Neuerscheinungen Kunst und Kultur


Bildmontage: HF

08.04.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

James Hill: The Castle, Kehrer Verlag, Heidelberg 2019, ISBN: ISBN 978-3-86828-929-9, 45 EURO (D)

James Hill fotografiert seit 1995 in erster Linie für die New York Times. Seine Bilder haben einige der wichtigsten Preise für Fotojournalismus gewonnen. Hill war oft in Kriegs- und Krisenregionen der Welt unterwegs und hat sich dadurch einen Namen gemacht. Seine Hinwendung zu ganz anderen Motiven und Stimmungen erzählt dieses Buch. Das Buch erscheint in englischer Sprache.

Seit rund 20 Jahren zu unterschiedlichen Gelegenheiten fotografiert James Hill das Leben auf Château de Maillebois, dem Familienbesitz seiner Frau. Das unter Denkmalschutz stehende Anwesen ist eine Insel der Vergangenheit inmitten der Gegenwart. Der Fotograf beobachtet seine Familie in ihrer Rolle als temporäre Hüter des Schlosses, die seine Traditionen zu bewahren und in eine ungewisse Zukunft zu überführen suchen. Die Bilder sind schwarz-weiß Aufnahmen, die die Historizität des Schlosses widerspiegeln und es geheimnisvoll machen. Unweigerlich denkt man an die alten, verfilmten Werke von Edgar Wallace oder fühlt sich in die Zeit der Adelsherrschaft zurückversetzt.

Der große Park und steht auch oft im Mittelpunkt genauso wie die imposante Inneneinrichtung. Diese ist ein Kontrapunkt zur Moderne, es wird versucht, der wechselnden Geschichte und der Royalität des Schlosses zu entsprechen. Die Bilder haben auch keine kulturelle-dokumentarische Absichten, obwohl man in manchen Bildern Anzeichen für einen Renaissance-Baustil sieht. Die Bilder vermitteln eher die Stimmung einer monumentalen Ruhe, wo die Größe der Vergangenheit die Gegenwart prägt. Vielleicht ein Gegenpol zu Hills stressiger und hektischer Arbeit als Fotojournalist.

Es werden auch immer wieder Personen ins Bild gesetzt, die aber nicht im Mittelpunkt des Bildes stehen. Die Herangehensweise von Hill ist die Wiedergabe der Gefühle und Stimmungen, was noch durch die Wahl der Farblosigkeit verstärkt wird. Eine neue, durchaus interessante Seite von Hills Fotografie, die viel Wert auf atmosphärische Darstellung legt.

Buch 2

Tomas Wüthrich: Doomed Paradise. Die letzten Penan im Regenwald von Borneo, Scheidegger & Spiess, Zürich 2019, ISBN 978-3-85881-642-9, 49 EURO (D)

Die Penan sind eine indigene Gruppe von ursprünglich nomadischen Jägern und Sammlern, die in und von den Regenwäldern Borneos leben. Die ursprünglich nomadisch im Dschungel von Sarawak auf Borneo lebende Formation der Penan ist von der illegalen Abholzung des Regenwalds bedroht. Seit 1970 wurden über 90% des Regenwaldes in Sarawak gerodet und Palmölplantagen breiten sich aus. Durch den Verlust ihrer Existenzgrundlage wurden die meisten Penan zur Sesshaftigkeit gezwungen. Der Fotograf Tomas Wüthrich hat mehrere Jahre mit ihnen gelebt und dokumentiert den Alltag und die Kultur der Penan. Die Penan wurden in den 1980er-Jahren durch den Schweizer Umweltaktivisten Bruno Manser erstmals international wahrgenommen, der auf mysteriöse Weise verschollen ist.

Dieses Buch erscheint im Vorfeld dieses zwanzigsten Jahrestags und zeichnet ein differenziertes Bild des heutigen Lebens der Penan. Das Buch erscheint gleichzeitig in Penan, englischer und deutscher Sprache. In einer allgemeinen Einführung wird das Projekt von Tomas Wüthrich, die Arbeit von Bruno Manser, die Situation der Penan und ihr Kampf gegen die Abholzung ihrer Lebensgrundlagen beschrieben. Dabei wird deutlich: „Doch kulturelle Erosion, das Vorrücken der Geldwirtschaft und die fortschreitende Naturzerstörung machen das Überleben ihrer Kultur und Lebensweise immer schwieriger.“ (S. 9) Der Schutz des Regenwaldes und die Erhaltung einer uralten Lebensform sind das Anliegen von Wüthrich.

Dann folgen 150 Bilder mit teilweise intimen Einblicken in das Leben der Penan, aber auch gerodete Wälder und ihre Auswirkungen gezeigt. Dies sind großformatige Bilder über eine Doppelseite und etwas kleinere auf einer Seite. Wüthrich kommt den Penan sehr nah und zeigt vielfältige Ausschnitte aus ihrem Alltag. Zwischendurch gibt es immer wieder schriftliche Auszüge von Zeugnissen ihrer Kultur. Im Anhang findet man noch einen Index der Bilder mit kurzer Beschreibung.

Die ausdrucksstarken Bilder und der Bericht sind respektvoll und haben nichts mit einer Zurschaustellung angeblich „exotischer“, „wilder“ Lebensweise gemein, wie in vielen völkerkundlichen Projekten üblich. Hier wird erstens die illegale Abholzung des Regenwaldes aus ökologischer Perspektive zu Recht skandalisiert und zweitens die Auswirkungen für die Penan, die ihrer Lebensgrundlagen beraubt wurden. Hier sieht man direkt die ökologischen Folgen der Palmölproduktion für Mensch und Umwelt, was westlichen Konsumenten zu denken geben sollte.

Buch 3

Diario di Maggia. Eliska Bartek, Photo Edition Berlin, Berlin 2019, ISBN: 978-3-947451-04-3, 45 EURO (D)

Die Fotografin, Malerin und Autorin Eliška Bartek flüchtete 1972 aus der damaligen Tschechoslowakei in die BRD und lebt seit 1997 in Berlin und im schweizerischen Tessin im Ort Maggia, wo früher der bekannteste Kurator Harald Szeeman lebte. Dort besitzt sie ein Atelier in der Fabbrica Rosa in der ehemaligen Wohnung des berühmten Schweizer Kurators Harald Szeemann. Bartek macht jeden Tag  mit dem Hund der Nachbarn  Spaziergänge über mehrere Stunden aufbrach durch das Maggiatal. Vezaubert von der Schönheit der Landschaft begann sie wieder ihre Aquarellmalerei. Während ihrer Spaziergänge nimmt sie die Landschaft mit allen Sinnen auf, Aus diesen Eindrücken entstand zu Hause eine künstlerische Ausformung in Aquarellen, insgesamt 60 an der Zahl, die in den Jahren 2016 – 2018 entstanden. Diese Werke erscheinen nun in dieser Publikation, die gleichzeitig auf Italienisch, Englisch, Schweizerdeutsch und Deutsch erscheint.

Das Buch wird eingeleitet durch einen einführenden Text von Andreas Schwab. Dort wird erwähnt, dass  die Aquarelle weder Naturlyrik noch reiner Ausdruck der Schönheit der Natur sind, sondern Bartek vielmehr legt sie die Verletzlichkeit und Zerstörungen der Natur offenlegen möchte.

Dann folgt der Hauptteil der Abdruck der Aquarelle, die nach den Jahreszeiten strukturiert sind und auch das Maggiatal im Wandel der Jahreszeiten zeigen. Im Sommer sind die Farben kräftig und klar, im schneebedeckten Winter sind es eher gemäßigtere Farbtöne. Sie erlebt dies intensiv mit und spürt in ihren Aquarellen den verschiedenen Naturstimmungen im Maggiatal nach. Menschen tauchen auf den Bildern nicht auf, nur die abwechslungsreiche Kulturlandschaft des Tessins. Wie in einem Tagebuch bildet das Entstehungsdatum auch den Werktitel. Im Anhang findet man noch eine kurze Biografie, eine Auswahl von Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen sowie eine Bibliografie.

In Form eines Tagebuchs werden ihre Eindrücke aus der Erinnerung umgesetzt. Bäche, Seen, Gipfel und die Stimmungen der Natur entsprechend der Jahreszeiten werden hier abgebildet.  Ihre Bilder spiegeln aber nicht die wildromantische Landschaft des Maggiatals wie in vielen Bergwanderführern oder Hochglanzprosekten wider, sondern haben eher einen sensitiven- magischen Charakter vermischt mit einer Prise Ursprünglichkeit. Dies sind Ausdrücke ihrer Gefühle, wie sie die Natur sieht und wahrnimmt. Leider ist hier kein Interview mit der Autorin über ihren neuesten Werkzyklus vorhanden, der noch intensivere Einblicke hätte bringen können.

Buch 4

Paul Burgard | Gabi Hartmann | Klaus Peter Weber: Filmrausch. Das Kinowunder im Saarland, Geistkirch Verlag, Saarbrücken 2019, ISBN: 978-3-946036-99-9, 34,80 EURO (D)

In den 50er und 60er Jahren war das Saarland war das Filmland schlechthin. Nirgendwo sonst gab es so viele Filmpaläste, war die Technik ausgereifter, das Angebot größer, das Publikum zahlreicher und enthusiastischer. Die Stars der Branche gaben sich in den goldenen Kinozeiten hier die Klinke in die Hand. In diesem Buch wird erstmals eine umfassende Aufarbeitung dieser Zeit vorgelegt, in dem das saarländische Kinowunder in all seinen Facetten und aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet wird. Zahlreiche, zum größten Teil bisher unveröffentlichte, Aufnahmen namhafter Saarbrücker Fotografen sowie Filmplakate, Fotos und Gemälde von den Kinofassaden visualisieren diese Kinotradition.

Die zeithistorischen Hintergründe des Kinobooms werden ebenfalls behandelt: Große Lichtspielhäuser wurden gebaut, um nach den Schrecken des 2. Weltkrieges und dem entbehrungsreichen Wiederaufbau die Sehnsucht nach heiler Welt zu bedienen. Der Bedarf nach Vergnügen und Ablenkung wurde durch die neue Welt des Kinos bedient.

Die Geschichte der saarländischen Kinomogule wird ebenso erzählt wie der Kampf der eigenen Verleihfirmen im Saarland, die die deutschen und internationalen Filme importierten. Aus eigener Erfahrung berichtet ein damaliger Kinogänger von seinen zahlreichen Besuchen, ein damaliger Vorführer erzählt von den technischen Hintergründen und Effekten.

Das Saarland stand im Mittelpunkt des internationalen Films. Stars wie Zarah Leander, Heinz Erhardt, Grete Weiser, Marika Rökk, Hans Albers besuchten die Region, um für ihre Filme zu werben. Die damalige Hysterie um die Stars, die Berichte aus international renommierten und lokalen Publikationen und die Bedeutung für das Renommee des Saarlandes wird ebenfalls vorgestellt.

Paul Burgard erzählt auch von der Prüderie am Beispiel des Films „Liane – das Mädchen aus dem Urwald“ von 1956 mit viel Nacktheit, was eine eigene staatliche Filmzensur im Saarland im Verbund mit der Kirche auf den Plan rief. Außerdem wird der Frage nachgegangen, was von diesem Kinowunder heute noch präsent ist.

Ab den späten 1950er Jahren begannen, hervorgerufen nicht zuletzt durch die zunehmende Verbreitung der Fernsehapparate, die Besucherzahlen der Kinos zu sinken. In deutschen Städten mit vormals mehreren Kinos verschwanden meist zunächst die Nachaufführungstheater und danach weitere Spielstätten, bis oft nur noch ein Kino übrigblieb. Das Bemühen der Filmproduktionsgesellschaften, mit neuen Aufführungstechniken, die nur bei Vorführung auf einer großen Projektionsfläche wirken, Zuschauer zurückzugewinnen, zeigte nicht den erhofften langfristigen Erfolg.

Das Kinowunder im Saarland eher nicht wiederholen. Dieses Buch historisiert aus verschiedenen Blickwinkeln die goldenen 50er und 60er Jahre des Kinos und dem dazugehörenden Glamour von damaligen Stars und Sternchens. Die durch die Kirche bekämpfte Weltoffenheit lässt aus heutiger Sicht schmunzeln. Ein informatives Buch nicht nur über die Filmgeschichte im Saarland, auch über die Westdeutschlands.

Buch 5

Tina Brenneisen: „Das Licht, das Schatten leert“, Edition Moderne, Zürich 2019, ISBN: 978-3-03731-192-9, 29 Euro

Tina Brenneisen lebt und arbeitet als Comiczeichnerin und Karikaturistin in Berlin. Mit diesem Comic, der vielfach ausgezeichnet wurde, arbeitet sie den Verlust des eigenen Sohnes auf.

Das Werk beginnt mit der Fahrt der beiden Hauptpersonen Tini und ihrem Lebenspartner Fritzemann zum Krankenhaus, in freudiger Erwartung der Geburt des gemeinsamen Sohnes. Dort kommt das Baby nach einem Kaiserschnitt jedoch tot zur Welt. Besonders bedrückend ist das Bild, wo die Eltern ihr totes Kind auf den Arm nehmen.

Die Trauma- und Trauerbewältigung steht danach im Mittelpunkt des Comics. Sie versuchen zwar, einen einigermaßen funktionierenden Alltag herzustellen, aber die erste Zeit begleitet sie der Tod überall. Dabei trauern beide gemeinsam, mal für sich. Von außen gibt es zwar Hilfe, das Unglück zu bewältigen, dafür sind sie aber nicht empfänglich. Dritte spielen in der ersten Phase der Trauer keine Rolle. Der Schmerz scheint im eigenen Körper gefangen zu sein. Es werden gemeinsame Bewältigungsstrategien aufgezeigt, wie die verbal ausgedrückte Hoffnung auf baldige Linderung. Die Geschichte führt die Schmerzen, Verzweiflung und Einsamkeit der beiden drastisch vor Augen und beschönigt nichts. Mit der Zeit finden die beiden ihr Lachen wieder, das ist aber eher Galgenhumor. Die Trauer wird im Laufe der Geschichte immer weniger, trotzdem endet das Werk nicht wie ein Spielfilm in Hollywood mit einem Happy End, sondern in einer Phase der relativen emotionalen Stabilität der beiden.

Die Message ist dabei, dass Trauerarbeit Zeit braucht und vielleicht nie ganz abgeschlossen ist. Verständnis und Trost kann dabei der Partner bieten, aber auch individuelle Trauer ist eine Möglichkeit bei der Bewältigung, wobei das Werk keinen Königsweg aufzeigen kann und will. Das Buch bringt dieses heikle Thema in das Licht der Öffentlichkeit und kann anderen Trauenden helfen. Diese öffentliche Form der Bewältigung und Darstellung der eigenen Emotionen hat etwas Beeindruckendes und zeugt von einem starken Charakter der Autorin.

Dieser Comic ist nicht wie so viele fiktiv. Tina Brenneisen verarbeitet als Hauptfigur Tini zusammen mit ihrem Partner den Verlust ihres Sohnes. Ein außergewöhnliches Genre, das nur in Ansätzen unterhaltsam und witzig daherkommt, sondern eher nachdenklich macht und individuelle Trauerarbeit beinhaltet, ohne dabei als Blaupause für andere Verlustszenarien verstanden werden zu wollen. Trauer bedeutet für sie nichts Abgeschlossenes, das wird bis zum Ende deutlich.

Buch 6

Leif Karpe: Der Mann, der in die Bilder fiel. Ein Fall für Peter Falcon. Roman, Nagel & Kimche, München 2020, ISBN: 978-3-312-01165-0, 22 EURO (D)

Das Bild van Goghs „Sternennacht“ hat zahlreiche Künstler zu eigenen Variationen des Themas inspiriert. So wurden beispielsweise Gedichte über das Bild verfasst und der englische Titel des Bildes, „The Starry Night“, stand Pate für die erste Zeile des erfolgreichen Popsongs „Vincent“ den der Sänger Don Mc Lean dem Maler widmete. Naturwissenschaftler beschäftigen sich mit spezifischen Details, wie der Berechnung der Helligkeitsschwankungen in den Wolken- und Lichtwirbeln. Nun hat Leif Karpe rund um das Bild einen eigenen Kunstkrimi geschrieben.

Seit über zwanzig Jahren arbeitet Karpe als Regisseur und Kameramann für Dokumentar- und Spielfilme mit dem Schwerpunkt Kunst. Dabei sind u. a. Produktionen über Sandro Botticelli, Andy Warhol, Jeff Koons, Ai Weiwei und William Turner entstanden.

Das Buch hat folgenden Ausgangspunkt: Es kursiert das Gerücht, dass van Goghs „Sternennacht“ eine Fälschung sein soll. Dies will das New Yorker Auktionshaus Croseby bis zur nächsten Versteigerung unter Verschluss halten. Es engagiert Peter Falcon, der die Gabe besitzt, dass wenn er sich auf Kunstwerke einlässt, diese beginnen mit ihm zu sprechen. Falcon hat sich von der Kunstwelt eigentlich verabschiedet und einen Comicladen aufgemacht. Als dann sein alter Freund Charles auftaucht, ist er mit seiner Begabung gefragt. Er soll inkognito als Charles White zur international renommierten Kunstkritikerin Berrnardine Blumenstihl nach Paris reisen, die die „Sternennacht“ als eine Fälschung ausweisen will. Croseby befürchtet, dass sie Bilder in Verruf bringen will, um die Preise herunterzutreiben und sie nachher billig aufzukaufen.

Fake News in der höchsten Kunstszene?

Die weitere Geschichte wird nicht verraten. Es entwickelt sich eine spannende Reise in das Mekka der Kunst: Den Leser erwarten Einblicke in das Verhältnis von Kunst und Profit, Illusion und Wirklichkeit, ein Ausflug in die Welt des Impressionismus, Kunstfälscher und ganz viel kriminalistischer Energie. Ein gelungener Kunstkrimi mit viel Faktenwissen und eine Spurensuche zu van Gogh.

 

 







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