Rezension – Die Andere Kulturrevolution

16.07.20
KulturKultur, Theorie, TopNews 

 

Von Max Brym

Letztes Jahr ist im Verlag „Mandelbaum Kritik & Utopie“ das Buch: -Die Andere Kulturrevolution 1966–1969: Der Anfang vom Ende der chinesischen Sozialismus- von dem chinesischen Autor Wu Yiching erschienen. Als ehemaliger Maoist habe ich das Buch des chinesischen Autors, welcher sich selbst Anarchist nennt sofort gelesen. Noch dazu da ich selbst im Dezember letzten Jahres ein Buch unter dem Titel:“ Mao in der bayerischen Provinz“ verfasste. In dem Büchlein beschäftige ich mich mit der gewesenen Anziehungskraft des Maoismus in Deutschland. Sorry soviel Eigenwerbung darf sein.

Nun aber zu dem rezensierten Werk des chinesischen Autors. Anfangs war ich sehr skeptisch, da der Autor sich als Anarchist bezeichnet. Als Marxist hat man da in der Tat, eine gewisse Skepsis gegenüber Anarchisten. Dennoch ist das Buch ungeheuer interessant und kann dazu beitragen „den blinden Fleck Kulturrevolution“ innerhalb der deutschen Linken in einem bestimmten Maß zu beseitigen. Das Buch bietet eine ungeheure Menge von Fakten, die heute nicht mehr bekannt sind. Der Autor geht davon aus, dass die chinesische Kulturrevolution nicht nur ein Akt des bürokratischen Kampfes innerhalb der kommunistischen Partei Chinas gewesen ist, sondern verbunden war mit einem tatsächlichen und legitimen Aufstand der Arbeiter und vor allen Dingen der Jugend.

Im Sommer 1966 rief Mao Tsetung dazu auf das „Hauptquartier zu bombardieren“ unter dem Motto „Rebellion ist gerechtfertigt“. Offiziell ging es darum“ die Machthaber auf dem kapitalistischen Weg“ zu beseitigen. Trotz aller innerbürokratischen Differenzen traf Mao Tsetung damit den entscheidenden Nerv innerhalb der chinesischen Gesellschaft. Dies will ich an zwei Beispielen verdeutlichen.
A: Ab dem Spätherbst 1966 machte eine Wandzeitung des Studenten Wu in China die Runde. Der junge Mann kritisierte die sogenannte „Blutlinientheorie“. Das bedeutete in der Praxis das junge Menschen deren Eltern nicht eine kommunistische Vergangenheit bzw. Funktionen innerhalb der Partei hatten, am Arbeitsplatz und im Studium extrem benachteiligt wurden. Die bürokratischen Funktionäre gingen davon aus, dass nur Kinder mit sauberem familiären Hintergrund das Recht hätten Studienabschlüsse zu erzielen bzw. höhere Funktionen in den Betrieben zu erhalten. Diese Theorie und Praxis stellte Wu in einer Wandzeitung, die millionenfache Verbreitung fand infrage. Er bezog sich auf die Ideen Mao Tsetungs wonach nicht die Herkunft, sondern die Theorie und Praxis eines Menschen entscheidend sein müssten, um Chancen in der Gesellschaft zu erhalten. In der Tat, für viele bürokratische Funktionäre war das vorankommen ihrer Kinder entscheidend und nicht so sehr die Frage, ob sie Kommunisten sind oder nicht. Diese Praxis wandten die Bürokraten an, um ihre vorhandenen Privilegien auf ihre Kinder zu übertragen. Dagegen zu rebellieren war mehr als gerechtfertigt. Allerdings war Wu nur ein Jahr offiziell populär anschließend landete er als angeblicher Konterrevolutionär im Gefängnis. Es hatte damit zu tun, dass die Volksbefreiungsarmee mit ihren Kadern in den Revolutionskomitees eine Kombination aus Roter Garde, Partei und Armee- immer entscheidender wurde. Gerade die Militärkaste hatte aber an Privilegien Interesse.
B-Die Rebellion der Arbeiter
Die Rebellion der Arbeiter besonders in Shanghai im damaligen und heutigen industriell wichtigem Stützpunkt der chinesischen Industrie war mehr als gerechtfertigt. Im Jahr 1966 lag der Durchschnittslohn eines Arbeiters in Shanghai und China etwa 5 % unter dem von 1957. Gleichzeitig nahm die Arbeitsproduktivität in diesem Zeitraum um sage und schreibe 400 % zu. Die bürokratische Planung legte der Wert auf die maximale Entwicklung der Schwerindustrie, dabei vernachlässigte sie absolut die Entwicklung der Leicht und Konsumgüterindustrie. Hohe und langfristige Investitionen wurden auf Kosten der Konsumenten wegen einer angeblich „strahlenden Zukunft“ gemacht. Den Arbeitern wurde lange Zeit der Verzicht gepredigt, es gab keinerlei Arbeiterdemokratie, welche dem Plan beeinflussen konnte. In Shanghai hatten 40 % der Arbeiter und Arbeiterinnen im Jahr 1966 keinen festen Arbeitsvertrag. Sie wurden befristet beschäftigt und zwischenzeitlich nach dem Gutdünken und auf Befehl zur Landarbeit verschickt. Die Lohnunterschiede innerhalb der Betriebe auch bei fest Angestellten waren enorm ausgeprägt. Ein
Betriebsdirektor verdiente oft um das 20–30 fache mehr als ein Arbeiter mit festem Arbeitsvertrag. Besonders schlecht bezahlt wurden Auszubildende und jugendliche Arbeiter. Der Aufruf von Mao Tsetung, „die Revolution fortzusetzen“ fiel besonders in Shanghai auf fruchtbaren Boden. Im Januar 1967 entstand die Kommune von Shanghai. Anfangs berief sie sich auf das Beispiel der Pariser Kommune von 1871. Die örtliche Kommunistische Partei verschwand faktisch von der Bildfläche. Die entscheidenden Faktoren waren zwei größere Abteilungen der Arbeiterklasse. Es gab zwei Arbeiterfraktionen innerhalb der Kommune, nämlich das „Arbeitergeneralhauptquartier“ unter dem jungen Arbeiter und späterem ZK-Mitglied Wang Hongwen. Wesentlich radikaler waren die roten Arbeiter Rebellen aus den größeren Fabriken in Shanghai. Anfangs unterstützte Mao Tsetung die Revolutionen in Shanghai. Im Frühjahr 1967 setzt Mao zunehmend auf die Reaktivierung der kommunistischen Partei in seinem Sinn unter Wang Hongwen, sowie dem späteren Chefideologen der KP Yao Wenyuan. Im Frühjahr 67 machte das ZK Zhang Chunqiao ein späteres Mitglied der sogenannten Viererbande, zum Vorsitzenden der KP in Shanghai. In Shanghai oder der Kommune von Shanghai stand ab dem Frühjahr 1967 für die sogenannte Dreierverbindung“ Rote Garde, KP und VBA (Volksbefreiungsarmee). Das lief aber nicht so einfach ab. Die „Roten Arbeiter Rebellen“ kämpften weiter für größere Gleichheit und Arbeiterdemokratie von unten. Diese Kämpfe zwischen den beiden Gruppen dauerten mehr als zwei Monate. Das Problem war bei all diesen Kämpfen in Gesamt China, dass sich sämtliche rivalisierenden Fraktionen allesamt auf die Mao Tsetung Ideen beriefen. Genau dadurch war Mao Tse Tung immer der bürokratische Schiedsrichter beim Kampf der unterschiedlichen Fraktionen. Als typischer bonapartistischer Zentrist erteilte er seine Gunst mal der einen und dann der anderen Fraktion.

Im Jahr 1967 war die führende Rolle der KP Chinas im Wesentlichen wiederhergestellt. Dies gelang allerdings nur aufgrund der massiven  Intervention der Volksbefreiungsarmee mit ihrem Oberkommandierenden Lin Biao. Genau aus diesem Grund ernannte Mao Tsetung, Lin Biao auf dem Parteitag 1969 zu seinem designierten und auserwählten Nachfolger. Bekanntlich wurde daraus nichts. Lin Biao versuchte unter mysteriösen Umständen 1971 in der Sowjetunion zu fliehen. Dabei kam der auserwählte Nachfolger ums Leben. Ähnliche Gründe, welche zum Aufstand in Shanghai führten, führten auch zur Arbeiter Rebellion in Wuhan. Bis ins Jahr 1969 kämpfen dort Arbeiter und Arbeiterinnen für ein besseres Leben und wie sie es selbst nannten für besseren Sozialismus. Auch sie berufen beriefen sich permanent auf die Ideen Mao Tsetungs. Mao tat sich besonders schwer in seiner Heimatregion Wuhan den Aufstand niederzuhalten. Ab 1968 tauchten Figuren wie Deng Xiaoping wieder auf. Wobei Mao immer darauf bestand ihn aus dem entscheidenden Politbüro herauszuhalten. Deng stand für den späteren Übergang Chinas zum Kapitalismus.
Aufgeworfene Fragen und Probleme
Leo Trotzki schrieb einst sinngemäß, dass sich in Krisensituationen die Bürokratie, welche die Arbeiterklasse politisch entmachtet hat in drei Fraktionen teilen kann. Eine absolute Rechte welche ihre bürokratischen Privilegien nicht nur weiter ausbauen möchte, sondern sie wünschen sich auch private Eigentümer an Produktionsmitteln zu werden. Dann gibt es eine zentristische Fraktion, welche den Status quo zu bewahren versucht und ein kleinerer Teil der Bürokratie wird auf seine revolutionären Wurzeln zurückkommen. Die chinesische Kulturrevolution zeigt genau diese drei Fraktionen in all ihren Facetten. Die Rebellion war damals wirklich gerechtfertigt sie brachte Verbesserungen für viele Arbeiter und Jugendliche aber dennoch behauptete die zentristische Fraktion unter Mao Tsetung die Macht. Es kam zu keiner Erkämpfung der Arbeiterdemokratie oder gar der Installierung von Sowjets. Mao kämpfte gegen seine innerparteilichen Rivalen, welche tatsächlich das zeigt das Fallbeispiel Dengs zum Kapitalismus zurückwollten. Was fehlte
in China war eine wirkliche revolutionäre Arbeiterpartei auf leninistischer Grundlage. Letzteres bestreitet der Autor vehement, ganz im Gegenteil er nennt Mao Tsetung einen „klassischen Leninisten“. Diese Behauptung ist jedoch absolut irreführend. Die chinesische Revolution entwickelte sich ganz im Gegensatz zu dem Vorstellungen Stalins als permanente Revolution, obwohl sie im Wesentlichen eine bäuerliche Revolution gegen die jahrhundertelange Unterdrückung der Bauern in China war. In der Periode 1945–1949 widersetzte sich Mao Tse Tung des Öfteren den Anweisungen Stalins in Bezug auf die Zusammenarbeit mit den chinesischen Nationalisten. Entgegen seines eigenen Wunsches kam es zu keinem Kompromiss mit der Bourgeoisie. Die chinesische Revolution musste, um die Bauern befreien zu können zu sozialistischen Maßnahmen greifen. Natürlich war die chinesische Macht von Anfang an bürokratisch degeneriert, die Macht hatte nichts mit einer „leninistische Grundlage“ zu tun. Letzteres versucht der Autor zu suggerieren. Nichtsdestotrotz war die chinesische Revolution nach der Oktoberrevolution, das größte welthistorische Ereignis im vergangenen Jahrhundert.

Heute steht eine neue Revolution in China auf der Tagesordnung aber nicht nur eine politische Revolution, sondern auch eine soziale Revolution gegen die jetzt herrschenden Millionäre und Milliardäre, welche zum Teil das Parteibuch der kommunistischen Partei in der Tasche tragen. Dazu benötigt das chinesische Proletariat eine wirkliche revolutionäre Partei auf marxistischer Basis. Letztere Erkenntnis kann man nicht von dem Autor des Buches erwarten, denn er ist ein Anarchist. Dennoch sind seine zusammengetragenen Fakten wichtig, um im Nachhinein die Auseinandersetzungen, in der sogenannten Kulturrevolution zu verstehen.



Bestellungen unter http://www.mandelbaum.at/buch.php?id=889&menu=buecher







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