Fiktive Aufzeichnungen einer Bedarfsgemeinschaft!

10.04.22
DebatteDebatte, Soziales, Sozialstaatsdebatte, TopNews 

 

Von Thomas Wasilewski

Wir, die Familie Pinneberg* (P), beziehen Sozialleistungen und eine kleine Erwerbsunfähigkeitsrente. An der Kasse des Discounters reicht das Geld nicht mehr für die Nahrungsmittel, oft stehen wir blank da. Zerstörende Agonie macht sich breit. Hilferufe an Volksvertreter könnten Erleichterung bringen. Auf der Homepage der Volksvertretung finden sich die Mitglieder im Ausschuss für Soziales - der Weg zu ihnen führt über die Telefonzentrale.

Volksvertretung guten Tag“. Im Namen des Sozialpolitikers donnert es im Telefonhörer: „wir sind nicht für die Preise verantwortlich! P: „Ich habe doch nur gesagt, dass wir uns den Einkauf beim Discounter nicht mehr leisten können und wegen unserer Armut nun zur Tafel müssen. Nach 35 Berufsjahren hätte ich nicht gedacht, dass mir so was mal passiert“. Herr von Senden* der Mitarbeiter des Sozialpolitikers erzählt jovial: „wir nehmen das Thema mit und besprechen das in der AG …“. P: „Davon werden wir nicht satt, Sie schicken uns betteln …“, erwidere ich. Nun holt Herr von Senden zum Befreiungsschlag aus: „wir schicken Sie nicht betteln…, wir setzen das auf die Tagesordnung - als dringend -…, es tut mir leid, ich kann Ihnen keine andere Antwort geben …“. E N D E

Marcetus“* eine Mitarbeiterin aus dem Abgeordnetenbüro, P: „ich bin ihr Wähler und geniere mich, weil ich zur Tafel schleiche, heute sind wieder die Preise gestiegen und ich wollte meinen Volksvertreter sprechen“. „Es ist ganz schwierig ihn ans Telefon zu kriegen…, die Volksvertreter haben das nicht entschieden …, da müssen Sie den zuständigen Minister mal anfragen …“. Ich grätsche dazwischen P: „wir bekomme seit Januar drei Euro mehr und die Volksvertreter erhalten eine Erhöhung von dreihundert Euro ….“. Frau Marcetus bleibt freundlich und referiert: „schreiben Sie doch mal eine E-Mail …, ich kann`s mir auch nirgends rausschneiden …, ich bin nur `ne kleine Mitarbeiterin und hab` nichts entschieden …, die Volksvertreter können nichts weiter machen …, die können das diskutieren …, es gibt solche und solche Meinungen …, da wird richtig heiß gestritten …, da fliegen auch schon mal die Fetzen …, erneut falle ich Frau Marcetus ins Wort P: „davon wird meine Familie nicht satt …“. Der Endspurt, Frau Marcetus holt aus: „er hat immer viel am Hut und hat keine Zeit …, er kann nichts erreichen …, wenden Sie sich an den Wahlkreisabgeordneten …, auf Wiederhören …“. E N D E

Kluge* … meine Kollegin aus dem Wahlkreisbüro hat mir Ihren Anruf schon angekündigt, was kann ich für Sie tun“? P: „… uns fehlen inflationsbeding pro Person und Monate mehr als 30 Euro und die angekündigte Einmalgabe hilft da wenig, deshalb wollte ich mit dem Volksvertreter im Ausschuss für Soziales sprechen. Fünf Tage vor dem Ersten wissen wir nicht mehr wovon wir die Grundnahrungsmittel bezahlen sollen, ich möchte wissen was getan wird damit unsere Menschenwürde gerettet wird …“. Für mich demütigend, erklärt Frau Kluge: „… Sie müssen sich an ihren Wahlkreisabgeordneten wenden …, für die zwei Rettungspakete geben wir insgesamt 35 Milliarden Euro aus, mehr ist finanziell nicht leistbar …“. Ich hake nach P: „ist die Würde des Menschen nicht leistbar …“? „Wenn Sie mir die Worte im Mund rumdrehen macht das keinen Sinn, der Volksvertreter kann für Sie nichts tun …, es bestehen auch für die Sozialleistungen nur begrenzt Gelder zur Verfügung …, Herr Dr. Mansfeld* hat einen engen Terminkalender und kann sich nicht um einzelne Bürger kümmern …“. E N D E

Eine freundliche weibliche Stimme meldet sich im Büro des Volksvertreters, auch hier ist kein Volksvertreter erreichbar: „Gollmer“. P: „ … die Prophezeiung vom Wohlstandsverlust bedeutet für meine Familie, dass wir nicht satt werden und löchrige Schuhe tragen …“. „Ich bin total bei Ihnen, schicken Sie mir eine kurze E-Mail, … wir melden uns …“. Kurz und bündig werden arme Würstchen eiskalt abserviert. E N D E

Busch“* eine freundliche Mitarbeiterin im Abgeordnetenbüro, P: „… arme Menschen stehen nicht mehr im Mittelpunkt Ihrer Politik. Meine Kinder denken über unsere Armut nach und es gibt keinen Ausweg mehr, wird das von Ihrer Partei ausgeblendet“. „Wir können unsere Politik nicht durchsetzen … und können diese Themen auch nicht in die Öffentlichkeit bringen …, zur Armut meldet sich auch niemand bei uns …, wenn Sie mir Ihre E-Mail oder Postadresse geben kann ich Ihnen was zuschicken …, alles kommt mir hoch und ich erwidere P: „unsere Teller sind leer und Sie bieten mir einen Flyer an“. E N D E

Tatsächlich ruft mich am nächsten Tag der Volksvertreter an, er bleibt der Einzige.

Volksvertreter sind die nach den Vorschriften der Verfassung vom Volk gewählten Mitglieder der Volksvertretung. Sie sind dem Wohle des ganzen Volkes verpflichtet und keinen Weisungen unterworfen.


*Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.


von Thomas Wasilewski, Mönchengladbach







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