Wider den verklärten Blick auf Digitalisierungsprozesse und Computernutzung

04.09.16
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Interview mit Werner Seppmann von pad-Verlag

Der englische Autor Paul Mason macht gerade mit seinem Buch „Postkapitalismus“ Furore, in dem er behauptet, dass, durch den Computer und das Internet beschleunigt, der Kapitalismus in seine Endphase eingetreten
wäre. Profitorientierte und naturverschleißende Prinzipien des Wirtschaften würden durch die neuen Technologien und Kommunikationsmedien langsam ausgehöhlt und es würde sich zwangsläufig eine neue, nicht profitorientierte Ökonomie und auch solidarische Vergesellschaftungsform Bahn brechen. Eröffnet tatsächlich „die neue Technologie einen Ausweg“ aus einem selbstzerstörerischen Kapitalismus, wie Mason verspricht?
Selbst wenn die Computer-Technologie solche Potenzen besäße: Automatisch setzt sich gar nichts durch. Aber gerade das wird von Mason behauptet. Die evolutionäre „Transformation“ ist ein typisch reformistischer Traum - aber im Schlafwagen läßt sich das Ziel einer „Neuen Gesellschaft“ nicht erreichen. Es ist wie bei der Deutschen Bahn: Dieser „Fahrplan“ ist realitätsfern.
Trotz durchaus vorhandener „Evolutionspotenziale“, die im Schoße der gegenwärtigen Gesellschaft sich entwickelt haben, kann nicht davon ausgegangen werden, dass diese sich selbsttätig entfalten würden. Der IT-Komplex ist am allerwenigsten „etwas Dynamisches“, das den Kapitalismus automatisch in Frage stellt, wie Mason unterstellt, denn was prinzipiell möglich geworden ist, muß dem bestehenden Machtsystem abgerungen werden!
Auch die der Computertechnologie innewohnenden Emanzipationspotenziale müssen freigesetzt werden, weil sie nur im Rahmen einer alternativen Sozialpraxis (für die die strukturellen Voraussetzungen geschaffen werden
müßten!) und auf Grundlage einschneidender technologischer Modifikationen zur Entfaltung kommen können.
Der gerade verstorbene marxistische Sozialtheoretiker Robert Steigerwald hat richtig bemerkt, dass die neuen „Produktivkräfte Hebel für die Produktion im Sozialismus sein können, aber sie bewegen sich nicht selbst, sie müssen bewegt werden“.
Aber unabhängig von der Organisations- und politischen Vermittlungsfrage, liegt doch eine große Attraktivität in der Auffassung, dass der Computer der „Wirtschaft ein anderes Gesicht gibt und neue Werte, Verhaltensweisen
und Normen hervorbringt“ (Mason).

Ja das ist richtig, die Digitalisierung gibt der Ökonomie und dem gesellschaftlichen Geschehen ein anderes Gesicht. Es entwickeln sich veränderte Verhaltensweisen und Normen - aber nicht in einer progressiven Perspektive, sondern in der Grundtendenz im Sinne einer Verfestigung bestehender Verhältnisse und Deformationen. Die Menschen werden nicht nur überwacht und kontrolliert, sondern auch verwertungskonform geprägt. In ihrer hauptsächlichen Wirkung sind Computer und Internet ein wichtiges Hilfsmittel, um dem Kapitalismus trotz seiner Krisentendenzen und seiner zunehmenden Fragilität weiter über die Runden zu helfen. Der Computer wird als ein Mittel zur Organisation der selbstdestruktiven Vergesellschaftungsformen eines späten Kapitalismus eingesetzt – und vieles deutet darauf hin, dass die Negativ-Geschichte der Digitalisierung des Sozialen noch lange nicht zu Ende ist!
Durchaus vorhandene emanzipatorische Potenziale der neuen Technologien, bleiben durch ihre herrschende Instrumentalisierung nicht nur unentfaltet, sondern werden geradezu verschüttet. Statt wie oft unterstellt, eine Demokratisierungsmaschine zu sein, funktioniert der kapitalistisch geprägte Computer in der alltäglichen Realität als sozio-kultureller Formierungs- und zivilisatorischer Destruktionsautomat.
Warum sind Sie so skeptisch?
Bevor von den emanzipatorischen Möglichkeiten der Neuen Technologien gesprochen werden kann, müssen ihre gegenwärtigen Wirkungen analysiert werden, muß die Frage mit Nachdruck gestellt werden, welche Konsequenzen
sie im Alltags- und Berufsleben haben. Stellt man sich dieser Aufgabe, dann gibt es zum Optimismus und für Träumereien wenig Anlaß. Entwicklungen zu einer voraussetzungslosen Emanzipation sind nicht zu erkennen. Bei kritischer Betrachtung kann eben nicht von der Tatsache absehen werden, dass die IT-Technologien Maschinen der Überwachung und Kontrolle sind – und zwar in einer historisch beispiellosen Intensität. Wir können auch nicht ignorieren, dass Computer und Internet zur Nutzerführung und Verhaltensstimulierung, also zur
intensiven Manipulation psychischer und mentaler Prozesse eingesetzt werden. Und zwar in einem immer wirksameren Maße. Alle Negativentwicklungen befinden sich erst in einem Anfangsstadium und wie wir wissen, entwickeln
sich im Gleichschritt mit den Speicher- und Verarbeitungskapazitäten der Rechner auch die Manipulations- und sozialen Formierungsmöglichkeiten in einem atemberaubenden Tempo.
Gibt es Entwicklungstrends die besonders fragwürdig sind?
Die Liste ist fast unendlich lang. Denn eklatanter als die skandalösen Formen der Bespitzelung sind die negativen Auswirkungen der Digitalisierungsprozesse auf die Subjektverfassung und das Alltagsgeschehens, zu denen eine Tendenz zur kommunikativen Oberflächlichkeit und der Faktengläubigkeit gehören. Es findet aber auch ein schleichender Realitätsverlust und manipulative Beeinflussung des Denkens statt. Hinzu kommt, dass durch den Einsatz der Rechenmaschinen in Kombination mit den mobilen Kommunikationsmitteln in vielen Bereichen ein lebensfeindlicher Rhythmus erzwungen wird. Die unmittelbare Ausdrucksformen dieses Prozesses ist der Zwang zu immer beschleunigten Reaktionen und die Bewältigung gleichzeitiger Aufgaben. Multitasking wird diese Tendenz auf Neudeutsch genannt. Flankiert werden solche Entwicklungen von automatisierten Prozessen der Datenverarbeitung und daraus resultierenden Vorgaben, die tief in das individuelle Leben eingreifen können. Bei Personalselektionen ist das ebenso der Fall, wie bei der Kreditvergabe - ohne dass es noch personalisierte Entscheidungsebenen gibt: Korrekturen der digitalen Auswahlverfahren und Handlungsdirektiven sind nicht vorgesehen. Ein unmittelbarer Effekt dieser Verfahrensweisen ist, dass die tatsächlichen Interessen hinter einer Fassade von Sachzwängen verborgen bleibe.

Bleibt den von den Chancen und Vorteilen der „Neuen Medien“, von denen auch in linken Diskussionen immer gesprochen wird, überhaupt nichts übrig?

Die Frage kann jeder beantworten, nachdem er sich mit ihren konkreten Wirkungsweisen beschäftigt hat. Das Internet gilt zwar nicht zu unrecht als Medien erweiterter und intensivierter Kommunikation. Aber es gibt eine
problematische Kehrseite, die immer dominanter wird: Neben anderen Problemen, sind die „Neuen Medien“ eben auch Einrichtungen, die bisher ungeahnte Manipulationsmöglichkeiten im Interesse der Herrschenden bieten.
Im Nebel der Anonymität des Netzes werden beispielsweise Einflußkampagnen zur politischen Meinungsbeeinflussung und Verhaltensteuerung organisiert. Und zwar auf automatisierter Grundlage. Es werden sogenannte Twitter-Bots eingesetzt. Das sind Programme, die bei der Mail-Kommunikation das Verhalten echter Nutzer simulieren, um auf die Empfänger auf Grundlage ihres bisherigen Netzverhaltens und der „Berechnung“ zukünftiger Reaktionswahrscheinlichkeiten in manipulativer Absicht einzuwirken. Schon bis zu 20 Prozent der Twitter-Beiträge sollen von solchen Automaten stammen. Wahlen in den USA werden durch sie ebenso beeinflußt, wie in Europa das Konsumentenverhalten gesteuert wird, oder Denunziationskampagnen organisiert werden.
Aber gibt es nicht neue Informationsmöglichkeiten, die Chancen der Wissensaneignung und der Horizonterweiterung durch das Internet?
Alle diesbezüglichen Untersuchungen zeigen dass im Internet nur etwas relevantes findet, wer die notwendigen Suchtechniken beherrscht, wer in der Lage ist, gezielt zu Recherchieren und ungefähr weiß, was er sucht. Da existieren eklatante sozio-kulturelle Spaltungslinien, denn wer kein Vorwissen besitzt und sich fraglos dem Internet aussetzt, bleibt Spielball fremder Interessen und wird systematisch an der Nase herum geführt. Schaut man
genauer hin, wird schnell deutlich, dass Google nicht nur ein Werbemoloch ist, der immer präziser das Netzverhalten der Nutzer erfasst, um Reklame zu platzieren, sondern auch eine Einrichtung zur inhaltlichen Manipulation. Gibt man bei beispielsweise die Suchbegriffe „Digitale Bildung“ oder „Kritik des Computerlernens“ ein, erscheinen auf den ersten Seiten (die in der Internetpraxis fast ausschließlich von Bedeutung sind) ausschließlich
PR- und Propagandatexte von Verfechtern einer Intensivierung des „Automaten-Lernens“. Bei vielen dieser „Interpretationsangebote“ wird noch nicht einmal zu verschleiern versucht, dass Softwarefirmen die Fäden im Hintergrund ziehen, ihre kommerz-orientierte Sichtweise vertreten wird. Hinweise auf Portale und Texte mit kritischer Tendenz sind nicht zu finden!
Eines nicht weniger konsequenteren Manipulationsmodus bedient sich Facebook in den Vereinigten Staaten. Es wird ein Algorithmus eingesetzt, der negative Nachrichten als weniger wichtig behandelt und sie automatisch nachrangig platziert. Wesentliche Realitätsbereiche und möglicherweise zum Nachdenken anregende Ereignisse bleiben dadurch ausgeklammert. Angesichts der Tatsache, dass in den USA 30 Prozent der Menschen ihre Informationen ausschließlich über Facebook erhalten, handelt es sich um einen Manipulationsmechanismus von größter Relevanz.
Sollte man deshalb sich ganz diesen „Neuen Medien“ verweigern?
Das kann keine realistische Alternative sein! Denn es es ist tatsächlich so, wie der Computerkritiker Joseph Weizenbaum schon vor Jahrzehnten prognostiziert hat, dass der Computer zum unentbehrlichen Bestandteil jeder Struktur wird, sobald sich seine Verwendung verallgemeinert hat, sie – wie wir heute feststellen müssen – universell geworden ist. Er ist mittlerweile so in die verschiedenen Lebensverhältnisse integriert, dass er nicht mehr herausgenommen werden kann, ohne die Gesamtstruktur zu beschädigen. Diese Entwicklungen zurückdrehen zu wollen, käme dem Versuch gleich, die sozio-kulturellen Reproduktionsvorgänge zum Stillstand zu bringen. Aber
wenn es zu den IT-Technologien in einem prinzipiellen Sinne keine Alternative gibt, stellt sich um so drängender das Problem, wie verantwortungs- und sozialverträglich mit ihnen umgegangen werden muß. Bloß „regulative“
Maßnahmen reichen dabei nicht aus und mit einem undifferenzierten Partizipationsgeschwätz sind die Probleme noch weniger in den Griff zu bekommen!
Die regressiven Seiten der Netz-Realität sollten aber kein Hinderungsgrund sein, alternatives Wissen und progressive Orientierungen mit Hilfe des Internets zu verbreiten. Aber soll am Ende nicht Resignation und ein Gefühl
der Ohnmacht dominieren, muss das im Bewusstsein einer beschränkten „Reichweite“ geschehen. Dieer notwendige Realismus fehlt aber gerade in den "alternativen" Diskussionen über das Netz, denn immer noch dominiert
das Bild von der Internetkommunikation als Emanzipationsautomatismus.
Es gibt ja im Netz auch dem Prinzip nach „basisdemokratische“ Portale, wie Wikipedia, in denen eine „Schwarmintelligenz“ ihre Wirkung entfalten kann. Das sollte doch nicht ignoriert werden!
Eine Gegenfrage: Was wollen wir von einer Netzinitiative halten, die von solchen Garanten demokratischen Informationsaustauschs und basisorientierter Willensbildung wie Google, Goldmann Sachs, General Electric, Chevron, IBM, der Deutschen Bank und Microsoft gesponsert wird? Ja es handelt sich um den „Freundes-“ und Sponsorenkreis von Wikipedia! Es ist typischer Ausdruck der computerdeterminierten „Wissensgesellschaft“, dass selbst solche elementaren und aufschlußreichen Tatsachen niemand kennt – und die meisten auch nichts
darüber wissen wollen!
Gibt es konkrete Beispiele für die Manipulationsvorgänge?
Es sind unzählige Einflußagenturen im Einsatz um die Wikipedia-Einträge zu „bearbeiten“. Wenig ist bisher davon aber öffentlich problematisiert worden. Etwa die Manipulationsaktivitäten des Daimler-Konzerns. Aber auch der Vatikan, die CIA ebenso wie Ebay haben bekanntermaßen durch PR-Agenturen ihre Wikipedia-Darstellung „glätten“ lassen. Der RWE-Konzern ließ die Beiträge über Störfälle in Kernkraftwerken entschärfen und Boeringer den Hinweis entfernen, dass das Pharmaunternehmen Giftstoffe für den Vietnamkrieg geliefert hat. Und da ist noch gar nicht von den oft tendenziösen „Sachdarstellungen“ bei gesellschaftswissenschaftlichen und historiographischen Komplexen die Rede.
Einigen Manipulationen könnte sicherlich entgegen gearbeitet werden! Aber dafür würden personelle Kapazitäten und Finanzmittel benötigt. Institutionen die darüber verfügen, wie beispielsweise die Rosa Luxemburg Stiftung
setzen aber ihre Möglichkeiten eher zur Verfestigung der Netz-Illusionen und zur Prolongierung bestimmter gesellschaftlicher Selbsttäuschungen ein, von denen vermutet wird, dass man ihnen die Referenz erweisen muß, wenn man in dieser „(BRD-)Gesellschaft ankommen“ will.

Bleiben die netzspezifischen Manipulation, aber auch die zunehmende Subjektverfügung und Verhaltenssteuerung durch digitale Stimulanzien auf bestimmte soziale und kulturelle Bereiche beschränkt?

Gerade davon kann keine Rede sein. Die digitalen Steuerungsvorgänge greifen tief in fast alle Lebensverhältnisse ein. Sie verändern die Wahrnehmung, das Wollen der Menschen, ihre Prioritätensetzung und zunehmend auch ihr konkretes Verhalten. Von unmittelbarer Alltagsrelevanz ist beispielsweise, dass mit Hilfe der Rechenmaschinen in Kombination mit den mobilen Kommunikationsmitteln in vielen Bereichen durch den Computer-Einsatz eine Strukturierung der Lebenszeit nach den Bedürfnissen entgrenzter Kapitalverwertungsstrategien stattfindet. Dabei werden die Persönlichkeitsstrukturen und Identitätsmuster so umgeformt, dass sie mit der ununterbrochenen Tätigkeit der Märkte und den Kapitalverwertungsbedürfnissen konform gehen. Diese digital flankierten Anpassungsprozesse sind die aktuellen Mechanismen, mit denen der Kapitalismus sich jene Menschen schafft, die er für sein reibungsloses Funktionieren benötigt.
Wie sieht es mit dem Einfluß der Computertechnologien in der Arbeitswelt aus? In den oberen Etagen der Gewerkschaften ist ja davon die Rede, dass eine zunehmende Digitalisierung zwar Gefahren mit sich brächte, aber den Beschäftigten sich auch neue Chancenhorizonte eröffnet hätten.

Weil das ganze Problemfeld besonders wichtig ist, erlaube ich mir eine längere Antwort. Zunächst fällt an den gewerkschaftlichen Stellungnahmen auf, dass sie den Eindruck erwecken, dass die Digitalisierung erst bevorstünde. Aber, obwohl noch vieles (und wahrscheinlich sehr dramatisches) auf uns zukommen wird, ist die Digitalisierung schon jetzt in vielen Bereichen der Arbeitswelt ein prägendes Realitätsmoment und keine Zukunftsvision mehr. Durch den mittlerweile schon massenhaften Einsatz der Informations- und Datenverarbeitungstechnologien haben sich an vielen Arbeitsplätzen die Möglichkeiten zur Kontrolle und Lenkung der Beschäftigten potenziert. Besonders auffällig ist, dass die Gewerkschaften dort, wo sie hätten Flagge zeigen müssen, sehr schnell sich angeblichen
„Sachzwängen“ unterworfen haben. Es sind schöne Worte mit denen beispielsweise der Ver.di-Vorsitzende Bsirske die voranschreitende Digitalisierung begleitetet und von der gewerkschaftlichen Absicht einer
„Umlenkung und Ausschöpfung der 'Digitalisierungsdividende' “ zum Vorteil der Beschäftigten und der Ummünzung der „Technischen Umbrüche in gesellschaftlichen Fortschritt“ spricht. Aber wie sieht die Realität aus?
Gerade in Branchen, für die Ver.di zuständig ist, hat sich schon weitgehend die Mitarbeiterlenkung und eine elektronische Leistungskontrolle durchgesetzt. Das gilt ebenso für die Supermarktkassen, wie bei der computergesteuerten
Arbeitshetze in den Logistikzentren. Jede Regung der Kassiererin bei den Discountern wird erfaßt und die Lagerarbeiter beispielsweise tragen Computer am Körper die jeden Handschlag registrieren und jeden Arbeitsschritt
vorschreiben.
Ist die Bereitschaft die Interessen der Belegschaften in anderen Bereichen des Industriesystems durchzusetzen vielleicht größer?
Schauen wir uns die Zustände in den Sektoren der Arbeitswelt an, für die die IG-Metall zuständig ist. Das für die „technologische Innovationen“ verantwortliche Vorstandsmitglied spricht zwar vom gestaltenden Einfluß seiner
Gewerkschaften auf die „gravierenden Umbrüche“ in den Betrieben. Aber wie sieht die Realität in der Metallund Autoindustrie aus? Beispielsweise bei VW? Dort wird gerade eine besonders intensive Form elektronischer
„Mitarbeiterführung“ eingeführt – und zwar mit Unterstützung des Betriebsrates. Es handelt sich um die sogenannten Google-Brillen. Auf den ersten Blick sehen die Dinge harmlos aus. Die in den Brillen eingebaute Elektronik registriert die Arbeitsvorgänge und gibt den Beschäftigten mit Hilfe implantierter Konstruktions- und Servicepläne (die auf die Innenseiten der Brille projiziert werden) Arbeitshinweise. Beispielsweise wo Ersatzteile zu
montieren sind und welche technischen Besonderheiten beachtet werden müssen.
Das das kann doch als hilfreich und arbeitserleichternd gewertet werden?
In diesem Sinne hat sich auch der Betriebsrat geäußert! Aber die Sache hat natürlich einen kapitalistischen Haken: Wie bei den meisten Computer- und Internetanwendungen werden kleine Vorteile für die Nutzer mit großen Nachteilen erkauft: Ohne Frage unterstützen die eingesetzten Mini-Computer die einzelnen Arbeitsschritte. Aber nicht nur: Sie registrieren auch jede Blickrichtung und jeden Handgriff der Arbeitenden. Das geschieht aus Kontrollgründen – aber nicht nur. Denn es geht auch darum, die Arbeitsschritte zum Zwecke ihrer „Objektivierung“ zu erfassen: Die Fertigkeiten der Arbeitenden sollen gespeichert, ihr implizites Wissen „generalisiert“ und für andere Anwender nutzbar gemacht werden. Mit einem Wort: Den unmittelbaren Produzenten soll ihr Können enteignet werden, damit sie überflüssig werden und durch schlechter bezahlte Hilfskräfte ersetzbar sind. Das ist seit der Einführung des Fließbandes der größte Angriff auf die Interessen der Lohnabhängigen.
Aber „Qualifizierte Arbeit“ ist doch von solch einen Abwertungssog nicht betroffen?
Im Gegenteil! Gerade die Beschäftigungsverhältnisse in der „Neuen Arbeitswelt“ verschlechtern in einem beträchtlichen Tempo. So bei den Informatikern, die bis vor kurzer Zeit oft noch privilegierte Positionen behaupteten. In wenigen Jahren ist der Leistungsdruck in der IT-Branche ebenso enorm gewachsen, wie auch die berufliche Unsicherheit. Zunehmend müssen die Beschäftigten mit „Clickworkern“, also mit sozial ungesicherten Vertragsarbeitern konkurrieren. Das hat Modellcharakter: Immer häufiger sind Arbeitskraftanbieter aller Qualifikationsstufen gezwungen sich einem Unterbietungswettbewerb im Internet zu beugen: Der billigste kriegt den Auftrag. Übrigens gilt auch in diesem Bereich der Mindestlohn nicht, weil die Netzarbeiter ja „selbstständig“ sind. Der Preis für „Informationsarbeit“ droht ins Bodenlose zu fallen. Dennoch dominiert immer noch eine Vorstellung über die IT-Arbeitswelt als ein von beruflicher Selbstbestimmung geprägter Freizeitpark. Aber charakteristisch
für das herrschende Klima sind die Worte des Vorstandsvorsitzenden beim Software-Giganten SAP: „Manchmal will ich die Walldorfer Entwickler packen und schütteln und anschreien 'Bewegt euch schneller“.
Permanent wird „umstrukturiert“ und erhöht sich die Leistungserwartung. Das ist die Situation bei einem prosperierenden Unternehmen mit Umsatzenditen von über 30 Prozent! Leicht läßt sich ausmalen, wie es in den Schwitzbuden der Computerindustrie in Indien oder auch in Berlin aussieht.
Gibt es keine Alternativen zum Einsatz von Computer und Internet als Maschinen der Kontrolle und Manipulation?
Das will ich nicht in Abrede stellen. Aber die Computer-Ideologien, die meist nur die Schlagworte aus den ideologischen Laboratorien des IT-Komplexes nachplappern haben noch auf keine hingewiesen, die einen Realitätsgehalt
haben und überzeugend sind. Auch der eingangs erwähnte neue Wanderprediger eines aufgepeppten Reformismus Mason nicht. Eine kritische Bestandsaufnahme fällt ernüchternd aus: Statt wie er unterstellt, eine Demokratisierungsmaschine zu sein, funktioniert das kapitalistisch geprägte Computersystem als sozio-kultureller Formierungsmechanismus und zivilisatorischer Destruktionsautomat.


Zur Person:
Werner Seppmann, Jg. 1950. Nach Berufstätigkeit Studium der Sozialwissenschaften und Philosophie. Langjährige Zusammenarbeit mit Leo Kofler. Vorstandsmitglied und zeitweiliger Vorsitzender der Marx-Engels-Stiftung, Wuppertal. Langjähriger Mitherausgeber der Marxistischen Blätter. Zusammen mit Ekkehard Lieberam Leitung des Projekts Klassenanalyse@BRD im Rahmen der Marx-Engels-Stiftung. Zahlreiche Publikationen zur Sozialstrukturanalyse, Marxismusforschung, Ideologie-Theorie, Kritischen Gesellschaftstheorie, Klassenanalyse und Kultursoziologie.
Letzte Buchveröffentlichungen: Risiko-Kapitalismus. Krisenprozesse, Widerspruchserfahrungen und Widerstandsperspektiven
(2011), Dialektik der Entzivilisierung. Krise, Irrationalismus und Gewalt (2012), Marxismus und Philosophie. Über Leo Kofler und Hans Heinz Holz (2012), (Herausgeber) Ästhetik der Unterwerfung. Das Beispiel Documenta (2013), Kapitalismuskritik und Sozialismuskonzeption. In welcher Gesellschaft leben wir?
(2013), Ausgrenzung und Ausbeutung. Prekarisierung als Klassenfrage (2013), Neoliberalismus, Prekarisierung und zivilisatorischer Zerfall. Die langen Schatten von Hartz IV (2015), (Zusammen mit Erich Hahn und Thomas Metscher) Kritik des gesellschaftlichen Bewußtseins. Über Marxismus und Ideologie (2016), Herrschaftsmaschine oder Emanzipationsautomat? - Über Gesellschaft und Computer (2016).
Kontakt: wernerseppmann@aol.com

Neuerscheinung
Werner Seppmann
Herrschaftsmaschine oder Emanzipationsautomat?
Über Gesellschaft und Computer
73 Seiten, 5 €


INHALT: Computer und Gesellschaft / Digitaler Totalitarismus / Der programmierte Mensch /Institutionalisierte Beziehungslosigkeit / Manipulationsmaschinen /Information oder Wissen? / Die Paradoxien
der „Wissensgesellschaft“ / Intellektuelle Rückbildungsprozesse / Digitale Kommunikation und progressive Politik / Selbsttätigkeit und Unterwerfung / Industrialisierung der Kopfarbeit / Überwachungstotalitarismus in der Arbeitswelt / Selbsttätigkeit und Fremdstimulation / Über die Grenzen
digitaler Bildung / Computereinsatz ohne Alternative?
Wir stehen an einem Wendepunkt. Die Zeiten eines verklärten Blicks auf die Digitalisierungsprozesse dürften angesichts der sozialen und zivilisatorischen Konsequenzen der gegenwärtigen Verwendungsweisen von Computer- und Internet vorbei sein. Immer deutlicher kristallisiert sich heraus, dass sie alles
andere als neutrale Hilfsmittel zur Organisation partizipativer Kommunikationsprozesse und selbstbestimmter Lebensgestaltung sind. Am Rande haben sie zwar auch solche Effekte, aber in ihrer Hauptwirkung
entlarven sie sich immer deutlicher als Instrumente der Überwachung und Fremdverfügung. Durch ihren Einsatz werden nicht nur das Konsumentenverhalten erfaßt, sondern auch Beeinflussungsinitiativen
organisiert – und zwar mittlerweile in fast sämtlichen Lebensbereichen.


pad-Verlag – Am Schlehdorn 6 – 59192 Bergkamen / pad-Verlag@gmx.net







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