Neuerscheinungen Erziehung und Psychologie

08.09.21
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Marc Schmidt: Sprachtherapie mit mehrsprachigen Kindern, 2. Auflage, Ernst Reinhardt, München 2021, ISBN: 978-3-497-03068-2, 29,90 EURO (D)

Mehrsprachige Kinder mit Spracherwerbsstörungen benötigen eine spezielle Therapie und Förderung. Marc Schmidt hat dazu das Konzept der erprobten "kontrastoptimierten Therapie“ entwickelt. Ausgangspunkt ist die Zweitsprache Deutsch. Wie Therapeuten auch ohne besondere Vorkenntnisse die Erstsprache konsequent miteinbeziehen können, zeigt Marc Schmidt anhand von 45 konkret umsetzbaren Therapieeinheiten. Die Besonderheiten der Erstsprachen Türkisch, Russisch, Polnisch, Portugiesisch und Französisch werden dem Deutschen gegenüber gestellt und erklärt. Auch zur allgemeinen Förderung des bilingualen Spracherwerbs bietet das Buch Grundlagen und praktische Anregungen.

Das Konzept der Konstrastoptimierung wird selbst auf S. 100f erklärt: Es ist für die Therapie mehrsprachiger Kinder entworfen worden. Die Ressourcen der Muttersprache soll genutzt werden, sprachliche Zielstrukturen auf semantischer und besonders auf grammatikalischer Ebene werden der deutschen Sprache gegenübergestellt. In kurzen reflexiven Phasen werden Gemeinsamkeiten und Differenzen, die zwischen den Zielstrukturen bestehen, visuell fixiert, und dem Kind gewusst gemacht, mit Hilfe von Schaubildern, Satzvergleichen, Spielen und Übungen. In einer ersten Phase steht ein qualitativ hochwertiger Input im Mittelpunkt der Therapie, progressiv steigt der Anteil an produktiven Phasen, in denen das Kind die neuerworbenen Strukturen in authentischen Situationen korrekt umsetzen muss.

Diese Methode fußt auf Prinzipien der Kontextoptimierung, die von Hans-Joachim Motsch entwickelt wurde. Das Sprachmaterial wird entsprechend des Entwicklungsstandes des Schülers ausgewählt. Das Sprachmaterial wird in einer möglichst interaktiven Lernsituation vom Lehrer eingesetzt, in der Schüler und Lehrer gemeinsam sprachlich handeln. Die Lehrkraft spricht verlangsamt und betont, so dass auch kleine morphologische Unterschiede wie "den" und "dem" bewusst gemacht werden. Die Aufmerksamkeit des Schülers wird auf die sprachliche Zielstruktur gelenkt, so dass diese besser wahrgenommen und verarbeitet werden kann.

Zu Beginn des Buches werden die Inhalte des Onlinematerials und die verwendeten Abkürzungen dargestellt. Danach folgen grundlegende Erläuterungen, Begriffsbestimmungen, Mehrsprachigkeit, die Bedeutung der Erstsprache und Interlanguageeffekte. Danach geht es um den Spracherwerb. Schwerpunkte sind dort der Erwerb der deutschen Sprache und von Türkisch, Russisch, Polnisch, Portugiesisch und Französisch. Anschließend wird die Sprachdiagnostik in den Blick genommen. Die Überprüfung der Erst-, Zweit- und nonverbaler Faktoren sind dort die Themen.

Weiterhin werden Faktoren der gezielten Förderung des bilingualen Spracherwerbs veranschaulicht. Danach folgt die Praxis mit der Sprachtherapie. Dort wird auch das Konzept der Konstrastoptimierung erläutert. Gezielt wird dort zwischen phonologischer, semantischer und grammatikalischer Therapie unterschieden. Danach werden die verschiedenen Therapieeinheiten vorgestellt.

Zusätzlich findet man weiterführende Literatur, Praxis- und Arbeitsmaterial, Fallbespiele und Tipps. Dazu gibt es zusätzliches Onlinematerial: 13 Spielformate in 85 Fotos, Tabellen und Abbildungen zu Kapitel 5, die sich in ihrer Farbigkeit von denen im Buch unterscheiden. Dies wird durch einen bestimmten Icon kenntlich gemacht.

Im Anhang findet man noch Literatur und ein Sachregister.

Fünf Erstsprachen (Türkisch, Russisch, Polnisch, Portugiesisch, Französisch) werden dabei abgedeckt, immerhin wird damit ein beträchtlicher Anteil von Kindern erreicht. Das Konzept ist praxiserprobt und wird verständlich erläutert. Der Transfer in die Praxis und Anwendbarkeit gelingt ebenfalls und wird an vielen Beispielen verdeutlicht. Dieses Buch ist im Konzept von Migration, interkultureller Gesellschaft, Integration und Partizipation wertvoll.


Buch 2

Gabriele Neuhaus u.a.: Einfach machen. 100 Impulskarten für frühpädagogische Kunstaktionen, Ernst Reinhardt Verlag, München 2021, ISBN: 978-3-497-03061-3, 29,90 EURO (D)

Ganzheitliche Entwicklungsförderung und Malen oder Basteln gehören eng zusammen. Verschiedene Fähigkeiten gezielt zu fördern, dazu inspirieren die 100 Impulskarten für Kinder von 3 bis 6 Jahren. Jede handliche Karte besitzt einen besonderen Schwerpunkt aus den Bereichen Motorik, Wahrnehmung, Praxis, Emotionalität, Soziabilität, Kommunikation und Kognition. Motorik, Wahrnehmung, Emotionalität und Kognition sind dabei stärker vertreten als zum Beispiel Soziabilität und Kommunikation.

Es gibt jeweils 10 Impulskarten, die zu folgenden thematischen Bereichen: mit Stift und Papier, anders malen, Drucken, Basteln, Formen finden, Ich-Bilder, Alltagssachen, auf der Spur, Reliefs, Farbexperimente. Die Bereiche haben jeweils andere Farben zur besseren Orientierung. Auf der Kartenvorderseite gibt es immer farbige Bilder. Auf der Rückseite gibt es Hinweise zu notwendigem Material, eine Anleitung in verschiedenen Schritten, die dazugehörigen Förderbereiche und mehrere Variationsmöglichkeiten.

Neben den Impulskarten gibt es drei Übersichtskarten zu den Förderschwerpunkten, eine Materialliste und über die Impulskarten.

Kindliche Kreativität ist eine der wichtigsten Lebenskompetenzen und wird in der Frühpädagogik immer wichtiger. Hier werden Anregungen für die kreative Arbeit mit Kindern aufgezeigt, die eine breite thematische Vielfalt haben. Dabei werden Beispiele aufgezeigt, die sich gut in den Kita-Alltag integrieren lassen und wenig Vorbereitungszeit und Material benötigen. Teilweise kann man auch auf Naturmaterialen zurückgreifen.

Insgesamt gesehen fördern die Spiele und Übungen fördern kognitive und emotionale Intelligenz und sind damit auch Teil eines Aufbaus der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern.

Dabei wird allerdings bestimmtes Wissen als Hintergrundbasis vorausgesetzt: Elementare Kenntnisse der Förderung und Stärkung kindliche Kreativität, Kreativität als Methodenkompetenz im Umgang mit schwierigen Aufgaben oder Herausforderungen des Lebens und deren förderlichen bzw. hemmenden Einflussfaktoren, didaktischen Analyse als Basis für didaktische Entscheidungen in der Begleitung von Bildungsprozessen bei Kindern in Kitas.


Buch 3

Lea Dohm, Felix Peter, Katharina van Bronswijk (Hrsg.): Climate Action – Psychologie der Klimakrise. Handlungshemmnisse und Handlungsmöglichkeiten, Psychosozial Verlag, Gießen 2021, ISBN: 978-3-8379-3110-5, 39,90 EURO (D)

Die Klimakrise spitzt sich zu, der Klimawandel wird immer stärker spürbar. Warum gelingt es vielfach trotzdem nicht, dringend notwendige Eindämmungsmaßnahmen einzuleiten und zu handeln? Die Autorinnen und Autoren beleuchten aus psychologischer und interdisziplinärer Sicht die Hindernisse, die einer angemessenen Auseinandersetzung mit der Krise im Wege stehen. Sie bieten Inspirationen für den Umgang mit den Herausforderungen des Klimawandels und stellen Grundideen für ein konstruktives und kollektives Handeln dar. Dabei denken sie individuelles Handeln auf gesellschaftlicher Ebene und zeigen, dass jede*r in der Klimakrise wirksam werden und dabei gesund bleiben kann. Dies wird begleitet von Illustrationen von Jai Wanigesinghe.

Im ersten Teil des Buches geht es um Handlungshemmnisse. Dies beginnt mit zwei persönlich gehaltenen Beiträgen. Im ersten plädiert die Soziologin Kaossara Sani aus Togo für mehr Klimagerechtigkeit. Ein Dialog zwischen Lea Dohm mit dem Facharzt und Buchautor Udo Boessmann folgt danach, in dem es darum geht, was notwendig ist, um sich der Klimakrise auch emotional bewusst zu werden. Danach beschreibt die Psychoanalytikerin Dalaram Habibi-Kohlen anhand konkreter Beispiele, wie Menschen ganz individuell die Augen vor der Klimakrise verschließen. Danach folgt ein psychotherapeutischer Blick von Toni Raimond auf die Parallelen zwischen gesellschaftlichen Strukturen und denen einer Familie mit einem gewalttätigen Vater. Anschließend gibt es einen Überblick eines Autor*innenteams über vielfältige Ausreden und Argumente gegen eine forcierte Klimapolitik. Warum viele Menschen diese Ausreden bereitwillig angenommen haben, beleuchten danach drei Autor*innen. David Hiss geht auf die Theorie der Kognitiven Dissonanz ein und zeigt ihre Verbindungen zur Klimakommunikation. Lea Dohm und Sara Schurmann geben noch konkrete Empfehlungen für Medienschaffende, die psychische Verarbeitung der Klimakrise voranzubringen.

Im zweiten Teil werden die Handlungsmöglichkeiten, die schon bestehen und insbesondere solche, die uns als Individuen nicht fortlaufend überfordern, dargelegt. Der Scientists-for-Future-Mitbegründer Gregor Hagedorn und Felix Peter beschreiben auf der gesellschaftlichen Ebene, was wir anders machen müssen und können. Der Soziologe skizziert danach eine neue Beziehung des Menschen zur Umwelt. Danach gibt es einen Beitrag zu den Bedingungen für kollektiven Klimaschutz, bevor der Sozialpsychologe Julian Bleh einen Blick auf die Erfolgsfaktoren und die weitere Perspektive der Klimabewegung wirft. Anne Römpke gibt einen Einblick in die Umweltaktivitäten von und in Kirchengemeinden und stellt dar, wie bestehende Organisationen Orte für gesellschaftlichen Wandel werden können.

Vier Autor*innen widmen sich dann der Verantwortungsübernahme in psychologischen und psychotherapeutischen Berufsgruppen für die Lösung der Klimakrise. Darauf bezieht sich auch die Juristin Karolin Heyne, die die rechtlichen Möglichkeiten der Psychotherapeutenkammern ausleuchtet. Danach geht es noch um Wege zu einer nachhaltigen Transformation auf der gesellschaftlichen Ebene aus einer ethischen Perspektive heraus.

Danach rückt die individuelle Ebene wieder in den Mittelpunkt. Die Psychologin Nicole Herzog stellt die Theorie des geplanten Handelns vor, die die Lücke zwischen Einstellungen und tatsächlichem Verhalten beschreibt. Die Umweltpsychologin Katharina Beyerl skizziert die Rolle individueller Wahrnehmungen für eine sozio-ökologische Transformation. Angehörige der Gruppe Psychologie im Umweltschutz stellen dann vor, wie die Erkenntnisse der Umweltpsychologie und Nachhaltigkeitsforschung einem breiteren Publikum nähergebracht werden können.

Der dritte Teil beschäftigt sich mit Einblicken in die gelebte Handlungspraxis. Mareike Schulze und Lea Dohm beschreiben dazu die Gründungsgeschichte der „Psychologists for Future“. Remo Klinger skizziert die Möglichkeiten des Rechts für den Umweltschutz. Robert Goldbach beschreibt, wie Bürger*innen die örtliche Energieversorgung selbst in die Hand genommen hat. Helmut Born geht auf die Rolle der Gewerkschaften im Klimaschutz ein, weitere Beiträge widmen sich dem Klimaaktivismus im ländlichen Raum, einem solidarischen Landwirtschaftsprojekt, dem Zustand des Waldes und dem Mobilitätssektor. Andreas Büttgen und Erhard Georg beschreiben den Aufstieg der Initiative „Buirer für Buir“, der Greenpeace Aktivist Aran de Bruyn Ouboter berichtet von seinen ersten Klimaschutzerfahrungen.

Im Nachwort stellen die Herausgeber*innen heraus, wie „wir gemeindam in unseren Netzwerken mit vergleichsweise einfachen Aktivitäten komplexe kollektive Veränderungen einleiten können.“ (S. 411). Außerdem werden konkrete Handlungsmöglichkeiten mit Verweis auf „Kipppunkte“ von der Forscherin Ilona Otto und ihrem Team vorgestellt. Dies sind die Veränderungen von sozialen Normen, die Klima-Bildung, das Beitreten und Gestalten in der Klimagerechtigkeitsbewegung, der Zugang auf Politiker*innen, die Wahl einer Partei, die sich für die Umwelt stark macht.

Das menschliche Handeln in Reaktion auf die Klimakrise steht hier im Vordergrund. Der Rahmen des Fachbuchs ist weit gefasst: es werden absichtlich verschiedene Zugänge, eine möglichst allgemeinverständliche Sprache und direkte Ansprache gewählt. Es will als Ideen- und Impulsgeber und handlungsgeleitete Motivation verstanden werden und nicht nur Hemmnisse des Handels in den Vordergrund stellen.

Dies löst es auch in weiten Teilen ein, indem es positive Beispiele des Handels in den Mittelpunkt stellt. Zur Ergänzung empfiehlt sich auch: Julia Zohren: Einfach nachhaltig leben. Bucket-List. In kleinen und großen Schritten zu mehr Nachhaltigkeit im Alltag, EMF, Igling 2019, ISBN: 978-3-96093-652-7, 14,99 EURO (D)

Auch die meist rechten Argumentationsmuster gegen eine Veränderung der Klimapolitik werden gut dekonstruiert. Soziologische und psychologische Aspekte einer Postwachstumsgesellschaft, die Verbindung zwischen Kapitalismus und Raubbau an der Natur fehlen aber, genauso wie die Verbindung der ökologischen Frage mit der sozialen.


Buch 4

Volker Busch: Kopf frei. Wie Sie Klarheit, Konzentration und Kreativität gewinnen, Droemer, München 2021, ISBN: 978-3-426-27865-9, 18 EURO (D)

Im digitalen Zeitalter leiden vielen Menschen an einer Informationsüberflutung. Medialer Dauerkonsum, Reizflut und Multitasking sind oft Alltag. Volker Busch arbeitet als Neurologe und Psychiater mit Menschen, die unter Stress, Depression, Kopfschmerzen und anderen Belastungen leiden. In diesem Buch erklärt er, warum unser Gehirn mit diesen Herausforderungen überfordert ist, welche Folgen dies für das Gehirn und die eigene Leistungsfähigkeit haben kann und gibt Anregungen, wie man der dauernden Reizüberflutung und dem digitalen Stress entkommen kann.

Der Aufbau der Kapitel konzentriert sich auf die Punkte: Klarheit, Konzentration und Kreativität. Zuerst geht es um das Problem, danach werden die Folgen und die Lösung vorgestellt. Dazu gibt es noch verschiedene Empfehlungen. Außerdem wird auf Entspannung, diverse Techniken dazu und meditative Entlastung eingegangen.

Seine Ausführungen basieren oft auf dem Begriff der Aufmerksamkeit. Auf der Grundlage von wissenschaftlichen Studien hat er eine Reihe von Übungen entwickelt, die helfen durch selektive Aufmerksamkeit die Umwelt bewusst wahrzunehmen und das Gedächtnis zu verbessen. Außerdem präsentiert er Übungen, die durch konzentrierte Aufmerksamkeit Klarheit und Genauigkeit im Denken zu gewinnen und produktivere Ergebnisse zu erzielen und durch schweifende Aufmerksamkeit neue Ideen zu entwickeln und zu durchdachten Entscheidungen zu kommen. Dazu werden der Aufbau des Gehirns und darin ablaufende Prozesse und das Gedächtnis näher betrachtet.

Danach geht er noch auf die Frage ein, wie man Kindern beibringen kann, ihre Aufmerksamkeit in der digitalen Welt steuern zu lernen.

Dabei betont er, dass Menschen ihr Denken und Handeln bewusst überwachen, steuern und anpassen können. Die Fähigkeit zum Selbstmanagement steht im Mittelpunkt. Die Anfälligkeit für Störungen und das Unvermögen, einen klaren Kopf zu behalten, sind in den meisten Fällen selbst verursacht.

Die Fähigkeit zur kognitiven Steuerung wird hier Schritt für Schritt und in verschiedenen Situationen ausgebreitet, also ein Programm, das die eigenverantwortliche Seite betont. Medikamententipps gibt es nicht. Neurowissenschaftliche Exkurse und Medienumgang begleiten dies. Wie man Konzentrationsmangel, Aufmerksamkeit, Spannungen und Stress entgegnen kann, wird hier mit vielen Übungen gezeigt. Es werden allerdings nur wenige praktische Hinweise von Patientengeschichten gegeben, der theoretische Hintergrund und die Übungen stehen klar im Vordergrund. Für das schon angebrochene Informationszeitalter ein wertvolles Buch.


Buch 5

Roland Voigtel: Sucht, Psychosozial, Gießen 2021, ISBN: 978-3-8379-2306-3, 16,90 EURO (D)

Die heutige Psychoanalyse kennt unterschiedliche Schweregrade der Sucht und verschiedene Funktionen des Suchtmittelgebrauchs wie die Verleugnung neurotischer Hemmungen, das Aufblähen eines geringen Selbstwerts, Beziehungsvermeidung oder gar die Vernichtung eines wertlosen Selbst. Roland Voigtel arbeitete als Therapeut und Supervisor sowohl in der ambulanten Einzeltherapie als auch in psychiatrischen Klinikabteilungen und Einrichtungen mit Suchtkranken.

Im vorliegenden Buch werden die wichtigsten Erklärungsmodelle dargestellt und anhand zahlreicher Fallbeispiele illustriert. Schließlich gibt der Autor Hinweise für die psychoanalytische Therapie mit Suchtkranken. Dabei geht es einerseits darum, die Initialverstimmung aufzuschlüsseln und ihre Elemente mit früheren Beziehungserfahrungen zu verknüpfen. Bei dieser rekonstruktiven Durcharbeitung verliert die Initialverstimmung dann mit der Zeit ihren Schrecken. Die Voraussetzung ist eine gänzliche Abstinenz über einen langen Zeitraum, um sich selbst in diesem Modus ausreichend kennenzulernen, um Affekttoleranz entwickeln zu können, um die Erfahrung von Selbstwirksamkeit zu machen und einen bestimmten Selbstwert entstehen zu lassen.

Wichtig ist auch die Bildung einer „sekundären Identität“: „Durch die Stärkung des individuellen Selbst und die Bildung einer eigenen Narration der eigenen Geschichte in Begleitung eines bestätigenden Zeugen (des Therapeuten) wird das ursprüngliche, als defizitär erlebte Selbstbild ergänzt bzw. das unentschiedene, schwebende Selbstbild zum Positiven verschoben und gefestigt.“ (S. 132) Abgeschlossen wird die Therapie immer durch die Phasen der Separation, die auch imaginiert werden können, wobei auch die Möglichkeiten der Rückkehr und der Objektvergewisserung angeboten werden können.

Hier steht die innere Motivation und unbewussten Antrieben von Süchtigen im Vordergrund, die der Autor im Laufe seiner Behandlungen erworben hat. Eine empathische Vorgehensweise mit einigen klaren Regeln wird hier vorgestellt. Der Vorteil ist, dass der Autor die suchtkranken Personen nicht moralisch abwertet oder mit eingeschliffenen Vorhaltungen ankommt. Dennoch wird hier nichts beschönigt, sondern auch auf wiederkehrende Probleme bei Behandlungen hinweist und Beispiele gibt.









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