungskultur ist für die praktische Umsetzung des Prinzips wirksam. Im nächsten Kapitel geht es um die Klarheit und die wichtigsten Faktoren eines Klärungsprozesses. Die Akzeptanz der eigenen Unvollkommenheit fördert das Loslassen von Fehlern. Das Prinzip von Trial and Error solle anstatt dem Drang, dass alles perfekt durchdacht werden muss angewandt werden. Der Eigenschutz müsse immer an erster Stelle stehen und das proaktive Übernehmen von Verantwortung schaffe mehr Vertrauen.

Danach geht es um die Konsequenz und den Willen zur aktiven Gestaltung. Die Bereitschaft zur Kurskorrektur, Entscheidungen und Handlungen immer wieder auf den Prüfstand zu stellen, das Dranbleiben an einer Sache, Kontinuität und Hartnäckigkeit mache dies aus. Destruktive Verhaltensweisen am Arbeitsplatz müssen konsequent geahndet werden und Strafen ausgesprochen werden. Regelmäßige mentale Vorbereitung auf Unvorhersehbares vereinfache konsequentes Handeln.

Das nächste Kapitel diskutiert, wie sich die konsequente Anwendung des Prinzips Klarheit & Konsequenz auf Mitarbeiter und Führungskräfte im Unternehmen auswirkt. Loslassen und Aufgaben vertrauensvoll in die Hände der Mitarbeiter zu legen, sei ein Vertrauensbeweis, der auch Freiräume für einen selbst schafft. Aufrichtiges Bemühen um die persönliche Entwicklung der Mitarbeiter stärkt das Vertrauen nachhaltig. Das Image der Führungskräfte ist ein erfolgskritischer Entscheidungsfaktor für zukünftige Bewerber. Eine klare und konsequente Führung wirkt auch nach außen. Dies ist Gegenstand des letzten Kapitels

Nach einem kurzen Fazit gibt es noch ein Literaturverzeichnis im Anhang.

Zwischendurch gibt es immer wieder Beispiele aus der Welt des Fußballs, die auf die Arbeitswelt übertragen werden.

Das Mindset, was hier vermittelt wird, findet sich schon in anderen Ansätzen und stellt zu weiten Teilen nichts Neues dar. Viele Beispiele aus dem Sport sind nicht eins zu eins auf Führungskräfte in anderen Bereichen übertragbar. Werner zieht auch zu wenige Erkenntnisse aus der Organisationslehre, Soziologie, Psychologie oder den Neurowissenschaften heran.

Es gibt bessere Bücher und Ansätze für Führungskräfte.


Buch 4

Roland Voigtel: Sucht, Psychosozial, Gießen 2021, ISBN: 978-3-8379-2306-3, 16,90 EURO (D)

Die heutige Psychoanalyse kennt unterschiedliche Schweregrade der Sucht und verschiedene Funktionen des Suchtmittelgebrauchs wie die Verleugnung neurotischer Hemmungen, das Aufblähen eines geringen Selbstwerts, Beziehungsvermeidung oder gar die Vernichtung eines wertlosen Selbst. Roland Voigtel arbeitete als Therapeut und Supervisor sowohl in der ambulanten Einzeltherapie als auch in psychiatrischen Klinikabteilungen und Einrichtungen mit Suchtkranken.

Im vorliegenden Buch werden die wichtigsten Erklärungsmodelle dargestellt und anhand zahlreicher Fallbeispiele illustriert. Schließlich gibt der Autor Hinweise für die psychoanalytische Therapie mit Suchtkranken. Dabei geht es einerseits darum, die Initialverstimmung aufzuschlüsseln und ihre Elemente mit früheren Beziehungserfahrungen zu verknüpfen. Bei dieser rekonstruktiven Durcharbeitung verliert die Initialverstimmung dann mit der Zeit ihren Schrecken. Die Voraussetzung ist eine gänzliche Abstinenz über einen langen Zeitraum, um sich selbst in diesem Modus ausreichend kennenzulernen, um Affekttoleranz entwickeln zu können, um die Erfahrung von Selbstwirksamkeit zu machen und einen bestimmten Selbstwert entstehen zu lassen.

Wichtig ist auch die Bildung einer „sekundären Identität“: „Durch die Stärkung des individuellen Selbst und die Bildung einer eigenen Narration der eigenen Geschichte in Begleitung eines bestätigenden Zeugen (des Therapeuten) wird das ursprüngliche, als defizitär erlebte Selbstbild ergänzt bzw. das unentschiedene, schwebende Selbstbild zum Positiven verschoben und gefestigt.“ (S. 132) Abgeschlossen wird die Therapie immer durch die Phasen der Separation, die auch imaginiert werden können, wobei auch die Möglichkeiten der Rückkehr und der Objektvergewisserung angeboten werden können.

Hier steht die innere Motivation und unbewussten Antrieben von Süchtigen im Vordergrund, die der Autor im Laufe seiner Behandlungen erworben hat. Eine empathische Vorgehensweise mit einigen klaren Regeln wird hier vorgestellt. Der Vorteil ist, dass der Autor die suchtkranken Personen nicht moralisch abwertet oder mit eingeschliffenen Vorhaltungen ankommt. Dennoch wird hier nichts beschönigt, sondern auch auf wiederkehrende Probleme bei Behandlungen hinweist und Beispiele gibt.


Buch 5

Torbjörn Ekelund: Gehen. Eine Wiederentdeckung, Malik, München 2021, ISBN: 978-3-89029-528-2, 18 EURO (D)

Der Norweger Torbjörn Ekelund erlitt einen Schock, als bei ihm Epilepsie festgestellt wurde. Er wurde gezwungenermaßen vom Autorfahrer zum Fußgänger, was sich mit der Zeit zu einer Liebhaberei entwickelte. Entweder alleine oder zusammen mit seinen Kindern geht er verschiedene Strecken und Wege in Norwegen und in der gesamten Welt sowie zu verschiedenen Jahreszeiten.

In diesem Buch nimmt er den Leser mit auf eine persönlich geschriebene Reise durch die Geschichte des Weges, angefangen von den ersten Menschen, die nach der letzten Eiszeit Richtung Norden wanderten bis zu heutigen angepassten Wanderwegen. Es handelt vom Gehen, aber auch um die Landschaft, in der Menschen wandern, und die man bei langsamer Bewegung viel besser wahrnimmt. „Die Geschwindigkeit beim Gehen erlaubt, dass wie uns umschauen, dass wir die Welt in uns aufnehmen, dass wir wahrnehmen, wie sie sich langsam verändert, dass wir Geräusche hören, Gerüche bemerken, Wind, Sonne und Regen im Gesicht zu spüren und unter unseren Füßen den Boden, der sich beim Gehen ständig verändert.“ (S. 18)

Laut dem Autor sind die Wege Geschichten über uns. Im Raum zeigen sie nach vorne, in der Zeit aber oft nach hinten, auf unsere eigene Geschichte und die Menschen, die sie zuerst betraten. Es ist auch die Geschichte von Ekelung selbst und der Wege, die er schon in seiner Kindheit gegangen ist. Ekelund geht bekannte Wege erneut, um der Antwort auf Fragen, die er sich immer gestellt hat, näher zu kommen.

Langes Gehen wie die Pilgertour nach Santiago de Compostela birgt die Chance zur Selbstfindung und auch zur gefühlten Gemeinschaft mit anderen Pilger*innen.

Das Wort Selbstfindung ist dabei das Schlüsselwort des Buches, das nebenbei auch Naturbetrachtungen auf hohem Niveau darstellt. Er vermittelt in vielen Fällen schon fast philosophisch und mit exakter Beschreibung, wie er selbst Wanderwege erlebt. Dabei bezieht er sich immer auch auf Naturdenker und Poesie, um Phänomene und Stimmungen näher zu beschreiben. Letztlich ist es jedoch auch eine gelungene und tiefgründige Abhandlung über seinen eigenen Lebensweg.









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