Über Franz Kafka oder Rebellion ist berechtigt


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25.12.17
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Von Richard Albrecht

"Man muß nicht alles für wahr halten, man muß es nur für notwendig halten" lautet ein Schlüssselsatz im Roman Der Prozeß. Der Autor läßt ihn dann von seinem Opferhelden Josef K. anschließend so kommentieren: "Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht."

„Franz Kafka, deutschsprachiger visionärer Schriftsteller, dessen posthum veröffentlichte Romane - vor allem Der Prozeß (1925) und Das Schloß (1926) - Ängste und Entfremdung des Menschen im 20. Jahrhundert ausdrücken.“[1]

Etwa dreißig Jahre nach Erarbeitung eines dann Anfang 1989 vom damaligen Südwestfunk Baden-Baden gesendeten Essay über Franz Kafka (1883-1924), seinen Josef-K.-Roman Der Prozeß und dessen Staats-, Justiz- und Bürokratiekritik[2], möchte ich erneut an Kafka erimnnern. Und folgend einige der von mir gelesenen und positiv bewerteten Bücher über Kafka nennen. Und zu diesem von mir, ähnlich wie Hans Henny Jahnn (1894-1959) und Elias Canetti (1905-1994), hochgeschätzten Autor des vergangenen „kurzen“ Jahrhunderts, der alles andere als ein „literarischer Vertreter der nihilistischen  Verzweiflung“ respektive entsprechender „gesellschaftlicher Strömungen“[3] ist – anstatt weiterer – einige wenige Hinweise geben:

Zunächst auf Leo Koflers Deutung des K.-Romans, aufgespeichert in der scheinbar paradoxen poststalinistischen Schlüsselmetapher nihilistischer Humanismus.[4] Sodann auf Christoph Stölzls grundlegende Aufarbeitung der über sublimen Antisemitismus hin ausgehende rabiate Judenfeindschaft in Böhmen vor dem Ersten Weltkrieg[5] als „großem Weltfest des Todes“ (Thomas Mann) und Horst Althaus´ ortsnah-sensitive Deutung des Landvermesser-Romans Das Schloß.[6]           

Materialreich zwei recht unterschiedliche um die letzte Jahrhundertwende ersterschienene Kafka-Bücher. Einmal Janko Ferchs rechtswissenschaftliche Studie über den vom Nationalökonomen und Kultursoziologen Alfred Weber (wie damals in Österreich-Ungarn üblich) ohne schriftliche Doktorarbeit nach (in diesem Fall zweitätiger) „strenger mündlicher Prüfung“, 1906 promovierten Juristen Kafka[7]. Zum anderen der Ausstellungsband über Kafkas berufliche Tätigkeit und sein fachliches Engagement als langjähriger Angestellter (in) der Zentralverwaltung der halbstaatlichen Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag.[8] Hier findet sich auch Kafkas an den Freund Max Brod (1884-1968) gerichteter erstaunt-verwunderter Ausruf über Geduld und Demut böhmischer Arbeiter und deren ausbleibende Rebellion:

Wie bescheiden diese Menschen sind. Sie kommen zu uns bitten. Statt die Anstalt zu stürmen und alles kurz und klein zu schlagen, kommen sie bitten.

Diese kleine tour d'horizon soll nicht enden ohne einen letzten Hinweis auf eine handlungssoziologische Deutung von Kafkas (1912 geschriebener, 1915 veröffentlichter) Erzählung Die Verwandlung als Samsas familiäres Drama.[9]

Sollte mich jemand fragen, welche Texte von Kafka ich empfehle – möchte ich passen und könnte nur – anstatt weiterer – die drei Texte, die ich immer wieder gern lese, nennen: Kafkas Roman(fragment) Der Prozeß[10], seine sarkastische Kurzerzählung Bericht für eine Akademie (1917)[11] und seine doppelbödige Türhüter-Kurzparabel Vor dem Gesetz (1915), in der der Autor das grundsätzliche „Es ist  möglich“ als Grundhinweis auf lebensweltliche Kontingenz durch den lakonistischen Zusatz „jetzt aber nicht“ präzisierte.[12] Und gern möchte ich darüber hinaus noch auf ein „vergessenes“, 1951 und 1961 erschienenes, Erinnerungsbändchen aufmerksam machen.[13]

Im Übrigen hoffe ich als Wissenschaftler, was ´gesichertes sozialwissenschaftliches Wissen´ betrifft, etwas Entscheidendes von Franz Kafka gelernt zu haben: immer dann, wenn „lebendige Menschen“, etwa durch Justiz und Staatsbürokratie, in „tote Registraturnummern“ verwandelt werden, um sie als Objekte zu beherrschen[14], wirkt ´falsches´ Bewußtsein als besondere Form gedanklicher Verkehrung und als Ausdruck der Verdinglichung gesellschaftlicher Verhältnisse. Ohmacht der dieser Herrschaft unterworfenen Subjekte ist deren erste Erscheinungsform und allgegenwärtiger Ausdruck. Und mit Blick auf diese Herrschaft(en) gilt allemal: Rebellion ist berechtigt.

 


[2] Richard Albrecht, „Sie machen aus lebendigen Menschen tote Registraturnummern: Eine Bürokratie-Kritik nach Franz Kafka (Erstsendung SWF II, 12.2.1989: Die Aula); gedruckt in: Die Brücke, 84/1995: 79-83; erweiterte Netzfassung http://www.grin.com/de/e-book/38287/lebendige-menschen-als-tote-registraturnummern-eine-buerokratie-kritik

[3] Georg Lukács, Die Zerstörung der Vernunft. Der Weg des Irrationalismus von Schelling bis Hitler. Berlin; Weimar: Aufbau, ³1984: 619

[4] Leo Kofler, Der Prozeß; in: Bettina Clausen; Lars Clausen, Hg., Spektrum der Literatur. Gütersloh: Bertelsmann, 1975: 324-325

[5] Christoph Stölzl, Kafkas böses Böhmen. Zur Sozialgeschichte eines Prager Juden. München: Edition Text + Kritik, 1975, 147 S.

[6] Horst Althaus, Franz Kafka. Ghetto und Schloß; in: ders., Zwischen Monarchie und Republik. Schnitzler – Hofmannsthal – Kafka – Musil. München: W. Fink, 1976: 134-158

[7] Janko Ferch, Recht ist ein „Prozess“. Über Kafkas Rechtsphilosophie. Wien: Manz, 1999, X/116 S.; Wien: Atelier, ²2006, 182 S.

[8] Kafkas Fabriken. Mit einem Verzeichnis der ausgestellten Stücke als Beilage. Marbacher Magazin. Bearbeitet von Hans-Gerd Koch;  Klaus Wagenbach. Marbach: Deutsche Schillergesellschaft, ²2003,  162 S.; Zitat  S. 39

[9] Knut Berner, „Familienaufstellung“ – Franz Kafkas Die Verwandlung als Metapher des Bösen; in: Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau, 35 (2012) 65: 109-122

[10] Franz Kafka, Der Prozess. Roman. Frankfurt/M.: Fischer Bücherei, 1960; Der Prozess. Roman; Frankfurt/M.: Fischer-Taschenbuch, 1969, 41.-50. Tsd. [= Franz Kafka Gesammelte Werke. Hg. Max Brod. Taschenbuchausgabe in acht Bänden]; auch in: Franz Kafka, Romane und Erzählungen. Frankfurt/M.: Zweitausendeins, 2004: 210-367; im Netz http://de.wikisource.org/wiki/Der_Process

[13] Gespräche mit Kafka. Erinnerungen und Aufzeichnungen von Gustav Janouch. Frankfurt/M.: S. Fischer, 1951, 138 S.; Gustav Janouch, Gespräche mit Kafka. Aufzeichnungen und Erinnerungen. Frankfurt/M.: Fischer Bücherei, 1961, 156 S.

[14] Richard Albrecht, Macht machtet. Ohnmacht nicht; in: soziologie heute, 6 (2013) 31: 20-23; auch ders., Von der Theorie des falschen Bewußtseins zur Praxis von Handlungsblockaden. Ein Beitrag zur little ranged theory; in: ebenda, 6 (2013) 29: 32-33

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Richard Albrecht, Kultur- und Sozialwissenschaftler (Diplom 1970/71;  PhD. 1975/76; Dr.rer.pol.habil. 1988/89), Freier Autor in Bad Münstereifel, Fördermitglied der Humanistischen Freidenker, Mitarbeit am Linzer Fachmagazin soziologie heute und bei den Vierteljahreszeitschriften FORUM WISSSENSCHAFT und HINTERGRUND. - Letzte Buchveröffentlichung 2011: HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jahren. BioBibliographie 2015: https://ricalb.files.wordpress.com/2015/12/cv.pdf







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