Neuerscheinungen Sachbuch

13.11.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Andreas Arndt (Hrsg.): Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Christentums. Klassiker auslegen, De Gruyter, Berlin/Boston 2020, ISBN: 978-3-11-067695-2, 24,95 EURO (D)

In der von Otfried Höffe herausgegebenen Reihe Klassiker auslegen werden die bedeutendsten Werke der Philosophiegeschichte in Form kooperativer Kommentare von international renommierten Philosophen entschlüsselt und kommentiert. In diesem Kommentar geht es um die Hauptschrift Ludwig Feuerbachs „Das Wesen des Christentums“ (WdC). Hier werden alle Textabschnitte des Buches analysiert und die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte beschrieben.

Nach Hinweisen zu Zitierweise und Siglen präsentiert der Herausgeber in der Einleitung die Lebensstationen Feuerbachs, die Entstehungsgeschichte des Werkes, die drei Auflagen 1841, 1843 und 1849 sowie das ambivalente Verhältnis Feuerbachs zu Hegels Religionsphilosophie.

Walter Jaeschke arbeitet in seinem Essay die ambivalente Haltung gegenüber Hegels Religionsphilosophie heraus, die das WdC von Anfang bis Ende durchzieht. Christine Weckwerth charakterisiert das WdC in der philosophischen Entwicklung Feuerbach. Sie bezeichnet das Werk als „einen Schlüsseltext der nachhegelschen Philosophie“ (S. 31). Weckwerth stellt dessen philosophiegeschichtlichen Hauptquellen, die Eckpunkte bezogen auf die Entfaltung der Religionsproblematik und die theoriegeschichtliche Stellung des Werkes innerhalb der anthropologischen Philosophie Feuerbachs dar.

Im Folgenden stellen verschiedene Autoren jeweils in eigenen Essays Teile des Werkes und die Hauptaussagen vor.

In seinem Beitrag rückt Matthias Petzoldt drei Problemstellungen in den Mittelpunkt, die in besonderer Weise die Theologie herausfordern: die Fragen nach dem Zusammenhang von Anthropologie und Theologie, nach einem neuen Verständnis von Religion und nach dem spezifisch Christlichen. Dabei verdeutlicht er, wie vielfältig Feuerbachs Religionskritik bis heute nachwirkt und die gegenwärtige Theologie beschäftigt. Anschließend geht Christine Weckwerth auf die philosophischen Perspektiven des WdC ein. Sie arbeitet heraus, dass die Schrift bis heute als ein Abgesang auf das Christentum gilt, wobei Feuerbach in eine Reihe mit Religionskritikern wie Max Stirner. Friedrich Nietzsche oder Richard Dawkins gestellt wird. Im Folgenden diskutiert sie drei Perspektiven des Werkes: eine religionsphilosophische, eine anthropologische und eine moralphilosophische. Dabei hebt sie besonders letzteres hervor: „Ungeachtet der embryonalen Gestalt wie idealistischer Tendenzen enthält Feuerbachs Ethikentwurf, wie ich denke, durchaus anschlussfähige Theorieelemente. (…) Neben Feuerbachs Religionsphilosophie und Anthropologie sollte damit auch seiner im Wesen des Christentums angelegten Ethik wieder Gehör geschenkt werden.“ (S. 237)

Im Anhang findet man noch eine Auswahlbibliografie, ein Personenregister und Hinweise zu den Autoren des Bandes.

Hinter der Erläuterung geistert quer durch das Buch der Schatten Hegels. Die Hauptthese aller Beiträge lautet: Feuerbach präsentiert in diesem Buch weniger eine Religionskritik, sondern eine Kritik der Theologie, wobei er auf Hegels Religionsphilosophie zurückgreift. Dies wird detailliert und auf Basis der neuesten Forschung begründet. Auch die spannende Frage, was Feuerbach uns heute noch zu sagen hat, wird hinreichend beantwortet. Bei der Wirkungsgeschichte ist jedoch etwas Entscheidendes nicht genügend herausgearbeitet: Den direktesten Einfluss übte Feuerbach auf die Herausbildung der Philosophie von Karl Marx aus, nicht nur durch dieses Werk. Da wäre ein eigenes Essay über Feuerbach und Marx wünschenswert gewesen.

Buch 2

Paul Lendvai: Die Ungarn. Eine tausendjährige Geschichte, Ecowin, Wals bei Salzburg 2020, ISBN: 978-3-7110-0246-2, 28 EURO (D)

Der Journalist und Autor Paul Lendvai ist gebürtiger Ungar und lebt seit 1957 in Wien. Er stellt in diesem Buch die reiche Geschichte und Kultur Ungarn, die voller Widersprüche ist, dar: „Es gibt kaum eine Nation, deren Bild im Laufe der Jahrhunderte und Epochen von so vielen und einander widersprechenden Klischees umwoben ist wie das der Magyaren.“ (S. 13)

Dies ist die erweiterte Neuauflage des früheren gleichnamigen Werkes um die Zeit nach 1989. Eine lange Kette von schicksalhaften Niederlagen zogen sich durch die Geschichte: „Die Verwüstungen des vom Westen wiederholt im Stich gelassenen Landes während des Mongolensturmes 1241, die Katastrophe von Mohacs 1526 mit der folgenden, anderthalb Jahrhunderte andauernden Türkenbesetzung, die Niederwerfung des Freiheitskampfes 1848/49 durch die vereinten Streitkräfte der Habsburger und des russischen Zaren, die Zerstörung des historischen Ungarns durch das Diktat von Trianon, die vier Jahrzehnte der Sowjetherrschaft und des Kommunismus nach dem Zweiten Weltkrieg samt der blutigen Niederschlagung des Oktoberaufstandes von 1956 waren Katastrophen, die das Bewusstsein der Verlassenheit immer wieder verschärften.“ (S. 14) Als Reaktion auf diese Ereignisse konstatiert Lendvai eine „unglaubliche Widerstandkraft und (…) schöpferische Überlebenskunst“ der Ungarn. (Ebd.), die charakteristisch sei.

Aus „freundlicher, aber auch kritischer Distanz“ nähert er sich in einer Mischung zwischen „geschichtlichem Überblick, biografischen Skizze und Milieugeschichten“ der ungarischen Nationalgeschichte, die immer auch europäische Geschichte war. 

In 36 Kapiteln beschreibt er die Zeit von der Landnahme der „asiatischen Barbaren“ im Jahre 896, die in ganz Europa Angst und Schrecken auslöste, bis in die Gegenwart.

Die letzten beiden Kapitel berühren die Gegenwart und sind daher besonders spannend. Lendvai sieht bezeichnet das Jahrzehnt von 2010 bis 2020 im Sinne autoritärer Herrschaft als „Orban-Regime“. Er sieht ein „Scheitern des demokratischen Experiments“ nach 1989 und spricht von einer „Führerdemokratie“ Orbans. (S. 11). Er malt eine düsteres Szenario, von dem sich die Ungarn nur selbst befreien könnten: „Angesichts der Passivität der Europäischen Union und der Gleichgültigkeit der internationalen Öffentlichkeit sind die Aussichten auf einen progressiven und liberalen Wechsel in Ungarn düster.“ (S. 535). Orban wirft er mit seiner Kampagne gegen George Soros „wahrnehmbaren Antisemitismus in der Kultur- und Bildungspolitik“ vor. (Ebd.)

Im Anhang findet man noch die Anmerkungen, eine Auswahlbibliografie, ein Personenregister, ein Sachregister und den Abbildungsnachweis.

Dies ist wohl das ausführlichste Buch über Ungarns Geschichte und Kultur, was er derzeit gibt, versehen mit einem opulenten Anhang. Dabei geht er auf die Besonderheiten des Landes ein, die Sprache und die zentrale Lage in Europa und der daraus folgende Schmelztiegel von verschiedenen Nationalitäten Magyaren, Deutsche, Österreicher, Rumänen, Polen, Juden.  Natürlich gibt es immer eine Deutung von zentralen Ereignissen und weltanschaulichen Fragen schon anhand des Umfangs: Man muss nicht immer mit Lendvais Schlussfolgerungen übereinstimmen. Die in Punkto Orban und der Gegenwart erfolgen zu Recht.

Jeder, der sich intensiv mit Ungarn beschäftigt, wird an diesem Buch nicht vorbeikommen.

 

Buch 3

Timothy C. Winegard: Die Mücke. Das gefährlichste Tier der Welt und die Geschichte der Menschheit, Terra Mater Books, Wals bei Salzburg 2020, ISBN: 978-3-99055-022-9, 32 EURO (D)

Timothy C. Winegard, der Geschichte an der Colorado Mesa University lehrt, führt in diesem Buch aus, dass Mücken „der ärgste Feind menschlicher Wesen auf diesem Planeten“ sei. (S. 11) Sie hätten mehr Todesopfer zu verantworten als der Mensch selbst. Schon im ersten Satz heißt es: „Wir befinden uns im Krieg mit der Mücke.“ (Ebd.) Er will die Leser von dem verborgenen Einfluss zu überzeugen, den Mücken auf die Gestaltung der Geschichte und die Schaffung der Welt hatten, die wir heute kennen.

Winegard präsentiert eine Reise durch die Weltgeschichte und macht anhand von Erzählungen deutlich, wie die Mücke Einfluss auf Kriege und das normale Leben hatte. Berichte über das prähistorische Afrika, Malaria-Epidemien in Griechenland und Rom, sogar Hippokrates wird herangezogen.

Er findet in vielen Epochen Beschreibungen von Tod und Leiden, die durch Mücken übertragene Krankheiten verursacht wurden. Winegard argumentiert, dass für einen Großteil der Militärgeschichte die durch Mücken verursachten Todesfälle weitaus zahlreicher waren und entscheidender waren als die Todesfälle im Kampf. Malaria dezimierte Hannibals Streitkräfte auf ihrem Weg durch Italien oder hinderten europäische Kreuzfahrer daran, das Heilige Land zu erobern; mehr als ein Drittel von ihnen wurde durch Malaria getötet. Quer durch die Jahrhunderte verwendeten Militärführer Mücken als direkte und tödliche Kriegswaffen. Oliver Cromwell, der Irland eroberte, starb 1658 an Malaria, anstatt Chinin, die einzige bekannte Behandlung, einzunehmen, da er es mit seinen katholischen Entdeckern in Verbindung brachte und ihn sowohl Opfer von Parasitose als auch von Sektierertum machte.

Todesfälle trieben auch die Entwicklung des transatlantischen Sklavenhandels voran. Die düstere Geschichte zeigt sich deutlich in den Preisen, die im 17. und 18. Jahrhundert für Sklaven gezahlt wurden: Ein indigener Sklave, der wahrscheinlich an einer importierten Krankheit stirbt, kostet weniger als ein ebenfalls gefährdeter europäischer Diener, der weniger kostet als ein direkt aus Afrika importierter Sklave . Am teuersten waren Afrikaner, die genug Zeit auf dem amerikanischen Kontinent verbracht hatten, um ihre Resistenz gegen die Mischung der Krankheiten zu beweisen.

Insgesamt schätzt Winegard, dass Mücken mehr Menschen getötet haben als jede andere Ursache. Das Aufkommen von Insektiziden machte zwar den reichen Teil der Welt dagegen immuner, aber die Insekten töten laut seinen Angaben immer noch mehr als achthunderttausend Menschen pro Jahr, hauptsächlich in Afrika. Die Globalisierung trägt mit dazu bei, eine neue Generation von durch Mücken übertragenen Krankheiten zu verbreiten, die einst auf die Tropen beschränkt waren, wie etwa tausend Jahre altes Dengue-Fieber, Chikungunya und Zika. Der Klimawandel erweitert die Bereiche, in denen Mücken und die von ihnen übertragenen Krankheiten gedeihen können, dramatisch. Eine aktuelle Studie ergab, dass in den nächsten fünfzig Jahren geschätzt eine Milliarde Menschen mehr durch Mücken übertragenen Infektionen ausgesetzt sein könnten als heute. Alarmsignale genug, um auf das Thema aufmerksam zu machen.

In einigen Geschichten übertreibt der Autor mit seinen Schlussfolgerungen, in einigen gibt es zu viele Eventualitäten und Konjunktive. Und doch zeigt sich, dass Mücken quer durch die Menschheitsgeschichte ihre tiefen Spuren hinterlassen haben. Und es noch augenblicklich tun, mit dem Blick auf Afrika, wo Europäer nicht so gerne genau hinschauen wollen. Die Prognosen lassen auch nichts Gutes erahnen, somit ist das Buch auch eine Art Weckruf.

Buch 4

Uwe Böschemeyer: Der innere Gegenspieler. Wie man ihn findet und überwindet, ecowin, Wals bei Salzburg 2020, ISBN: 978-3-7110-0264-8, 22 EURO (D)

Jeder Mensch hat einen inneren Gegenspieler, der uns blockiert und behindert. Der Psychotherapeut und Autor Uwe Böschemeyer will den inneren Gegenspieler in diesem Buch in allen Gestalten kenntlich machen und zeigen, dass unser persönliches Glück davon abhängt, ob wir ihm die Oberhand lassen ob wir uns ihm stellen und seiner Macht Grenzen setzen: „In diesem Buch möchte ich zeigen, dass wir Menschen keineswegs dem Diktat unserer Zerrissenheit ausgeliefert sind, dass wir vielmehr die Möglichkeit haben, unser Dasein in weiten Teilen selbst mitverantworten und mitgestalten können und viel mehr Freude am Leben haben könnten als bisher.“ (S. 12)

Dieses Buch basiert auf der jahrzehntelangen Erfahrung des Autors mit seinen Klienten und der Kenntnis der Schulen der Psychoanalyse. Es besteht aus drei Teilbereichen: Im ersten Teil wird der innere Gegenspieler kenntlich gemacht und analysiert. Im zweiten Teil geht es um Strategien, wie man den inneren Gegenspieler überwinden kann. Der dritte Teil bietet wesentliche Veränderungsmöglichkeiten, um den Gegenspieler in die Schranken zu weisen. Dort werden siebzehn Punkte behandelt, von diesen helfen einige weiter, andere eher nicht bzw. sind zu abstrakt formuliert.

Dies sind folgende Ratschläge: Der Mensch ist gleichzeitig ein Individuum und ein soziales Wesen, er wird nur dann mit sich eins werden, wenn er beides lebt. Wer ständig niederziehende Gedanken und Worte zulässt, erliegt auf Dauer ihrer negativen Wirkung. Daraus zieht er die Forderung nach einem freundlicheren und werteorientierten Menschenbild. In der Auseinandersetzung mit vergangenen Erlebnissen empfiehlt er, einem vertrauten Menschen oder einem Psychotherapeuten von alten Verletzungen im Zusammenhang zu erzählen und sich nicht zu scheuen, die damit verbundenen Gefühle auszusprechen. Ein Mensch, der offen für Wunder der Welt ist, entwickelt eine positive Suchhaltung, weil er Gründe für ein gelingendes Dasein sucht. Viele Menschen bedauern am Ende ihres Lebens, sich zu wenig Zeit für das genommen zu haben, was sie immer schon mal gerne machen wollten und ihnen Glück bringt. Von daher sollte man sich für beglückende Sachen im Leben mehr Zeit nehmen.

Andere wie eine neue Offenheit für Religiösität in allen Formen unseres Lebens sind dagegen nicht hilfreich. In diesem Zusammenhang zitiert er Hans Küng, der einen Zusammenhang zwischen Rückzug der Religion und wachsender Orientierungslosigkeit und Bedeutungslosigkeit sieht. Dabei gibt es viele Sinnangebote außerhalb von religiöser und spiritueller Dimension in Zuge von verschiedenen Weltanschauungen und ideengeschichtliche Zugänge wie die Aufklärung. Auch seine ebenfalls religiöse Forderung nach einer neuen Reformation ist in diesem Licht zu sehen.

In solchen Punkten schweift der Autor zu sehr ab in theologische oder philosophiegeschichtliche Punkte, die dann wenig Konkretes und Handfestes bieten. Zahlreiche praktische Beispiele gibt es in dem Buch schon, auch in Bezug auf die Strategien. Diese müssten nur noch ausgebaut und auf die Lebenswirklichkeit bezogen werden. Sonst bietet das Buch einen reichen Fundus für Zuversicht und Rückkehr zur Selbstwahrnehmung und Eigenkonzeption des Lebens.

Buch 5

Ulrich Brunner: Lernen S‘ Geschichte, Herr Reporter! Bruno Kreisky. Episoden einer Ära, Ecowin, Wals bei Salzburg 2020, ISBN: 978-3-7110, 0263-7, 24 EURO (D)

Dieses Buch hat eine Vorgeschichte: Der Autor Ulrich Brunner hat den österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky einige Jahrzehnte lang begleitet als Medienschaffender begleitet. Eine Frage Brunners brachte Kreisky in Rage in sorgte für den bekannten Ausspruch: „Lernen’s Geschichte, Herr Reporter“ und einen Eklat in Österreich. Eben jener Brunner berichtet in diesem Buch über seine persönlichen Erfahrungen und Begegnungen mit dem langjährigen österreichischen Kanzler, liefert eine biografische Einordnung und analysiert den Menschen, die Politik Kreiskys und seine Nachwirkung für die österreichische Sozialdemokratie und die Zweite Republik allgemein.

Kreisky, der jüdischer Abstammung war, engagierte sich schon als Schüler für die Sozialdemokratische Partei und wurde 1936 im Sozialistenprozess wegen seiner politischen Tätigkeit vom „Ständestaat“ zu einem Jahr Kerker verurteilt. Kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 emigrierte er nach Schweden, um einer Verhaftung und/oder Ermordung zu entgehen. Nach der Befreiung Österreichs war er zunächst in Schweden als Diplomat, dann ab 1953 in Wien als Staatssekretär und Juli 1959 – April 1966 als Außenminister in der österreichischen Außenpolitik tätig.

Brunner geht auf nicht immer guten Beziehungen von Kreisky zu Parteimitgliedern ein, würdigt seine sozialen und rechtliche Reformen und die Verleihung von demokratischer Stabilität für das Land. Es ist eine Art geneigte kritische Bestandsaufnahme seiner Politik. Der charismatische Kreisky wird janusköpfig gesehen. Einerseits schafft er es, Menschen hinter sich zu bringen und für ungeahnte und heute noch unerreichte Erfolge der österreichischen Sozialdemokratie zu sorgen. Dreimal erreicht er in Wahlen die absolute Mehrheit. Seine engen Freundschaften zu den Regierungschefs in der BRD, Willy Brandt, und Olaf Palme in Schweden sorgen für internationales Ansehen Österreichs. Neben seiner Eloquenz hebt Brunner auch seine für die Zeit modernen Ansichten und seine Bildung hervor.

Andererseits ist da Kreisky ambivalentes Verhältnis zur Presse, sein mit mehr Macht ausgeprägter Autoritarismus in politischen Fragen und seine zunehmende Egozentrik. Besonders sein Konflikt mit dem antifaschistischen Wiener Simon Wiesenthal sorgte für Schlagzeilen. Wiesenthal, ehemaliger KZ-Häftling kritisierte öffentlich, dass vier Minister Kreiskys (Hans Öllinger, Josef Moser, Erwin Frühbauer und Otto Rösch) der NSDAP, der SS oder der SA angehört hatten. Damit bestand ein knappes Drittel der 13 Minister aus ehemaligen Nationalsozialisten, was im In- und Ausland für heftige Kritik sorgte. Er warf Kreisky vor, damit bewusst Wählerstimmen von ehemaligen Nazis aus Gründen der Machterhaltung für die SPÖ gewinnen zu wollen. Kreisky reagierte auf diese Kritik sehr empfindlich und persönlich und wies diese zurück. Brunner bewertet dies als überzogene Reaktion und unklugen Schachzug. Integrität sei Bestandteil seiner politischen Strategie.

Diese Bewertungen über Kreisky können überzeugen: er war ein emotionaler Mensch, was sich auch negativ im Umgang mit anderen zeigte. Andererseits bedeutete dies auch einen hohen Grad an Authentizität und viel Stoff für die Presse. Politische Gestaltungsfähigkeit bewies Kreisky mit einem modernen Familien- und Eherecht, innenpolitischer Garant für sozialen Ausgleich und der Verkürzung des Wehrdienstes in Zeiten des Kalten Krieges. Dass zu viel dauerhafte Macht auch für autokratische Züge sorgen kann, zeigt das Beispiel Kreisky auch deutlich.

 

 







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