Neuerscheinungen Kultur


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22.05.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Golvin, Jean-Claude/Coulon, Gérard: Die Architekten des Imperiums. Wie das Heer ein Weltreich erbaute, WBG von Zabern, Darmstadt 2020, ISBN: 978-3-8053-5220-8, 40 EURO (D)

Die römischen Soldaten der Antike hatten nicht nur die Aufgabe, das römische Reich zu beschützen und zu erweitern. Ihre Bautätigkeiten und architektonischen Höchstleistungen prägten das Gesicht des Imperiums bis weit über dessen Bestehen hinaus. Gérard Coulon und Jean-Claude Golvin geben in diesem Buch Einblicke in die Rolle, die die Armee für die römische Architektur und für den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Fortschritt im römischen Reich spielte.

Die römische Armee war ein beeindruckendes Werkzeug der Eroberung und Herrschaft. Das römische Lager wurde durch die Soldaten selbst errichtet. Hinter einer dichten Mauer war das Lager im Inneren dicht bebaut. Es gab das Kommandantengebäude, Kasernen, ein Spital, ein Bad, Werkstätten, Speicher und Villen für die Offiziere. Außerdem umgab ein gut befestigtes Lager ein breiter Graben mit Palisaden und Pfahlgruben.

Aber selbst in Friedenszeiten sollte ein Soldat sollte sich niemals langweilen, dem Müßiggang frönen oder untätig bleiben. Dies waren die ideellen Hintergründe für die Nebentätigkeit der Soldaten als Baumeister von vielen heute noch erhaltenen Zeugnissen.

So beschäftigte Marius, der auf die Schlacht mit den Kimbern wartete, seine 60.000 bis 70.000 Männer, um die Mariengruben zu graben. Die Schaffung von Kanälen, die Erweiterung von Aquädukten, der Bau und die Reparatur von Straßen oder Brücken, die Errichtung von Leuchttürmen, die Ausbeutung von Minen und Steinbrüchen, die Gründung von Kolonien und Städten mehrte im Laufe der Jahrhunderte weiterhin das Ansehen und die Geldquellen Roms.

Das Buch veranschaulicht an vielen Beispielen, dass in der Antike römische Soldaten nicht nur Krieger waren, sondern noch andere Funktionen zu erfüllen hatten, darunter architektonische Leistungen und damit verbundene Aufgaben. Diese Multifunktion als Handwerker, Ingenieur oder Architekt gibt es heute nur noch selten. Natürlich sind viele der römischen Bauwerke, Monumente, Städte und so weiter auch durch die Hilfe von Sklaven entstanden. Dies ist jedoch ein anderes Thema. Das Buch würdigt zu Recht eindrücklich die Leistungen der römischen Soldaten, durch dessen Anzahl es möglich war, innerhalb kurzer Zeit Bautätigkeiten zu realisieren.

Buch 2

Robert Conrad: Vergessene Orte in Berlin und Brandenburg. Mit einem Vorwort von Hubert Staroste, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2019, ISBN 978-3-96311-134-1, 25 EURO (D)

Der Architekt und Kunsthistoriker Robert Conrad zeigt in diesem Bildband 37 ausgewählte Orte in Berlin und Brandenburg, die Gefahr laufen, „vergessen“ zu werden oder es bereits sind. Dies sind meist bedeutsame historische Orte, die zunehmend verfallen und in ihrem Bestand stark gefährdet sind. Nur einige dieser Orte sind denkmalgeschützt. Mit seinen Bildern will Conrad die Geschichte dieser Orte erzählen und ihren aktuellen Zustand dokumentieren. Dabei stehen die Bilder leerer und funktionslos gewordener Orte im Mittelpunkt, deren Aussagekraft dazu dienen soll, dem Leser sich emotional auf diese Orte einzulassen.

Am Anfang des Buches findet man eine Karte von Berlin und Brandenburg, wo die einzelnen Orte eingezeichnet und nummeriert sind. Zwei Einleitungen von Hubert Staroste, ehemaliger Denkmalpfleger in Berlin, und dem Fotografen Stephan Schmid über den künstlerischen Ansatz von Robert Conrad folgen danach. Im Hauptteil werden die 37 Orte dann einzeln vorgestellt. Dies geschieht in einem einseitigen Text zum historischen und baugeschichtlichen Hintergrund und der aktuellen Situation. Danach dokumentieren mehrere großformatige, scharfe Farbbilder den Zustand von außen und innen. Manchmal werden Details gezeigt, die Aufnahmen sind aus verschiedenen Blickwinkeln gemacht.

Die 1994 geschlossene Bärenquell-Brauerei in Berlin-Treptow und die vorherige Nutzung der 1882 entstandenen Anlage bildet die gesamte moderne Geschichte Deutschlands ab. Die Relikte der Fürstenberger Straßenbrücke am Oderufer und die nach dem 2. Weltkrieg nicht mehr genutzte Eisenbahnbrücke bei Bienenwerder werden ebenso gezeigt wie die Reste der ehemaligen Großbäckerei in der Nähe des KZ Sachsenhausen bei Oranienburg, die von Häftlingen gebaut wurde und nach 1946 als Volkseigene Konsum-Großbäckerei Oranienburg weitergeführt wurde. Oder die zwar denkmalgeschützte aber verfallene Zentraljugendschule der FDJ in Wandlitz, wo eine künftige Funktionärselite für wichtige Stellen in Staat und Partei gebildet werden sollte. Conrad beschreibt auch viele ehemals militärisch genutzte Orte in Brandenburg wie den Militärkomplex in Wünsdorf. Dort hatte bis 1945 das Oberkommando der deutschen Wehrmacht seinen Sitz, danach diente es in der DDR als Kommandozentrale der sowjetischen Truppen und wurde nach der Wende nicht mehr genutzt.


Die abgebildeten Motive funktionieren wie Schlüssel zu einer verschwindenden Welt und zu Geschichten, die vielleicht bald nicht mehr erzählt werden können. Oft handeln diese von verblichenen Träumen, von einer rasanten Transformation und einem dramatischen Bedeutungswandel. Der Charme des Morbiden versinnbildlicht symbolische Zeugnisse vergangener Epochen und Denkmäler der Zeitgeschichte unter Einbeziehung architekturhistorischer Perspektiven. Es geht sich ihm nicht um eine neue erinnerungskulturelle Debatte oder die museale Bewahrung dieser vergessenen Orte, sondern die künstlerische Erlebbarmachung steinerne historische Zeugnisse, wo die Vergangenheit und die Spuren des menschlichen Handelns in der Vorstellung des Betrachters wieder lebendig werden kann. Eine spannende Spurensuche der Zeitgeschichte.

Buch 3

Jodi Magness: Masada. Der Kampf der Juden gegen Rom, WBG, Darmstadt 2020, ISBN: 978-3-8062-4077-1, 36 EURO (D)

Die Festung Masada ist ein nationales Symbol Israels. In der Geschichte des jüdischen Historikers Josephus aus der Römerzeit ist Masada Schauplatz des tragischen Endes eines legendären Aufstandes: 987 Männer, Frauen und Kinder gingen im Jahr 74 n. Chr. lieber in den Tod, als sich den römischen Belagerern zu ergeben. In dem Buch untersucht und präsentiert die Archäologin Jodi Magness die archäologischen Artefakte, die als Grundlage für die Bestätigung der Josephus-Erzählung dienen und die Menge an Beweisen, die ihr entgegenwirken.

Magness führt eine in die Geographie, Geschichte und Archäologie Israels vom Bau des Ersten Tempels in Jerusalem im zehnten Jahrhundert v.Chr. ein. Durch die babylonische Eroberung und das Exil im sechsten Jahrhunderts bis zur endgültigen römischen Zerstörung des zweiten Tempels Jerusalems im Jahre 70 v. Chr.. Unterwegs erkundet sie die Ursprünge des Judentums als polytheistische Religion, deren Mitglieder die Gottheit verehrten, die sie als den mächtigsten und nicht als den einzigen Gott betrachteten, die Herrschaft der hasmonischen Könige von Judäa, die sich an einer umfassenden territorialen Annexion und weit verbreiteten Zwangskonversionen beteiligten, und die Karriere von Herodes dem Großen, einem halbjüdischen römischen Klientenkönig, der im In- und Ausland mehrere Tempel für verschiedene Götter baute und seine eigenen Söhne ermordete.

In dem Buch diskutiert Magness außerdem die Erzählung des Staates Israel über den Ort als Aushängeschild für die aufopfernde autonome Herrschaft aus verschiedenen Blickwinkeln. Die Berufung auf Masada erreichte ihren Höhepunkt in den 1960er Jahren durch das Buch des israelischen Archäologen Yigael Yadin, der Ausgrabungen auf dem Berg leitete, an denen Tausende von Freiwilligen beteiligt waren. Dort argumentierte Yadin, dass die Archäologie die Geschichte des Josephus bestätigte. Es wäre Ben Yair und seinen Kameraden, ihrer heldenhaften Haltung, ihrer Wahl des Todes gegenüber der Sklaverei und dem Verbrennen ihrer bescheidenen Sachen als letzter Akt des Trotzes gegenüber dem Feind zu verdanken, dass sie Masada zu einem unsterblichen Symbol des verzweifelten Mutes erhoben haben. ’ Zur Feier der Ausgrabungen wurden Briefmarken herausgegeben, Yadins Buch war ein großer Erfolg und seine Version der Ereignisse wurde zur hegemonialen Deutung.

In der folgenden Zeit nährten sich aber mehr Zweifel an der Version Yadins. Da wäre zum beispiel die Person des Josephus selbst: Dieser war ursprünglich einer der Anführer auf jüdischer Seite. Er aber verzichtete auf den Selbstmord und ergab sich stattdessen dem römischen Befehlshaber Vespasian. Später wurde er durch die persönliche Gunst des inzwischen kaiserlichen Vespasian befreit, zog dann nach Rom und wurde römischer Staatsbürger. Seine bedeutendere historische Arbeit über den jüdischen Krieg, war zum Teil eine Verteidigung des römischen Verhaltens in der Region und eine Warnung vor weiteren Aufständen. Es war aber auch ein Versuch, die Juden als Ganzes von der Verantwortung für den Aufstand zu befreien und ihn stattdessen einer kleinen Gruppe von Radikalen zuzuordnen. Josephus betont zwar die Tapferkeit der Männer, die Masada verteidigten, dies macht dies Roms Sieg über sie nur beeindruckender. Die römischen Flavianer manipulierten den jüdischen Krieg als Kernstück ihrer Dynastie. Teile der Erzählung des Josephus sind mit den archäologischen Überresten nicht vereinbar: Die Rebellen sollen alle ihre Besitztümer außer ihrer Nahrung angehäuft und verbrannt haben, aber tatsächlich gab es viele verschiedene Feuer, einschließlich der Nahrung.

Josephus Darstellung ist die einzige Quelle zu diesem Ereignis. Die Frage stellt sich auch, warum keine einzige römische Inschrift oder ein anderes Dokument die Episode erwähnt. Außerdem betont Magness, das literarische Mittel des Massenselbstmordes sei in der gesamten alten Geschichte zu finden. Geschichten aus der Römerzeit wurden nicht mit Blick auf die absolute Wahrheit geschrieben, sondern das Wesen der Wahrheit sollte mit Tragödie und Triumph vermischt werden, um eine Form der Unterhaltung zu schaffen.

In der Arbeit des Archäologen Hillel Geva heißt es, dass es in Masada keinen Massenselbstmord gegeben habe. Einige der jüdischen Rebellen können sich das Leben genommen haben aber die Kämpfe gingen weiter, nachdem die Römer die Festung betreten hatten.

Andererseits gibt es archäologische Hinweise für das Leben auf dem Berg. Die jüdischen Widerständler lebten in Hütten und kleinen unterteilten Räumen, Reste von Nahrungsmitteln deuten auf eine Belagerung hin.

Es bleibt daher offen, ob der Massenselbstmord in Masada tatsächlich stattgefunden hat. Magness will aufgrund der verzwickten Forschungslage keine finale Antwort geben, sondern stellt die Quellenlage da, damit sich der Leser sein eigenes Bild machen kann. Somit wirft das Buch zwar mehr Fragen auf, als es Antworten gibt. Es ist aber mit großer wissenschaftlicher Sorgfalt geschrieben und will zum Glück keine unseriösen Antworten geben.

Buch 4

Eberhard Schmidt: Wohin in dieser Welt? Der Maler Franz Radziwill. Biografie, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2019, ISBN: 978-3-96311-174-7, 28 EURO (D)

Zum 125. Geburtstag von Franz Radziwill legt Eberhard Schmidt eine groß angelegte Biografie über den Künstler vor. Seine umfangreiche künstlerische Hinterlassenschaft umfasst mehr als 850 Gemälde, eine große Anzahl an Aquarellen, grafischen Arbeiten und Federzeichnungen.

Die wechselvolle deutsche Geschichte des 20. Jahrhundert haben für Schmidt in seiner persönlichen Entwicklung und in seinem künstlerischen Schaffen ihre Spuren hinterlassen.

Mit der naturgetreuen Darstellung in altmeisterlicher Manier gehörte Radziwill einerseits zur Strömung der Neuen Sachlichkeit, aufgrund seiner Bildfindungen bald als führender Vertreter des Magischen Realismus. Der magische Realismus stellt die Verschmelzung von realer Wirklichkeit (greifbar, sichtbar, rational) und magischer Realität (Halluzinationen, Träume) dar. Radziwill steigerte den Ausdruck seiner Bilder durch Übergenauigkeit und Farbintensität derart, dass die Wirklichkeit zum Mysterium geriet. Mit der Fähigkeit, Realität ins Bild zu bringen und zugleich eine weitere, metaphysische Dimension anzudeuten, nimmt er eine unverwechselbare Position in der Malerei seiner Zeit ein.

Nach seinem expressionistischen Frühwerk wandte sich Radziwill der Neuen Sachlichkeit in der Weimarer Republik zu. Während der NS-Zeit gehörte er der NSDAP an und war von 1933 bis 1935 als Lehrender für Freie Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf tätig. Dort wurde er dann mit der offiziellen Begründung der „pädagogische Unfähigkeit“ entlassen. Ab 1937 galten viele seiner Frühwerke als „entartet“, er erhielt mehrfach vorübergehend Ausstellungsverbot. Ab 1938 galt das Ausstellungsverbot für Einzelausstellungen bis zum Ende der NS-Zeit.

Nach den ersten beiden großen Nachkriegsausstellungen 1946/47 in Oldenburg und Hamburg geriet er für mehr als ein Jahrzehnt in Vergessenheit. Schmidt erklärt dies durch die ausgehende Dominanz der abstrakten Malerei. Erst zu Beginn der 1960er Jahre löste sich die westdeutsche Kunstszene von der Fixierung auf die abstrakte Malerei. Im Zuge dieser Entwicklung wurden Radziwills Bilder auch in Einzelausstellungen wieder gezeigt. Die Stadt Oldenburg widmete ihm 1960 zu seinem 65. Geburtstag eine große Ausstellung im Stadtmuseum. Radziwill zeigte keine Berührungsängste mit der DDR und dem dortigen Kunstbetrieb, obwohl er kein Sozialist war. Dies lag auch daran, dass er im westdeutschen Kunstbetrieb erst allmählich wiederentdeckt wurde. Seit den 1970er Jahren war Radziwill wieder in vielen Ausstellungen im In- und Ausland vertreten, darunter auch in den Kunstzentren Paris, Tokyo, London oder Rom. Die größte Ausstellung zu seinen Lebzeiten widmete ihm die „Neue Gesellschaft für bildende Kunst“ in der Staatlichen Kunsthalle in Berlin.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte Radziwill eine zunehmend symbolgeladene Malerei mit mystischen und christlichen Bildtraditionen. Für Radziwill war ebenfalls das Erleben ursprünglicher Natur existenziell. Land und Meer, Flora und Fauna der norddeutschen Küstenregion waren seine unverzichtbaren Inspirationsquellen.. Darüber hinaus kämpfte er als Umweltaktivist für den Naturschutz. Er demonstrierte gegen Bauvorhaben, setzte sich gegen das Schürfen von Sand und Kies ein und war im Wattenmeergebiet über ein Jahrzehnt ehrenamtlich als Vogelschutzwart tätig. Seine Zivilisationskritik, die in zahlreichen Gemälden der letzten Lebensphase erkennbar wird, lässt sich an zahlreichen Dangaster Motiven, seinem Lebensmittelpunkt, festgemacht.

Für Schmidt liegt die Aktualität von Radziwills Werken darin, dass er „(…) mit einer Moderne gebrochen hat, die blind einem technikgesteuerten Fortschritt vertraut und sich einem Wachstumsfetischismus hingibt, der die fortschreitende Zerstörung der natürlichen Grundlagen der menschlichen Existenz in Kauf nimmt. Radziwills künstlerisches Schaffen als fortwährende Mahnung insistiert dagegen auf der Notwendigkeit einer tiefgreifenden Veränderung der Einstellung des Menschen zur Natur, wobei der Maler die Hoffnung auf eine Wende zum Besseren nie aufgegeben hat.“ (S. 303)

Im Inneren des Buches findet man 32 farbige Abbildungen ausgewählter Werke, sonst noch einige schwarz-weiße Illustrationen im Fließtext.

Im Anhang findet man noch eine tabellarische Vita des Künstlers, ein Quellen- und Literaturverzeichnis, ein Abbildungsverzeichnis, ein Bild- und Fotonachweis sowie ein Namensregister.

Diese Biografie zeichnet sich durch die Menge der benutzten Quellenbasis aus. Darunter fallen seine künstlerischen Arbeiten als Seismograf seiner Verarbeitung der ihn umgebenden Welt, seine Gedichte, Prosatexte, Tagebücher, Interviews und dokumentarischen Filme und Briefe. Dazu kommen noch Aussagen von Zeitzeugen (Familie, Freundeskreis), der Besuch von Archiven und die Forschungsliteratur. Positiv ist neben dem umfangreichen Anhang auch die Tatsache, dass der Künstler selbst oft durch Zitate zu Wort kommt.

Die Rolle Radziwills im NS wird zwar von Schmidt kritisch aufgearbeitet, die Folgen nicht mitberücksichtigt. Dass Radziwill in der unmittelbaren Nachkriegszeit vergessen wurde, lag bestimmt nicht nur an der Dominanz der abstrakten Malerei. Seine Mitgliedschaft in der NSDAP und seine Lehrtätigkeit an der Kunstakademie Düsseldorf von 1933 bis 1935 wurden nicht nur in der Kunstszene vielfach kritisiert, zu Recht. Diese selbst verschuldeten Schatten der Vergangenheit dürften auch dafür verantwortlich sein.

 

Buch 5

Natalie Gutgesell: Dora Hitz: Fränkische Künstlerin, rumänische Hofmalerin, europäische Avantgardistin. Ausstellungskatalog, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2019, ISBN 978-3-96311-251-5, 50 EURO (D)

Natalie Gutgesell legt in diesem opulenten Buch eine Biografie der Künstlerin Dora Hitz und erstellte einen Katalog ihrer vorhandenen Werke. Dora Hitz malte schwerpunktmäßig Figurenbilder, vor allem Bildnisse von Frauen, Mädchen und Müttern und Ölbilder, Gouachen und Aquarelle. Schloss Pele? in Rumänien beherbergt mit zehn Wandmalereien die umfangreichste Sammlung an Werken der Künstlerin weltweit. Der Gemäldezyklus wird zum ersten Mal in seiner Gesamtheit und seinem Entstehungskontext veröffentlicht.

Das Buch besteht aus drei Teilen, einem Textteil mit der Biografie, dem Katalog der Werke und dem Anhang.

Im ersten Teil beschreibt sie in einzelnen Kapiteln ihre Kindheit in Franken, ihr Studium in München, ihre Tätigkeit als Hofmalerin in Rumänien, ihre impressionistische Zeit in Paris und Avantgardistin in Berlin.

Elisabeth zu Wied, die durch Heirat mit einem Hohenzollern-Prinzen Königin von Rumänien wurde, berief sie als Hofmalerin an den rumänischen Königshof. Für den Musiksaal von Schloss Pele? in Sinaia (Karpaten) malte Dora Hitz Wandfresken nach dichterischen Motiven der Königin. Hitz entwarf für sie außerdem Buchschmuck und führte Ölgemälde aus.

Sie lebte und arbeitete in der Bretagne, in London, in Dresden und schließlich vor allem in Berlin, wo sie den Gründungsmitgliedern der Secession angehörte. Zahlreiche Persönlichkeiten der Kunst, Literatur und Wirtschaft wie Max Liebermann, Käthe Kollwitz, Gerhard Hauptmann, Rainer Maria Rilke oder Walther Rathenau zählten zu ihrem Freundeskreis.

Die Autorin würdigt Dora Hitz als eine europaweit vernetzte, kosmopolitische Malerin, die ihren stilistisch vielseitigen, variationsreichen Werk Grenzen überschritt. Sie lebte das Ideal einer selbstbestimmten Frau und habe für das Frauenbild ihrer Zeit viel geleistet.

Der danach folgende Katalog besteht aus 106 Nummern und Abbildungen sowie des Verzeichnisses der Werke von Dora Hitz mit 254 Nummern. Diese werden versehen mit den üblichen Informationen zu Größe, Entstehungszeit usw. auf zwei Seiten mit einer Abbildung, einem beschreibenden Text und Literaturhinweisen vorgestellt.

Im Anhang findet man noch eine Kurzbiografie zum schnellen Nachschlagen, ein Quellen- und Literaturverzeichnis, ein Abbildungsnachweis, ein Personenregister, ein Werkverzeichnis und Informationen über die Autorin.

Das Werk von Dora Hitz besticht durch seine Vielseitigkeit. Stilistisch bewegte sich ihr Werk ausgehend von der fränkischen und bayerischen Genremalerei, über den Impressionismus und Symbolismus hin zum Expressionismus und Jugendstil. Dieses aufwändig recherchierte Buch bringt erstmals eine ausführliche Biografie und einen Katalogteil zusammen und rückt Dora Hitz in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit.

Buch 6

Medicus. Die Macht des Wissens, WBG Theiss, Darmstadt 2019, 978-3-8062-4103-7, 30 EURO (D)

Das Historische Museum der Pfalz Speyer zeigt ab dem 8. Dezember 2019 eine kulturhistorische Schau zur Geschichte der Medizin. Dabei dient Noah Gordons Bestseller-Roman „Der Medicus“ als literarisches Vorbild: In dem Roman geht es um den jungen kurz Rob Cole, der im ersten Viertel des 11. Jahrhunderts in London aufwächst. Als innerhalb kurzer Zeit seine Eltern sterben, wird er als Waise von einem Baderchirurgen als Lehrling aufgenommen und lernt bei diesem das Handwerk der Heilkunst. Aus seiner Bestimmung, anderen Menschen zu helfen, erwächst sein Wunsch, den besten Lehrmeister für seine Ausbildung zum Arzt zu finden. Hilfreich ist ihm dabei seine Gabe, den nahen Tod eines Patienten in seinen Händen zu spüren. Diese Gabe wird sogar vererbt und spielt auch in den Nachfolgebänden eine Rolle.

Die Ausstellung stellt die Frage, wie medizinisches Wissen von der Antike bis in die Gegenwart gewonnen und weitergegeben wurde - und wie sich Medizin, Krankheit und Heilung in unterschiedlichen Kulturen definieren. Dabei spielt das Spannungsfeld zwischen Glaube und Wissen eine wichtige Rolle.

Dies ist der Katalog zur Ausstellung, in dem nichts weniger als eine Jahrtausende umfassende Geschichte der Medizin erzählt wird.

Aus dem Alten Orient sind die ältesten Schriften zu Arznei- und Zaubermitteln bekannt. Die Menschen gingen dort von einer Krankheitsverursachung durch böse Dämonen und strafende Götter aus. Zur Heilung von Krankheiten wurde daher ein Schwerpunkt auf die Wiederherstellung der kultischen Reinheit gelegt. Im Alten Ägypten war die Heilkunde auch eine Hochkultur, nicht nur bei der Praxis der Mumifizierung Es existierte bereits ein ausdifferenziertes Spezialistentum unter den Heilern, die teilweise auch in eine ärztliche Beamtenhierarchie eingegliedert waren.

Im antiken Griechenland entstand Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. unter dem Einfluss der Naturphilosophie des Empedokles die sogenannte rationale Medizin, die eng mit dem Namen des Hippokrates von Kos verknüpft wird. Dabei wurde der Körper beobachtet und mit Einflussnahme auf seine Zusammensetzung versucht seine Selbstheilung zu unterstützen.

In der Spätantike und in byzantinischer Zeit wurde das bis dahin erworbene Wissen hauptsächlich gesammelt und tradiert. Dort wurden hauptsächlich ältere Schriftsteller in Enzyklopädien zusammen und deren Wissen thematisch in Sammelwerken geordnet. In der Tradition des Erhalts der bewunderten Kulturgüter der Antike versuchte man, die Medizin von christlichen Einflüssen frei zu halten.

Es wird außerdem gezeigt, wie das antike Wissen über Rom und Byzanz in den arabischen Raum gelangte und im 11. Jahrhundert zurück nach Europa kehrte, wo es auf die Welt der Klostermedizin traf. Hildegard von Bingen ist dort vor allem zu nennen. Die Behandlung nach Hildegard von Bingen beruht auf Pflanzenheilkunde, Ernährungsregeln, Ausleitungsverfahren und Edelsteintherapie. Sie hob Kräuter und Gewürze hervor, außerdem Dinkel, Sellerie, Edelkastanie und Fenchel.

Im 17. und beginnenden 18. Jahrhundert bildete sich eine wachsende Vielfalt von medizinischen Theorien und Systemen herausbildete. Neben der Humoralpathologie traten aber neue Sichtweisen hinzu, wie der Cartesianismus, die Iatrochemie, die Schule von Georg Ernst Stahl und, im 18. Jahrhundert, der Vitalismus. Fortschritte der Physik und Chemie ermöglichten neue Erkenntnisse der Physiologie des Nervensystems, der Verdauung, des Herz-Kreislauf-Systems, des Hormonsystems und weiterer Stoffwechselfunktionen. Die Entdeckung der Röntgenstrahlen (1895) und der Radioaktivität (1898 von Marie Curie) führte bald zu ersten diagnostischen und therapeutischen Anwendungen (Radiologie) und erheblichen Erkenntnisfortschritten. Im 20. Jahrhundert fand eine Ausdifferenzierung von Teilbereichen statt. Zudem wird über die gegenwärtige Forschung informiert.

Die Entwicklung der Medizingeschichte wird vermengt mit philosophischen, religiösen und magischen Erklärungsansätzen aus verschiedenen Zeiten und Kulturen von Medizinhistorikern und Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachdisziplinen.

Hier wird die komplexe Entwicklung des medizinischen Fortschritts und vieler Trugbilder ausführlich vermittelt auch mit vielen Zeichnungen, Abbildungen und Quellen. Das Buch spannt den Bogen vom Altertum bis zur Gegenwart, ein Ausblick auf die wissenschaftliche Forschung der Zukunft wird auch gewagt. Die Medizingeschichte wird stark aus westeuropäischer Perspektive erzählt, was natürlich schon viel Stoff ist. Die traditionelle Chinesische Medizin und Ayurveda sind dabei etwas unterrepräsentiert.

 

 

 

 







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