Neuerscheinungen Kunst


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09.12.18
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Walt Disney’s Mickey Mouse: Die ultimative Chronik, Taschen Verlag, Köln 2018, ISBN: 978-3-8365-5283-7, 150 EURO (D)

Mickey Mouse gehört aufgrund ihrer weltweiten Bekanntheit zu den berühmtesten Kunstfiguren überhaupt. Micky Maus ist die bekannteste Figur aus der Disneywelt und trat auch als Comicfigur auf. Anfänglich nur in Zeichentrickfilmen zu sehen, wurde Micky Maus rasch auch zum Comicstar und wurde im Laufe der folgenden Jahre auch international zu einem großen Erfolg.

Obwohl Micky Maus, den sein Schöpfer anfangs Mortimer Mouse nennen wollte, bereits in dem Stummfilm Plane Crazy auftauchte, erreichte er seine große Bekanntheit erst durch den Film Steamboat Willie, der am 18. November 1928 im New Yorker Colony Theatre uraufgeführt wurde. Dieses Datum gilt auch als Geburtstag von Micky Maus. Die Popularität dieses Films war nicht zuletzt darin begründet, dass es der erste bekanntere Zeichentrickfilm mit Ton war. Zwei Jahre nach seinem Leinwanddebüt, am 13. Januar 1930, erschien der erste Comic (He’s Going to Learn to Fly Like Lindy) mit Micky Maus in amerikanischen Tageszeitungen (auch Plane Crazy betitelt). Bald lasen weltweit Millionen Menschen die Geschichten.

Zu seinem 90. Geburtstag  der Welt kam nun die bislang umfangreichste illustrierte Biografie. Dokumenten aus den Disney-Archiven und zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen darunter Zeichnungen, die noch nie zu sehen waren, Entwürfen zu Filmen, die nie veröffentlicht wurden, die nie fertig gemacht wurden. Über 1.200 Illustrationen, Animationszeichnungen, Storyboards, Hintergründe, Plakate und zahlreiche Fotografien werden präsentiert. Hier werden die einzelnen Stationen der Erfolgsgeschichte der berühmten Maus mit all ihren Charakteren, die sich immer der jeweiligen Zeit angepasst wurden.

Der Vorstandsvorsitzende des Disney-Konzerns, Bob Iger, schrieb zu dem Buch eine Vorbemerkung. Es folgen die Etappen der Filmgeschichte und der Comicgeschichte. So werden unter anderem Reproduktionen von Original-Hintergrund-Gemälden der ersten Micky-Maus-Cartoons, ein japanischer Werbe-Flyer von 1928 und Zeichnungen der ersten Stunde präsentiert. In einem  Kapitel werden die zahlreichen geplanten Trickfilmen mit Entwurfszeichnungen gezeigt, die aus unterschiedlichen Gründen nicht realisiert wurden. Die Instrumentalisierung  der Maus als kapitalistisches Instrument im 2. Weltkrieg und im Kalten Krieg ist ein düsteres Kapitel des Buches.

Mickey Mouse kam auch ins Fernsehen: Der Mickey Mouse Club war eine US-amerikanische Fernsehsendung für Kinder und Jugendliche und lief in den 1950ern, 1970ern und 1990er Jahren auf ABC im amerikanischen Disney Channel. In den 1950er Jahren lief die Serie werktags von 1955 bis 1959. Von 1955 bis 1957 hatte sie eine Dauer von einer Stunde, ab 1957 wurde sie auf eine halbe Stunde gekürzt. Die Show wurde im Frühjahr 1959 von Walt Disney abgesetzt. Bis Ende der 1970er wurde sie aber in unregelmäßigen Abständen im US-amerikanischen Fernsehen wiederholt.

Die Rezeption der Maus von Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Keith Haring und anderen Künstlern, Grafikern und Werbedesignern werden ebenfalls präsentiert.   

Seine Auftritte in der Videospielreihe Kingdom Hearts prägte viele Jugendlichen, in der die Rolle des König Micky übernimmt, der zusammen mit Königin Minni über das Disneyschloss regiert. Donald Duck ist dabei der königliche Zauberer, während Goofy den Kommandanten der königlichen Garde stellt.

Anders als die beiden letztgenannten, die zusammen mit einem weiteren Helden, Sora, das Spiel bestreiten, ist Micky jedoch nur am Ende zu sehen. im Game Boy Advance Sequel Kingdom Hearts: Chain of Memories bekommt er schon einen größeren Part zugestanden und in Kingdom Hearts II wird er zu einem spielbaren Charakter.

Micky Epic ist eher modernerer Natur. Die berühmte Maus schaffte es in ein Computerspiel des Micky-Maus-Franchise für die Spielkonsole Wii. Es wurde von den Junction Point Studios unter Leitung von Warren Spector entwickelt und am 26. November 2010 veröffentlicht.  Der Zauberer Yen Sid hat eine Comicwelt für vergessene Comicfiguren und Konzepte aus dem Disney-Kosmos geschaffen, das sogenannte Wasteland. Doch in Abwesenheit des Zauberers erschafft Micky unabsichtlich das sogenannte Schattenphantom, das nun zusammen mit dem verrückten Arzt das Wasteland bedroht. Micky muss deshalb in diese Welt reisen, um sie mit Hilfe eines magischen Pinsels, der mit Hilfe der Wii-Fernbedienung gesteuert wird, zu reparieren. Das Spiel ist im Vergleich zu anderen Disney-Spielen wesentlich düsterer gehalten, als Spielumgebung dienen bspw. ausrangierte Fahrgeschäfte und ein heruntergekommener Freizeitpark, der an Disneyland erinnert.

Das Geschäft mit der Maus wird auch vorgestellt. Mit dem Merchandising haben die Rechteinhaber in den Jahrzehnten sehr gut verdient. Ab den frühen 1930er-Jahren wurden millionenfach Mickey-Mouse-Spielzeuge verkauft. Danach wurden Devotionalien aller Art, Modeschöpfungen mit ihrem Konterfei verkauft, große Firmen zahlten Unsummen an Geld, um mit der Maus werben zu dürfen.

 

Insgesamt gesehen ist es ein überaus aufwändiges und gelungenes Porträt einer der berühmtesten Figuren der Comic- und Filmgeschichte. Natürlich ist das Buch auch eine Werbung für Disney und dokumentiert den ultimativen Erfolg mit der Maus. Einer Ihrer beiden Autoren, David Gerstein, arbeitet auch eng mit der Walt Disney Company zusammen. Die Akribie der Zusammenstellung des Bandes ist phänomenal, 90 Jahre Geschichte auf 500 Seiten vorzustellen ist eine Herkulesaufgabe, die Millionen von Fans erfreuen wird. In dem Buch steckt unermesslich viel Arbeit und ist seinen hohen Preis wert.

 

Buch 2

Ludwig II und die Architektur. Königsschlösser und Fabriken, Birkhäuser, Basel 2018, ISBN: 978-3-0356-1535-7, 39,95 EURO (D)

Ludwig II. hat sich in der bayerischen Geschichte als leidenschaftlicher Schlossbauherr, vor allem der Schlösser Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof, ein Denkmal gesetzt.

Dieses Buch gibt Einblicke in die Vielfalt der unter der Regierungszeit Ludwigs II (1864-1886) errichteten Bauten und die architektonische Leistung dieser Epoche. Diese Publikation erscheint anlässlich der gleichnamigen Ausstellung zum 150-jährigen Jubiläums der TU München in der Pinakothek der Moderne vom 26.9.2018 bis 13.1.2019.

Hier wird erstmals eine Gesamtschau der unter Ägide Ludwigs II: errichteten Bauten und nicht realisierten Projekte präsentiert. Im Fokus stehen daher nicht nur die weltberühmten Königsschlösser, die im direkten Auftrag Ludwigs II. entstanden, sondern auch die öffentliche und private Bautätigkeit seiner Zeit.  Anregungen für die Architektur seiner Schlösser holte sich Ludwig auf seiner Reise im Juli 1867 in Paris und Schloss Pierrefonds sowie im August 1874 bei seiner Reise nach Schloss Versailles und Schloss Fontainebleau. Auch die Wartburg in Eisenach besuchte er 1867, die später als Vorbild für Neuschwanstein galt.

Dazu zählen so prominente Gebäude wie das Münchner Rathaus, die Münchner Akademie der Bildenden Künste oder das Bayreuther Festspielhaus, aber auch weniger bekannte, jedoch architektur- und kulturgeschichtlich herausragende Bauwerke wie zum Beispiel der Ursprungsbau der „Neuen Polytechnischen Schule“ in München, die Synagogen in München und Nürnberg, die Fabrikbauten des Augsburger Textilviertels oder die ephemeren Architekturen für die 1882 in Nürnberg veranstaltete „Bayerische Landes-, Industrie-, Gewerbe-, und Kunstausstellung“. Aber auch Mietshäuser, Krankenhäuser, Theaterprojekte oder Kirchen werden hier präsentiert.

Das Buch wird eingeleitet durch die beiden Herausgeber, die grundlegende Elemente der Architektur im Königreich Bayern unter Ludwig II. herausarbeiten. Dann folgen 12 Essays von verschiedenen Fachleuten, die die das Verständnis, die Anregungen und einzelne Objekte der Architektur unter dem bayrischen König analysieren. Anschließend werden die Bauaufgaben in Text und Bild näher betrachtet: Dabei werden zwölf unterschiedliche Rubriken (Städtebau, Verkehr, Industrie, Handel und Gewerbe, Gesundheit, Hygiene und Sozialfürsorge, Bildung und Erziehung, Wohnbau, Kultur und Unterhaltung, Industrieausstellungen, Regierung und Verwaltung, Militärbau, Sakralbau, Schlossbau) gewählt. Im Anhang findet man noch eine Bibliographie und einen Bildnachweis.

 

Das Buch illustriert sehr gut, dass in der relativ kurzen Regierungszeit Ludwigs II. eine rege Bautätigkeit in den verschiedensten Bereichen stattgefunden hat, die einer breiteren Öffentlichkeit so wahrscheinlich noch nicht bekannt war. Die Reduzierung auf den „Märchenkönig“ mit seinen prächtigen Schlossbauten ist obsolet geworden.

 

Buch 3

Philip Jodidio: 100 Comtemporary Houses, Taschen (Bibliotheka universalis), Köln 2018, ISBN: 978-3-836-55783-2, 15 EURO (D)

In „100 Contemporary Houses“ werden 100 der interessantesten und ungewöhnlichsten Privathäuser der letzten zwei Jahrzehnte vorgestellt. Die Reise in die Welt der außergewöhnlichen Architektur, die mit individuellen und doch praktischen Seiten ausgestattet ist,  führt rund um den Globus. Unter den hier vorgestellten Architekten sind so bekannte wie John Pawson, Richard Meier, Shigeru Ban, Tadao Ando, Zaha Hadid, Herzog & de Meuron, Daniel Libeskind, Alvaro Siza und Peter Zumthor. Das Buch ist gleichzeitig in deutscher, englischer und französischer Sprache erschienen.

Der Autor Philip Jodidio stellt dabei jedes der 100 Häuser in einem eigenen Kapitel vor. Zu jedem Haus wird der Architekten bzw. das Architektenteam genannt, bevor er das Gebäude, seinen besonderen Charme und die Funktionen in einem kurzen Text näher erklärt. Zahlreiche Bilder, Grundrisse und Skizzen werden dabei auch präsentiert.

So wird ein Einfamilien-Wochenendhaus von Daniel Libeskind vorgestellt, das aus 18 ebenen Flächen, definiert über 36 Punkte und durch 54 Linien verbunden ist. Die Formen des Hauses scheinen aus der Erde aufzusteigen, es steht in Connecticut (USA). Das Casa Kike in Costa Rica ist eine Leichtbaukonstruktion aus Holz, die auf Holzstelen 1,2 m über dem Boden schwebt. Das von Gianni Botsfold Architects erbaute Objekt ist ein Rückgriff auf eine regionale Bautechnik, um so wenig wie möglich in die Umwelt einzugreifen. Das Ferienhaus Tolo House von Alvaro Leite Siza Vieira in Alvite/Portugal mit drei Schlafzimmern, Wohn- und Essraum, Küche und einem kleinen Pool liegt auf einem abfallenden Gelände und ist scheinbar in den Hang integriert. l

 

Diese Privathäuser sind originell, in Beziehung zur natürlichen Umgebung und regionaler Tradition und nicht ganz billig in der Ausführung. Sie sind ein Seismograph für modernes Wohnen in der Gegenwart und Zukunft eine schöne Inspirationsquelle für Hausbesitzer mit gefülltem Geldbeutel und Sinn für Individuelles.

 

Buch 4

Norbert Miller: Marblemania. Kavaliersreisen und der römische Antikenhandel, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2018, ISBN: 978-3-422-07443-9, 34,90 EURO (D)

Dieses Buch stellt vorzüglich in Wort und Bild den Zusammenhang zwischen der Grand Tour von ausländischen Adeligen und später auch Mitglieder des gehobenen Bildungsbürgertums mit dem Handel von römischen antiken Gegenständen oder Nachbildungen dar. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den englischen Adel in Rom und deren Begeisterung für antike Stätten und Kunstgegenstände. Es zeigt auch nachdrücklich, wie der Bedarf nach antiken Sammlerstücken eine rege Geschäftstätigkeit in Gang setzte und damit auch ganze Berufszweige verbunden waren.

Die Grand Tour stellte ursprünglich den Abschluss der Erziehung dar, sie sollte der Bildung des Reisenden den „letzten Schliff“ geben. Die Adeligen suchten insbesondere bedeutende europäische Kunststädte auf und besichtigten dort Baudenkmäler aus Antike, Mittelalter und Renaissance, reisten durch malerische Landschaften, sprachen aber auch an europäischen Fürstenhöfen vor. Dabei sollten sie Kultur und Sitten fremder Länder kennenlernen, neue Eindrücke sammeln und für das weitere Leben nützliche Verbindungen knüpfen. Weiter diente die Tour der Vertiefung von Sprachkenntnissen sowie der Verfeinerung von Manieren, allgemein dem Erwerb von Weltläufigkeit, Status und Prestige.

Die Besichtigung antiker Stätten in Italien hatte in Kreisen der Künstler und Intellektuellen bereits seit dem Spätmittelalter Tradition. Einen wahren Aufschwung erlebte die Grand Tour aber erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts, als es im englischen Adel, vergleichbar einem Initiationsritus, Mode wurde, seine Sprösslinge auf eine mehrjährige Bildungsreise auf den Kontinent zu schicken. Ihren Anfang nahm sie während der Regentschaft von Königin Elisabeth I. von England im 16. Jahrhundert. Die jungen Männer zwischen 17 und 21 Jahren machten sich zumeist in Begleitung eines Tutors und finanziell großzügig von der Familie unterstützt auf den Weg zum Kontinent und durch Europa, um ihren Horizont zur erweitern, antike Bauwerke und Denkmäler zu besichtigen, aber auch um sich in die hohe Schule der Diplomatie einführen zu lassen.

Der Tutor musste über Organisationstalent, Bildung und umfassende Sprachkenntnisse verfügen musste, vor allem aber auch über die Umsicht und Reife, seinen jugendlichen Schützling vor physischen, finanziellen und moralischen Gefahren aller Art zu bewahren. Ein bekannter Tutor war Thomas Hobbes, der mit großem Vergnügen 1610 den Sohn von Lord Cavendish sowie 1634 den Sohn des Earl of Devonshire auf ihren Grand Tours begleitete. Besonders wohlhabende Familien gesellten ihren Sprösslingen neben dem Tutor noch weiteres Personal bei, wozu Ärzte, Kunstexperten, Dienstboten, Maler und Musiker gehören konnten.

Im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts erweiterte sich der gesellschaftliche Kreis der Reisenden auf das Bürgertum. Ein bürgerlicher Engländer, der über Wohlstand verfügte, unternahm zumindest eine kurze Reise auf das Festland. Ähnlich heutigen Reiseführern, wurden in Ratgebern und Reisetagebüchern zur Grand Tour Empfehlungen über die Wegstrecke gegeben, Sehenswürdigkeiten, Sitten, die notwendige Kleidung, die Apotheke und Lektüre besprochen sowie wichtige Sätze und Vokabeln als Hilfe verzeichnet. Um die Reisenden entstand ein eigener Dienstleistungssektor.

Die Vorreiterrolle Englands erklärt sich unter anderem daraus, dass es sich nach dem Sieg über die spanische Armada 1588 auf dem Weg zu einer – nur mit der römischen vergleichbaren – Weltmachtstellung sah. Hinzu kommt schließlich, dass das Ideal des Gentlemans in dieser Reinheit nur dort anzutreffen war.  Einen erheblichen Aufschwung erlebte die Grand Tour Mitte des 18. Jahrhunderts. Im Zuge der Aufklärung nahm das Interesse an fremden Kulturen und Menschen, deren Lebensbedingungen und Umgebung weiter zu.

Obwohl die soziale Struktur der verkrusteten Aristokratie weiterhin dominierte, belebte Venedig als Zentrum des intellektuellen und internationalen Austausches im 18. Jahrhundert das europäische Geistesleben. Neue Formen des künstlerischen Ausdrucks tauchten auf, die Veduten, die Capriccios, topographische Ansichten, architektonische Fantasien, genaue Darstellungen von alten Denkmälern, die mit imaginären Kompositionen zusammengebracht wurden.

Rom wurde neuer Treffpunkt und intellektuelles Zentrum von Europa für die Vertreter einer neuen Bewegung in den Künsten. Die Stadt lockte Künstler und Architekten aus ganz Europa neben Touristen, Händlern und Antiquaren. Während viele von offiziellen Institutionen wie der französischen Akademie kamen, kamen andere zu den neuen Entdeckungen in Heraculaneum und Pompeji. Um die Nachfrage nach Überresten der römischen Antike zu befriedigen, wurde in Rom und Umgebung nach Statuen, Reliefs und Vasen gegraben, in speziell darauf ausgerichteten Werkstätten arbeiteten Bildhauer, Künstler und Restauratoren an Ergänzungen und Nachbildungen.

Der Künstler und Architekt Giovanni Battista Piranesi (1720 -1778), der berühmt für seine Radierungen von Rom war, war an diesem Handel mit antiken Gegenständen beteiligt und schlüpfte zusammen mit Gavin Hamilton selbst in die Rolle von Archäologen bei ihren Ausgrabungen im Pantanello.

Piranesi studierte unter Guiseppe Vasi, der ihn in die Kunst des Gravierens in der Stadt und ihrer Denkmäler einführte. Nach seinem Studium bei Vasi arbeitete er mit den Schülern der französischen Akademie in Rom zusammen, um eine Reihe von Aussichten der Stadt zu produzieren. Sein erstes Werk war Prima parte di Architettura e Prospettiv (1743), gefolgt 1745 von Varie Vedute di Roma Antica e Moderna.

Von 1743 bis 1747 wohnte er vor allem in Venedig, wo er nach Quellenangaben oft Giovanni Battista Tiepolo besuchte.  Dann kehrte er nach Rom zurück, wo er in der Via del Corso eine Werkstatt eröffnete. Von 1748 bis 1774 schuf er eine lange Reihe von Veduten der Stadt, die seinen Ruhm begründeten. Außerdem veröffentlichte er die Schrift Le Antichità Romane de 'tempo della prima Repubblica e dei primi imperatori („Römische Altertümer der Zeit der Ersten Republik und der Ersten Kaiser“). 1761 wurde er Mitglied der Accademia di San Luca und eröffnete eine eigene Druckerei. Er schuf 1776 seine bekannteste Arbeit als „Wiederhersteller“ der antiken Skulptur, der Piranesi-Vase. 1777-78 veröffentlichte er Avanzi degli Edifici di Pesto (Reste der Kirchen von Paestum).

Ein besonderes Merkmal von Piranesis Arbeit beruht auf der Interpretation der klassischen Antike, indem sie seine Phantasie zur Erhöhung der Originalität hinzufügt. Durch die Werke von Marco Ricci und besonders Giovanini Paolo Pannini wurde Piranesi mit den architektonischen Werten und der Ruinenphantasie vertraut. Die Reste von Rom entfachten Piranesis Begeisterung. Seine meisterhafte Geschicklichkeit beim Gravieren half ihm, Vasen, Altäre und Gräber zu schaffen, die in der Wirklichkeit fehlten. Seine breite und wissenschaftliche Verteilung von Licht und Schatten vervollständigte das Bild und entwickelte eine auffällige Wirkung. Einige seiner späteren Arbeiten wurden von seinen Kindern und mehreren Schülern vervollständigt.

Die breitere und flexible Perspektive der Vergangenheit erzeugte nicht nur die neue Interpretation der Gegenwart, sondern auch die Forderung nach einer neuen Ausdrucksweise. Es gab ein Phänomen des wachsenden Selbstbewusstseins bei den Künstlern und dem erfinderischen Genie über die begrenzte Autorität der alten Welt. Piranesi entwickelte eine  künstlerische Selbstentdeckung der alten Welt, die das Studium vieler Gelehrter und Visionäre auslöste. In der Perspektive des Historikers gab es ein wachsendes Interesse an Zivilisationen, Schicksal der Länder. Piranesi interessierte sich besonders für die griechisch-römischen Debatten, in denen die italienische Zivilisation verwurzelt war. Der Glaube, dass die Künstler ein Recht haben, seine eigenen originellen Ideen zu haben und er Rom als das kulturelle Schicksal betrachtete, wurde das Rückgrat seiner kreativen Arbeit. Sein Werk ist das Ergebnis seines phantasievollen Geistes, der mit dem Geist der Ewigen Stadt verbunden ist.

Während seines ganzen Lebens schuf Piranesi zahlreiche Drucke, die die Ewige Stadt darstellten, die von Intellektuellen gesammelt wurden. Seine Carceri (Kerker) zählen aufgrund ihrer großen künstlerischen Virtuosität zu den einflussreichsten Werken der Druckgraphik überhaupt. Die großformatigen Darstellungen der Carceri stellen verschiedene Innenansichten von ganz ungewöhnlichen Gefängnissen dar, denn trotz der erkennbaren Folterinstrumente, Gitter und Ketten entziehen sich die dargestellten Räume in vielerlei Hinsicht der gewohnten Seherfahrung. Charakteristisch ist vor allem die unrealistische Kombination architektonischer Elemente. Mauern, Rampen, Treppen, Spiralen, Türme, Bögen, Gewölbe und Pfeiler sind auf eigentümliche Weise übereinander gestellt sowie ineinander verschachtelt, womit permanent physikalischen Gesetzen widersprochen wird. Seine Entwürfe sind auf dem Papier gebaute Visionen, die keinerlei Möglichkeit auf Realisierung haben. Piranesi verzerrt Proportionen und durch die Verschiebung der Fluchtpunkte werden die räumlichen Grenzen aufgehoben. Visualisiert werden diese Visionen mit einer stupenden Radiertechnik. Konträr zu der Mehrzahl zeitgenössischer Architekturansichten, ist Piranesis Strichführung extrem unruhig, geradezu vibrierend.

Piranesi veröffentlichte die vierzehnteilige Radierfolge erstmals 1749/50 in Rom. Das Werk fand zunächst kaum Beachtung. Knapp zehn Jahre später überarbeitete Piranesi sämtliche Blätter, wobei er die Szenen vor allem durch stärkere Hell-Dunkel-Kontraste ins Unheimliche und Bedrohliche veränderte.

Piranesi leistete auch einen Beitrag zur Archäologie und wurde in die Society of Antiquaries of London gewählt. Sein Einfluss von technischen Zeichnungen in antiquarischen Publikationen wird oft unterschätzt. Piranesi versuchte, die meisten alten Denkmäler in Rom mit seinen Gravuren zu bewahren. Piranesis Arbeit ermöglichte es den Menschen, die Atmosphäre in Rom im achtzehnten Jahrhundert durch seine genaue Beobachtung zu erleben. Er hatte seine Rolle in den Orten der Ausgrabung von Ruinen und die bemerkenswerten Informationen durch sinnvolle Bilder verbreitet.

Der Handel mit antiken Kunstwerken lag in der ersten Blütezeit der Grand Tour noch in italienischer Hand. Nach Anfängen durch Matthew Brettingham etablierte sich bald ein „englisch-englischer Binnenmarkt“, so dass römische Antikenhändler, Restauratoren und Kunsthändler gezwungen waren, sich für Grabungen und Restaurierungen mit englischen Partnern einzulassen: „Unter den in Rom gestrandeten Malern und Architekten, die sich als ciceroni und Reisebegleiter an die Stadt assimiliert hatten, ragt neben Gavin Hamilton der Maler, Connaisseur, Kunsthändler und Bankier Thomas Jenkins heraus, der mit diesem bald im Interessenausgleich bald in Konkurrenz, über die Jahrzehnte den römisch-englischen Kunsthandel konsularisch beherrschte.“ (S. 106)

Piranesis Reproduktionen von realen und neu erschaffenen römischen Ruinen und die Verbreitung des Antikenhandels vor allem in England beeinflussten den Neoklassizismus. Eines der Hauptmerkmale des Neoklassizismus ist die Einstellung zur Natur und die Verwendung von Vergangenheit. Der Neoklassizismus wurde durch die Entdeckungen in Herculaneum und Pompeji vorangetrieben. Die Wiederentdeckung und Aufwertung von Griechenland, Ägypten und der Gotik schritt voran. Der Blick auf ein Goldenes Zeitalter wechselte von einem statischen zu einem veränderlichen, der von Rousseau und Wickelmann als Reaktion auf das dynamische Wachstum der Gesellschaft inspiriert wurde. Auch am schwedischen Hof gab es eine Sympathien für die Antike, König Gustav III. reiste inkognito nach Rom.

 

Buch 5

Roger Melis. In einem stillen Land, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2018, ISBN: 978-3-95797-078-7, EURO (D)

Im Jahr 2007 legte Roger Melis als erster Fotokünstler aus dem Osten ein umfassendes Porträt der DDR und ihrer Bewohner mit dem Schwerpunkt auf die 1970er und 1980er Jahre vor. Kein anderer Fotoband eines DDR-Fotografen hat zuvor oder danach eine vergleichbare Resonanz gefunden. Im Herbst 2009 starb Roger Melis in Berlin. Diese Neuauflage wurde noch einmal überarbeitet und ist gleichzeitig in deutscher und englischer Sprache erschienen.

Roger Melis lebte in der DDR als Fotograf und stellt hier meistens Menschen in ihrem alltäglichen Umfeld dar um die Lebenswirklichkeit wiederzugeben: „Denn ihr Schwerpunkt liegt im Alltäglichen, nicht im Spektakulärem. Mir ging es beim Fotografieren nur selten darum, einen besonderen, nicht wiederholbaren Augenblick festzuhalten. Der Augenblick, den ich immer wieder aufzuspüren suchte, war vielmehr der, in dem das Besondere, das Außergewöhnliche, das Zufällige von den Menschen und den Dingen abfällt und sie ihr Wesen, ihre Eigentümlichkeit preisgeben.“ (S. 12) Die hier gezeigten Bilder sind schwarz-weiß Motive, die nach thematischen Blöcken geordnet in einer weitumspannenden chronologischen Struktur miteinander verknüpft sind.

Nach einer längeren Einleitung zum Leben des Fotografen und seiner Art der Fotografie folgt der Hauptteil mit ausgewählten Bildern aus der späten DDR. In einem Nachwort von Mathias Bertram wird zu dieser posthum erscheinenden Bilderschau und ihrem thematischen Aufbau und der Auswahl der Bilder gesagt. Anschließend findet man noch eine Biografie des Künstlers. Im Anhang werden noch seine Bücher, eine Auswahl seiner Beiträge zu Büchern, eine Auswahl seiner Einzelausstellungen, eine Auswahl seiner Ausstellungsbeteiligungen, seine Fotografien in öffentlichen Sammlungen sowie Sekundärliteratur über Roger Melis vorgestellt.

Die Bilder decken die DDR geografisch von Rügen bis ins Erzgebirge ab: Zu sehen sind neben staatsoffiziellen Großveranstaltungen russische Soldaten, Arbeitskollektive, das Leben auf dem Lande, Urlaubsimpressionen auf Usedom oder Rügen, Abiturfeiern, Jugendweihe und verschiedene Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Auch eine Begegnung mit Wolf Biermann und eine Protestkundgebung 1989 sind zu sehen.

 

Dies ist ein Ausschnitt der Innenansicht der DDR in den 1970er und 1980er Jahren. Melis‘ Fotografie zeichnet sich durch genaue Beobachtungen und nüchterne Wiedergabe des alltäglichen Lebens in der DDR aus. Die schwarz-weißen Bilder vermitteln an manchen Stellen einen düsteren Eindruck, der jedoch nicht insgesamt den Charakter des Bildbandes widerspiegelt. Roger Melis war kein Regimekritiker mit der Kamera, der nur die Trostlosigkeit und negativen Seiten des Lebens darstellen wollte. Die Lebenslust kommt besonders bei den Porträts von Jugendlichen und den Urlaubsfreuden an der Ostsee zum Vorschein.







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