Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung

20.05.20
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Ein vergessener Klassiker der Gruppe internationaler Kommunisten (GIK)

Eine Rezension von Klaus Hecker

Wenn auch Ausbeutung in der Geschichte der Menschheit in unterschiedlichen Formen auftrat, so bestand sie in ihrem Kern immer in der Aneignung fremder Arbeit. Andere Menschen für sich arbeiten zu lassen, war seit je her der Schlüssel zu einem individuellen Reichtum, der allein mit Hilfe der eigenen Arbeitskraft nie in dem Umfang hätte realisiert werden können. Von den Pyra- miden im frühen Ägypten über die Schlösser im Feudalismus bis zur Parallelgesellschaft der Ober- schicht im globalisierten Kapitalismus des 21. Jahrhunderts zeugen die individuellen Reichtümer von der Aneignung fremder Arbeit und damit davon, dass die Armut der Mehrheit die Grundlage für die Reichtümer einer Minderheit ist.

So einfach die Grundlage der Ausbeutung ist, so einfach ist auch die Formulierung von der Auf- hebung der Ausbeutung. Sie kann nur geschehen, wenn die Trennung zwischen Arbeit und Ar- beitsprodukt aufgehoben wird, wenn das Verfügungsrecht über das Arbeitsprodukt und darum auch über die Produktionsmittel wieder den Arbeitern zukommt.

Die Durchsetzung der individuellen Arbeitszeit als Maßstab für den Anteil am Produkt der gesell- schaftlich notwendigen Arbeit bedeutet die Aufhebung der Ausbeutung und damit zugleich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Die Durchführung der sozialen Revolution ist somit im Wesen nichts anderes als die Durchführung der Arbeitszeit als Maßstab im gesamten Wirtschafts- leben. Sie dient als Maß in der Produktion und zugleich wird mit ihr der Anteil des einzelnen am gesellschaftlichen Produkt gemessen. Das Wesentliche hierbei aber ist, dass die Arbeitszeitrech- nung von den Produzenten selbst durchgeführt wird. Und dies geschieht nicht, weil es eine »ethi- sche« oder »moralische« Forderung des Kommunismus ist, sondern weil die »Vereinigung freier Men- schen« ökonomisch nicht anders möglich ist. Die Durchsetzung der Arbeitszeitrechnung ist keine Frage der Gerechtigkeit, sondern eine Frage der ökonomischen Grundlage, auf der die Produzen- ten selbständig ihre Kooperation aufbauen können. Auf dieser Grundlage, auf der das Verhältnis von Arbeitsaufwand zu Ertrag für alle Gesellschaftsmitglieder offenliegt, ist eine Produktionspla- nung möglich, bei der die Menschen selbst entscheiden, was sie gemäß ihrer individuellen Abwä- gung von Aufwand und Ertrag haben möchten. Das heißt, es kann jeder selbst über seine Arbeits- zeit und seinen Konsum bestimmen. Die individuellen Bedürfnisse werden gegenüber ihrem ge- sellschaftlichen Aufwand abgewogen und entsprechend über den Konsumwunsch und die Arbeits- bereitschaft in den gesellschaftlichen Planungsprozess eingebracht. Die Arbeitszertifikate sind in- haltlich nichts anderes, als der Abgleich der in der gemeinsamen Planung vorweggenommenen Arbeitseinteilung. Über die Arbeitszeitrechnung löst sich die Verteilungsfrage somit in Produkti- onsplanung auf. Planung des gesellschaftlichen Reproduktionszusammenhanges bedeutet schließ- lich nichts anderes, als die zur Bedürfnisbefriedigung erforderliche gesellschaftliche Arbeitszeit mit der Summe der zur Verfügung stehenden individuellen Arbeit zu verbinden. Der Prozess des In- einandergreifens und Zusammenfügens wächst von unten auf, weil die Produzenten selbst die Lei- tung und Verwaltung in Händen haben. Jetzt ist Raum gemacht für die Initiative der Gesellschafts- mitglieder selbst, die das bewegliche Leben in seinen tausendfachen Formen gestalten können.

Die 1930 von der Gruppe Internationaler Kommunisten (Holland) als Reaktion auf die negative Entwicklung der russischen Revolution veröffentlichen »Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung« sind ein Klassiker der marxistischen Literatur. Mit dieser Schrift stellten die Autoren erstmalig die ökonomischen Grundlagen für den Aufbau und die Organisation einer Gesellschaft im Sinne der »Vereinigung freier und gleicher Menschen« zur Debatte. Dabei berücksichtigten sie zugleich alle gesammelten Erfahrungen der bisherigen Versuche der Arbeiterbewegung, um über die Kritik derselben notwendige neue Wege aufzeigen zu können. Eine Kritik die bis zum heutigen Tag nichts von ihrer ursprünglichen Aktualität verloren hat.

Die ursprünglich auf Deutsch erschienene Erstauflage der Grundprinzipien wurde beschlagnahmt und weitgehend vernichtet. Eine vollständig überarbeitete und verbesserte Ausgabe in niederlän- discher Sprache erschien 1931 zunächst Auszugsweise und 1935 in zweiter Auflage in Buchform. Der Text der deutschen Erstausgabe wurde 1970 nachgedruckt und auch in die englische und fran- zösische Sprache übersetzt. Die vollständig überarbeitete und verbesserte zweite Auflage verblieb die folgenden 85 Jahre dagegen weitgehend unbeachtet in niederländischer Sprache verborgen. Mit der hier vorliegenden Übersetzung der zweiten Auflage in die deutsche Sprache wird dieser Dorn- röschenschlaf beendet.

Gruppe Internationaler Kommunisten (Holland)

Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung

Deutsche Erstausgabe der 2. Auflage von 1935

Red & Black Books ISBN: 9798601283687 339 Seiten, 14,90 €

Zu beziehen über:

https://www.syndikat-a.de/







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