Hetzjagden wie in Chemnitz sind überall möglich


Bildmontage: HF

28.08.18
AntifaschismusAntifaschismus, Debatte, Sachsen, TopNews 

 

Von Michael Lausberg

Die rassistische Hetzjagd von Nazi-Hooligans auf Migrant_innen und alles „Undeutsche“ erschüttern (wieder einmal) die demokratische und antirassistische Öffentlichkeit. Die schnelle Mobilisierung der neonazistischen Hooliganszene (Kaotic Chemnitz) des lokalen Fußballvereins CFC von mehreren hundert Personen sticht dabei besonders hervor. Die Instrumentalisierung der tödlichen Vorfälle einen Tag vorher auf dem Chemnitzer Stadtfest für eine neonazistische Hetzjagd findet nicht nur Ablehnung. Interviews von Passant_innen in Chemnitz in verschiedenen Medien machen deutlich, dass es auch eine gewisse Art von „Verständnis“ und klammheimliche Freude in der normalen Bevölkerung gibt.

Das Versagen der Polizei kann auch nicht mit der fehlenden Zeit zur Heranziehung von Einsatzkräften begründet werden. Das Nichteinschreiten gegen Neonazis hat schon eine gewisse Tradition. Entweder ist es Unfähigkeit oder die Tatsache, dass viele Polizist_innen und Vertreter_innen von Sicherheitsbehörden mit rechten Ideen sympathisieren.

Hogesa hat zwar längst seinen Zenit überschritten, was aber nicht heißt, dass neonazistische Hooligans sich nicht mehr als „Retter Deutschlands“ oder Vollstrecker eines „Volkswillens“ sehen würden.

Bei der Berichterstattung über die Hetzjagd von Chemnitz fallen immer wieder pauschale Zuschreibungen wie „braunes Sachsen“ oder „brauner Osten“. Die Masse von rechten öffentlichkeitswirksamen Vorfällen, Bewegungen oder Ereignissen in den letzten Jahren Sachsen mag dabei eine Rolle spielen: AfD übertrumpft bei den Bundestagswahlen sogar die rechtskonservative CDU, Pegida und seine Ableger, Nazi-Hools unter anderem aus Sachsen beim Länderspiel in Prag, die Schande von Freital, Ausschreitungen von Nazi-Hools in Connewitz, die „Deutsche Winterhilfe“ in Zwickau, das Abbrennen einer geplanten Unterkunft für Geflüchtete und Gewalt gegen jugendliche Geflüchtete in Bautzen usw.

Dies soll auch nicht geleugnet werden. Sachsen ist sicherlich eine Hochburg des Neonazismus in der BRD. Pauschale Zuschreibungen helfen jedoch nicht weiter: Vor allem westdeutsche Medienvertreter_innen benutzen solche Chiffren gerne, um Neonazismus zu externalisieren und in den „Osten“ zu verbannen. Dabei wird der Neonazismus im Westen bagatellisiert oder geleugnet. Außerdem werden antirassistische Bewegungen oder zivilgesellschaftliche Initiativen gegen rechts in den ostdeutschen Bundesländern nicht gewürdigt: Jede Form der Gegenöffentlichkeit muss jedoch dort gestärkt werden.

Die Hetzjagd in Chemnitz kann auch überall in der BRD passieren, das ist kein sächsisches Privileg. Überall dort, wo es eine größere Szene von Nazi-Hools und anderen militante Rechte gibt, können sich Ereignisse wie in Chemnitz jederzeit wiederholen: In Dortmund oder Dresden, in Frankfurt/Main oder Rostock, in Mannheim oder Cottbus, in Duisburg oder Magdeburg hat der Rechtsruck in Politik und Gesellschaft hat dafür gesorgt, dass nur ein Funke genügt, um einen neonazistischen Flächenbrand zu entfachen.

 



Leserbrief von Günter Meisinger zu "Hetzjagden wie in Chemnitz" - 29-08-18 14:22




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