Neuerscheinung Sachbuch

15.11.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Deutscher Innenarchitekturpreis 2019, Callwey, München 2019, ISBN: 978-3-7667-2428-1, 49,95 EURO (D)

Mit dem Deutschen Innenarchitektur Preis zeichnet der bdia bund deutscher innenarchitekten innovative Projekte aus, deren „innere Architektur“ vorbildlich konzipiert, gestaltet und ausgeführt ist. Aus 113 Einreichungen hat die Jury 30 Projekte ausgewählt, die ins Rennen um den Deutschen Innenarchitektur Preis gingen. In diesem Buch werden die besten Projekte aus dem Wettbewerb Deutscher Innenarchitekturpreis 2019 vorgestellt. Die vorgestellten Arbeiten stammen aus den unterschiedlichsten Branchen und Bereichen Arbeiten, Wohnen, Einzelhandel, Hotel, und Ausstellung.

Den 1. Preis gewann das Büro Keggenhoff & Partner mit dem Projekt K3 Pastoral City. Neben dem gesellschaftlichen Anliegen der Erdgeschossnutzung und der Bestandaktivierung überzeugt dieser Entwurf am stärksten die konzeptionelle Unterstützung eines kirchlichen Begegnungs-, Kommunikations- und Andachtsorts neuen Typs. Die Innenarchitektur bildet nicht nur den Rahmen für gesellschaftlich gefragte, neue kirchliche Angebote, sondern wirkt direkt gemeinschafts- bzw. gemeindebildend.

Den 2. Preis teilen sich der Entwurf des Simplicity Campus Oelde und der Umbau eines Rinderstalles in Schleswig Holstein. Bei ersterem lobte die Jury den Campusgedanken und die Mischung aus Arbeit und Erholung. Sichtbeton, verzinkter Stahl und ein anthrazitfarbener Strukturputz bestimmen die äußere Erscheinung der Architektur. Der Inmitten der Holsteinischen Schweiz gelegene Rinderstall von ca. 1920 wurde schon etliche Jahre nicht mehr fu?r die Viehwirtschaft genutzt. Ziel des Teilumbaus war es, eine moderne Wohnnutzung zu etablieren, die auf verschiedene Weise die und die Tradition des alten Gemäuers einbezieht. Den 3. Preis bekam der Blutspenderaum des Universitätscampus Hamburg, wo kreative Materialien und Gestaltungsformen wie lackierten Stahlpanzerrohren, Fliesenaufklebern und großformatigen Wandtypografien den Ort für eine Spende attraktiv machen.

Danach werden in einzelnen Beiträgen die weiteren Projekte alphabetisch sortiert vorgestellt. Beeindruckend sind auch der Neubau des Alpenchalets mit hellen Farbwahl inmitten toller Landschaft, die individualistische und stylische Bar Eduard’s oder der Neubau des Moxy in Frankfurt/Main.

Die Dokumentation präsentiert alle Projekte mit Einführungstexten, professionellen Fotos, Plänen und ergänzenden Interviews, die Einblicke in den Entwurfs- und Planungsprozess der Innenarchitekten geben.

Viele der Projekte haben individualistischen Charakter, verbinden Bauen mit der Umgebung oder dem vorhandenen Bestand oder schaffen neue außergewöhnliche Orte, Arbeitsumfelder oder Wohnungen. Diese Dokumentation bietet Anregungen für Trends in der Innenarchitektur wie der Umbau im Bestand, die vielfältigen Projekte sind ein Seismograph für die Branche. Hier können Bauherren und Architekten sich mit ausgewählten Projekten auseinandersetzen und etwas für die eigene Arbeit bzw. Wünsche mitnehmen.

Buch 2

Peter Sprengel: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1830-1870. Vormärz-Nachmärz, C. H. Beck, München 2020, ISBN: 978-3-406-00729-2, 49,95 EURO (D)

Dies ist der Band VIII in der Reihe der Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Peter Sprengel, emeritierter Professor für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin, stellt hier die Zeit zwischen der Juli-Revolution 1830 und der Gründung des Deutschen Reiches 1870/71 dar. Er gliedert das Buch nach Gattungen statt nach Stilen, Schulen oder Autoren und legt politische Großereignisse als Eckdaten zugrunde. Die gescheiterte Märzrevolution 1848/49 sieht er dabei als „politische Zäsur“. (S. XIV). Ereignisse und Debatten, die sich der Verzahnung von politischer-literarischen Diskurs und Ereignisgeschichte vor, während und nach der Märzrevolution widmen, werden dort verstärkt behandelt. Der Verzicht auf eine prä- und postrevolutionäre Zweiteilung des Bandes lässt „manche Kontinuitäten und Diskontinuitäten sichtbar werden, vor allem regiert er auf ein wiederholt eingefordertes fachliches Desiderat, nämlich die stärkere Berücksichtigung des sogenannten ‚Frührealismus‘ vor 1848.“ (S. XV).

Das Buch besteht aus drei großen Teilbereichen: erstens Porträt einer Epoche, zweitens Politik, Öffentlichkeit und Literatur – Ereignisse und Debatten – und drittens Literaturgeschichte nach Gattungen.

Der erste Teilbereich beginnt mit einem kleinen Kapitel, in dem anhand von vier exemplarischen Schriftsteller-Lebensläufen der epochentypische Gegensatz von Enge und Weite, Statik und Dynamik vergegenwärtigt wird. Danach geht um Zeitbewusstsein, Historismus, Bauernstand, Religion und Religionskritik, Naturbeschreibung und Naturwissenschaft. Das Literatursystem mit Stilen und Richtungen, Poetik und Ästhetik, literarische Einflüsse aus anderen Ländern, Zeitschriften und Verlage, Zensur, Strafverfolgung, Exil und Kinder- und Jugendliteratur folgt danach. Ausführlich wird danach das Nibelungenlied als Nationalmythos analysiert.

Der zweite Teilbereich behandelt die Zeit vor der Märzrevolution von der Pariser Julirevolution und ihrer Folgen bis zum Erbfolgestreit in Schleswig Holstein. Die Ereignisse der gescheiterten Märzrevolutionen werden an verschiedenen Orten und Städten danach geschildert. Die Ereignisse nach der Märzrevolution vom Staatsstreich Louis Napoleon 1851 bis zum Deutschen Krieg 1866 bilden den Abschluss des Kapitels.

Der dritte Bereich mit den einzelnen Gattungen wird von einer ausführlichen Darstellung der Epik eingeleitet. Anschließend werden noch die Dramatik mit Dramen- und Theatertheorie, die Lyrik und die nichtfiktionale Prosa behandelt. Im Anhang findet man noch ein Literaturverzeichnis und ein ausführliches Register.

Die enge Verflechtung von politischer Geschichte und Kulturgeschichte mit der Literaturgeschichte ist ein Pluspunkt des Werkes. Der kritische Umgang mit dem Nibelungenlied und seiner Rezeption als Nationalmythos ist auch zu positiv hervorzuheben: „Seitdem verfügte das nationale Denken der Deutschen neben Hermannsschlacht und Kaiser Barbarossa über ein kollektives Symbol mehr. In der hier zur Rede stehenden Zeit stellten die Nibelungen zweifellos den künstlerisch produktivsten Nationalmythos, (…)“ (S. 140)

Dagegen bekommt das Kommunistische Manifest nicht den Raum, den es aufgrund seines Charakters verdient. Die Veröffentlichung kann als Vorbote und Ausgangspunkt für revolutionäre gesellschaftliche Ideen, die gesamte Moderne prägen werden, gesehen werden. Von daher müsste ausführlicher darauf eingegangen werden. Dagegen könnte das Kapitel Lyrik gekürzt werden.

Insgesamt gesehen ist eine ausführliche Darstellung einer ambivalenten Zeit, die zwischen Vergangenem und Fortschrittlichkeit auch in der Literatur schwankt. Die Struktur ist ausreichend begründet, mit Hilfe des Registers lassen sich Personen, Stile und einzelne Werke leicht nachschlagen.

Buch 3

Daniel Leese: Maos langer Schatten. Chinas Umgang mit der Vergangenheit, C. H. Beck, München 2020, ISBN: 978-3-406-75545-1, 38 EURO (D)

Daniel Leese, Professor für Sinologie an der Universität Freiburg, beschäftigt sich mit dem Umgang des Erbes von Mao Zedong nach dessen Tod durch die KP Chinas. Er zeichnet ein breit angelegtes Panorama der chinesischen Politik und Gesellschaft in der Umbruchsphase zwischen 1976 und 1987. Neben Einzelfunden aus staatlichen Quellen basiert das Buch maßgeblich auf die Einbeziehung von Quellen, die im Zuge der Auflösung zahlreicher Firmen- und Lokalarchive ausgesondert wurden, die sich heute zumeist in chinesischen und ausländischen Privatsammlungen befinden. Auch eine Vielzahl von Personenakten, Tagebüchern und Gerichtsurteilen haben Eingang in die Darstellung gefunden.

Für ihn stellte die Politik nach Maos Tod einen „Paradigmenwechsel“ dar. (S. 21) Die Vergangenheitspolitik und das Thema historische Gerechtigkeit spielte eine maßgebliche Rolle bei der Herrschaftskonsolidierung der KP und seiner Nachfolger. Daraus folgte ein rund zehnjähriger Prozess der ideologischen, administrativen und gerichtlichen Auseinandersetzung mit dem Erbe der maoistischen Herrschaftsperiode. Dutzende Millionen Menschen von einer staatlichen Wiedergutmachungspolitik. Symbolische Rehabilitationen, partielle Entschädigungen und Soziallleistungen für ausgewählte Opfer wurden mit ideologischer Überzeugungsarbeit kombiniert. Die Auseinandersetzung mit dem Erbe Maos eröffnete die Möglichkeit der politischen und gesellschaftlichen Neuorientierung innerhalb der KP und der chinesischen Gesellschaft, in der Vertreter unterschiedlicher Ansätze und Ziele um eine neue Zukunftsvision rangen: „Das Ziel bestand (…) darin, unter Anleitung der Partei eine geteilte Sicht auf die Vergangenheit zu entwickeln, um so die Parteiherrschaft neu zu legitimieren und die gesellschaftliche und politische Einheit des Landes zu befestigen.“ (S. 482) Die Fragmentierung der Erinnerungslandschaft und die weitgehend selbstbezogen Scharmützel zwischen einzelnen Erinnerungskollektiven lenkten den Fokus auf einzelne gesellschaftliche Akteure.

Die Rhetorik des Neuanfangs übertünchte die vielfältigen Kontinuitäten, die sich sowohl in den Ansätzen zum Umgang mit historischen Unrechts zeigten als auch das politische System als solches kennzeichneten, etwa im Bereich der Herrschaftseliten oder im unklaren Verhältnis von Staat und Partei.

Anstelle eines breiten gesellschaftlichen Diskurses trat zunehmend der Versuch, öffentliche Debatten zu kanalisieren und zu unterbinden: „Die zunehmende Unterdrückung von Stimmen, die sich nicht und nur partiell dem vorgegebenen Geschichtsnarrativ anschlossen, führte zu einer Parzellierung der Erinnerungslandschaft sowie vor allen seit den 1990 Jahren zu einer primär auf ökonomischer Stärke und nationalen Stolz gestützten Legitimation der Parteiherrschaft.“ (S. 36)

So wird mit Amtsantritt Xi Jinpings jegliche Form von Geschichtsschreibung kritisiert, die nicht vom Parteistandpunkt der Bewertung historischer Großereignisse ausgeht. Xi Jinping knüpfte bewusst an Elemente maoistischer Herrschaftstechniken an. 2018 ist die Verunglimpfung historischer Persönlichkeiten sogar ein eigener Straftatbestand. So sind die Auswirkungen des Ringens um die Vergangenheit in der chinesischen Politik und Gesellschaft noch heute spürbar.

Leese hat Recht, wenn er behauptet, dass die jetzige chinesische Staatsführung nicht einen vollständigen Bruch mit dem Übervater riskieren kann, ohne ihre eigene Macht aufs Spiel zu setzen. Einen „Schlussstrich“ kann kein Staat der Welt proklamieren, von daher wird das Thema auch immer noch unterschwellig hervorkommen. Solange es Zeitzeugen und Opfer gibt, zumindest. So wird Mao als kontroverses Thema bleiben. Es wird wahrscheinlich in der Bevölkerung  auch positive Wertungen in der Rückschau geben, nicht nur negative. Viel wird davon abhängen, wie die Staatsführung es ideologisch schafft, andere aktuelle Themen dauerhaft in den Vordergrund zu rücken.

 

Buch 4

Jan Magnus Sting: Hömma, so isset, Westend Verlag, Frankfurt/Main 2020, ISBN: 978-3-86489-301-8, 18 EURO (D)

Kai Magnus Sting begibt sich in diesem Buch in die Untiefen der Erklärungsversuche der Ruhrpottler: „Also wie er denkt, der Ruhrgebietsmensch, was er sagt, warum er es sagt und was er damit sagt. Grad, wenn er nichts sagt. Und was er damit meint, wenn er nichts sagt.
Aber auch ganz typische Geschichten, wie sie nur im Ruhrgebiet und überall sonst passieren können“. Die dazu präsentierten Zeichnungen stammen von Günter Rückert.

Bei dem Gebrauch des Ruhrdeutschen als Idiom hat Kai Magnus Sting bekannte Vorbilder: Der Kabarettist Uwe Lyko als „Herbert Knebel“ Ludger Stratmann spielt „Doktor Stratmann“ und auch den Hausmeister „Jupp“,Bruno Knust als "Günna", Kabarettduo Missfits oder auch die Figur Atze Schröder.

Die Sprache ist Identitätsmerkmal: „Nur bei uns fangen Aussagesätze, Fragen, Wünsche, Bitten, Beileidskundgebungen, ja sogar Universitätsvorträge mit einem einzigen Wort an. Das ist schichtenunabhängig. Und zwar das schöne Wort ‚Hömma‘.“ (S. 34)

Er weiß, dass die Weisheit von Omma immer den besten Denkern in der Philosophiegeschichte voraus war. In einzelnen Kapiteln beschreibt er unter anderem die Goldhochzeit von Tante Hilde und Onkel Alfons, Essengehen an Ommas Geburtstag oder nostalgische Geschichten von Oppa. die Erkenntnis vom Mettbrötchenkauf in der Metzgerei: Ruhrpott zum Quadrat: Du hast keine Wahl und entscheidest dich doch dagegen.

Am Ende gibt es noch ein Schnellkurs in Ruhrhochdeutsch.

Hier werden regionaltypische komische Anekdoten aus dem Alltag aus dem Ruhrpott mit vielen Kunstfiguren wie Omma, Oppa oder Tante Frieda in einfachsten Worten und und kurzen, prägnanten Sätzen und doch mit intellektuellem Hintergrund präsentiert. Selbst für Menschen aus anderen Regionen ist die Sprache verständlich, Leute aus dem Ruhrpott werden sich amüsieren und zu Hause fühlen.

Buch 5

Ernst Lothar: Das Wunder des Überlebens, Zsolnay, Wien 2020, ISBN: 9783552059795, 25 EURO (D)

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann hat die Memoirenschrift von Ernst Lothars Memoiren „Das Wunder des Überlebens“ neu aufgelegt und kommentiert. Diese wurden schon 1960 im obigen Verlag herausgebracht. Er bringt dabei den für den österreichischen Kulturbetrieb verdienten Ernst Lothar wieder in das Licht der Öffentlichkeit.

Ernst Lothar war zusammen mit Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal Mitbegründer der Salzburger Festspiele. Mit zunehmendem Erfolg als Autor trat er1925 freiwillig aus dem Staatsdienst aus, um sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Zuerst wurde er Theaterkritiker und Feuilletonist der „Neuen Freien Presse“.1933 wurde Lothar Präsident des Gesamtverbandes Schaffender Künstler Österreichs und begann, als Regisseur zu arbeiten. Ab 1935 war Lothar Direktor des Theaters in der Josefstadt, nach der nationalsozialistischen Übernahme Österreichs 1938 sah er als Jude sein Leben in Gefahr. Er floh über die Schweiz und Frankreich in die USA. 1941–1945 hielt er als Gastprofessor am Colorado Springs College Vorlesungen über Theaterwissenschaften und Vergleichende Literatur. Im Exil schrieb er fünf Romane, die zuerst in englischer Übersetzung herauskamen. Er litt sehr unter der Emigration, was er auch in seinen Romanen verarbeitete. Nach Kriegsende kehrte er nach Österreich zurück. Von 1948 bis 1962 war er Regisseur am Burgtheater, das er durch Inszenierungen vor allem österreichischer Dramatiker nachhaltig prägte. Den Wiederaufbau des österreichischen Theaterlebens prägte er auch seinen Posten als Direktoriumsmitglied der Salzburger Festspiele, als Regisseur war er auch für die alljährliche Inszenierung des Jedermann verantwortlich.

Er war ein glühender Anhänger des Habsburgerreiches und war eine der wenigen, der dessen Ende betrauerte: „Der Tag, an dem Österreich-Ungarn unterging, traf mich wie Unzählige ins Herz. Wir wussten mit schneidender Klarheit: Etwas Unersetzliches war gestorben, dessengleichen nicht wiederkam. Denn was da unterging, war eine Macht und Herrlichkeit ohne Beispiel gewesen (…) Auf ein Achtel war ein Reich reduziert worden, worin ein kleines Universum Platz gefunden hatte: das Meer und die Steppe, die Gletscher und die Kornfelder, der Süden, der Westen und der Osten, das Deutsche, das Romanische, das mannigfach Slawische, das Magyarische, ja das Türkische – die Vereinigten Staaten von Europa, hier existierten sie seit Menschenaltern, obschon sie heute noch nirgendwo anders zum Zusammenleben gebracht werden konnten. Und die Hundertfalt dieses einen Reiches, seiner Sprachen, Kulturen, Temperamente, die aus diametralen Gegensätzen leuchtend gemischte Farbe, gab es nur hier.“

Das hier verbreitete Pathos für das Habsburgerreich und seine patriotische Weltsicht ist aus heutiger Sicht befremdlich.

Die Monarchie war bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts in hohem Maße dezentral organisiert. Jedes einzelne Königreich, Herzogtum, Fürstentum, jede Grafschaft, die unter Habsburgs Herrschaft gelangte, behielt die eigene Landesregierung, die fast unabhängig von Wien operierte. Die Stände des Landes hatten die Macht und das Recht, über die Forderungen der Landesfürsten zu verhandeln. Die Interessen der Stände und der Adeligen erhielten oft Vorrang vor denen des Landesfürsten; andernfalls musste er die für ihn positive Entscheidung oft mit Kompromissen, Privilegien oder anderen Zugeständnissen erkaufen.

Dennoch blieb das Habsburgerreich immer ein künstliches Gebilde, das die Freiheitsrechte der einfachen Leute negierte und den Interessen einer kleinen Machtelite befriedigte. Die habsburgischen Herrscher zumeist, mit Adel und Klerus Konsens herzustellen, oft zu Lasten der Bürger in den Städten und der Untertanen der ländlichen Grundherrschaften, die beinahe völlig aus der Landespolitik ausgeschlossen waren.

Der darauf folgende Nationalismus beruhte meist auf völkischen, rassistischen Kriterien und war auch keineswegs ein Fortschritt einer humanen, partizipativen Praxis, sondern auch durch Ausschluss und Feindbild bestimmt. Wie jeder Nationalismus Ein- und Ausschlusskriterien und völkisches Denken beinhaltet. Deshalb aber das Habsburgerreich im Rückblick als eine Art „Stabilitätsfaktor“ in Europa oder als die „faszinierendste pluralistische Organisationsform des Alten Europa“ (S. VI) zu bezeichnen, geht an den Tatsachen vorbei.

Für Humanität, friedlichem Zusammenleben von Menschen und autonomer Selbstbestimmung waren sowohl das Habsburgerreich als auch der folgende Nationalstaaten eine Katastrophe.

Lesenswert ist das Buch dennoch. Es ist gleichzeitig eine historische Innenansicht bzw. eine spannende Quelle einer bewegten Zeit und ein Teil der österreichischen Kulturgeschichte. Und eine spannende Autobiografie eines verdienten Kulturschaffenden.

 

 

 







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