Soziale Ungleichheit und Politische Partizipation in der bürgerlichen Gesellschaft

01.04.12
TheorieTheorie, Soziales, News 

 

von Reinhold Schramm (Bereitstellung)

[Auszug]

»Seit den siebziger Jahren hat die soziale Ungleichheit in Deutschland und Westeuropa zugenommen. Aktuelle Zahlen des DIW belegen für die jüngste Zeit sogar eine Verschärfung dieses Trends. Hinsichtlich der Einkommensverteilung ist eine wachsende Differenz der niedrigen und höchsten Einkommen festzustellen {...}. Das Vermögen ist in Deutschland noch weitaus ungleicher verteilt als das Einkommen: 1 % der Bevölkerung besitzt etwa ein Viertel des gesamten Vermögens in Deutschland und damit mehr als die unteren 80 % zusammengenommen {...}. Die Chancen, diesen Trend durch das bestehende Bildungssystem umzukehren, sind ebenfalls nicht besonders vielversprechend: Laut OECD haben Kinder von besser gestellten Familien in Deutschland eine mehr als doppelt so große Studienchance wie Kinder aus „bildungsfernen“ Familien, womit Deutschland im OECD-Vergleich am unteren Ende der Skala rangiert.

Was es heißt, im Jahr 2010 zum unteren Drittel der Gesellschaft zu gehören, wird in seinem ganzen Ausmaß erst deutlich, wenn die sozialstrukturellen Veränderungen der letzten Jahrzehnte in den Blick genommen werden {...}.

In den frühen 1970er Jahren übertraf die Zahl der Beschäftigten im tertiären Sektor zum ersten Mal die des sekundären Sektors. Im Zuge dieser weitreichenden Transformation, deren Folgen bis heute anhalten, verschwand das klassische linke Arbeitermilieu von der Bildfläche und machte Platz für eine soziale Gruppe, die heute als „Prekariat“ oder „neue Unterschicht“ bezeichnet wird. „Der ‚Malocher’ mit starken Muskeln und hohem Klassenbewusstsein, mit gewerkschaftlichem Engagement und gut geschulter sozialistischer Gesinnung trat ab“ (Walter 2011). Während einige wenige Arbeiterfamilien von der Bildungsexpansion der 1960er und 1970er Jahre profitieren konnten, war für die vielen Verlierer der soziale Abstieg vorprogrammiert. Die für den tertiären Sektor unzureichend qualifizierten Arbeiter wurden zu „Überflüssigen“, die in der postindustriellen Gesellschaft selten gut bezahlte Arbeitsplätze finden konnten {...}. „Das Signum dieser neuen Unterschichtigkeit war die Perpetuierung der randständigen Existenz, gewissermaßen die intergenerationelle Vererbung von sozialem Ausschluss und gesellschaftlicher Aussichtslosigkeit“ (Walter 2011).

Im Kontext von Zivilgesellschaft und politischer Partizipation gewinnt der Transformationsprozess des klassischen Arbeitermilieus eine besondere Bedeutung. Auch wenn die Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen Milieu schon immer mit unterschiedlichen Chancen und Möglichkeiten verbunden war, unterscheidet sich das Arbeitermilieu der frühen Bundesrepublik vom heutigen Prekariat erheblich. Mit dem Wegbrechen des sekundären Beschäftigungssektors und dem Ende der Vollbeschäftigung entstand eine soziale Klasse ohne politisches Selbstbewusstsein und ohne Organisationsstruktur. Die Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg ersetzte den Glauben an gesellschaftlichen Aufstieg und soziale Teilhabe. Hinzu kamen die neuen Anforderungen der „Wissensgesellschaft“, die den ohnehin marginalisierten sozialen Schichten ein zusätzliches Gefühl von Abgehängtheit vermittelten. Während das traditionelle Arbeitermilieu solidarische Organisationsformen entwickelt hatte, die für Ausbau und Pflege sozialer und politischer Netzwerke von großer Bedeutung waren, sind die „neuen Unterschichten“ von Vereinzelung und Hoffnungslosigkeit geprägt, die sich mehr denn je in politischer Resignation niederschlagen. Wer gegenwärtig zum unteren Fünftel der Einkommensbezieher zählt und lediglich über einen Hauptschulabschluss verfügt, dessen Chancen auf sozialen Aufstieg stehen schlecht und werden in den meisten Fällen an die eigenen Kinder weitervererbt.

Wenn über die Auswirkungen von Einkommen und Bildung auf politische Partizipation gesprochen wird, stehen beide Faktoren als Indikatoren für die Lebenswirklichkeit der in vielfacher Hinsicht abgehängten und marginalisierten Teile der Gesellschaft.«

Soziale Ungleichheit und handlungsbezogene Einstellungen

»Als wichtige Vorstufe zum politische Engagement gelten einige handlungsbezogene politische Einstellungen, von denen das politische Interesse sowie die eigene politische Wirksamkeitsüberzeugung von besonderer Bedeutung sind {...}. Nicht vorhandenes politisches Interesse und eine unterdurchschnittliche Wirksamkeitsüberzeugung reduzieren die politische Partizipationsbereitschaft {...}. Insofern ist es wichtig zu analysieren, inwieweit beide Faktoren von Einkommen und Bildungsgrad abhängig sind.

Zunächst zeigt sich hierbei eine hohe Abhängigkeit des politischen Interesses vom jeweiligen Bildungsgrad sowie vom verfügbaren Einkommen. Abbildungen 11 und 12 zeigen den Anteil von „stark“ und „sehr stark“ politisch Interessierten der jeweiligen Gruppe. [Vgl. Quelle.] Personen mit (Fach-) Abitur zeigen dabei ein überproportional hohes Interesse an Politik, während Hauptschulabsolventen und Individuen ohne Abschluss unter dem Durchschnittswert liegen (Abbildung 11). [Vgl. Quelle.] Personen mit Mittlerer Reife entsprechen ziemlich genau dem Durchschnitt der Bevölkerung. Insbesondere der Unterschied zwischen Hauptschulabsolventen und Abiturienten ist mit 25,6% eklatant.

Ein ähnliches Bild ergibt sich im Verhältnis von politischem Interesse und Einkommen (Abbildung 12). [Vgl. Quelle.] Während das untere Einkommensquintil 2010 lediglich mit 21,6% „stark“ und „sehr stark“ Interessierten vertreten ist, sind es beim obersten Fünftel 41,1%, also fast doppelt so viele. Das politische Interesse ist somit in hohem Maße abhängig von Einkommen und Bildungsgrad.

Betrachten wir nun unterschiedliche Indikatoren für die politische Wirksamkeitsüberzeugung in Abhängigkeit zum erreichten Schulabschluss. In Tabelle 3 [Vgl.] sind die verschiedenen Aussagen mit ihrer prozentualen Zustimmung nach dem jeweiligen Bildungsgrad sowie dem Gesamtdurchschnitt aller Befragten aufgelistet. [Vgl. Quelle.]

Auch hier lässt sich ein Unterschied zwischen Hauptschulabsolventen inklusive Individuen ohne Schulabschluss im Vergleich zu Abiturienten erkennen. Die Bewertung der internen Wirksamkeitsüberzeugung, also das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, ist bei Abiturienten höher im Vergleich zu Personen, die maximal einen Hauptschulabschluss erreicht haben. Befragte mit geringerem Bildungsgrad empfinden Politik als zu komplex, verfügen über geringe Kenntnisse politischer Sachverhalte und trauen sich selber seltener zu, eine aktive Rolle in einer politischen Gruppe zu übernehmen. Auch die Bewertung der externen Wirksamkeitsüberzeugung, also die Einschätzung der möglichen Einflussnahme auf Politik, hängt im hohen Maße vom Schulabschluss ab. Menschen mit geringerem Bildungsniveau sind häufiger der Meinung, dass Politiker sich nicht um ihre Belange kümmern, dass sie keinen Einfluss auf die Regierung haben und das Politiker die Interessen der Bevölkerung nicht wirklich vertreten.

Das gleiche Bild ergibt sich im Hinblick auf Einkommensunterschiede. Personen mit geringerem Einkommen schätzen ihre interne und externe politische Wirksamkeit weitaus geringer ein, als diejenigen mit hohem Einkommen (Tabelle 4). [Vgl. Quelle.]

Der Unterschied zwischen dem 1. und dem 5. Quintil ist jedoch geringer als der Unterschied zwischen den verschiedenen Bildungsabschlüssen. Bei einigen Indikatoren sind ärmere Bevölkerungsgruppen nur unwesentlich unterrepräsentiert. Bildung scheint der entscheidende Faktor für Unterschiede bei der politischen Wirksamkeitsüberzeugung zu sein.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass soziale Ungleichheiten bereits bei den handlungsbezogenen politischen Einstellungen eine große Rolle spielen. Sowohl die Wahrscheinlichkeit sich in hohem Maße für Politik zu interessieren als auch die Überzeugung der eigenen Wirksamkeit im politischen Prozess sind maßgeblich von Bildung und Einkommen bestimmt. Da die Wahrscheinlichkeit für politisches Engagement eng mit beiden handlungsbezogenen Dimensionen in Verbindung steht, wird bereits an dieser Stelle die Wirkung sozialer Ungleichheit sichtbar.«

Soziale Ungleichheit und Mitgliedschaften

»Ein Blick auf das tatsächliche politische Engagement lässt die Beziehung von sozialer Ungleichheit und politischer Partizipation noch deutlicher zu Tage treten. Ein wichtiger Teil des politischen Engagements findet hierbei noch immer in Gewerkschaften, Parteien und anderen politischen Großorganisationen statt. Die Mitgliedschaft in einer dieser Organisationen ist daher ein wichtiger Indikator für sonstige politische Partizipation.

Betrachten wir zunächst den Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft, so ergibt sich ein differenziertes Bild. Abbildung 13 [Vgl. Quelle.] zeigt die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft in Abhängigkeit vom Schulabschluss. Die beiden kleineren Säulen zeigen den prozentualen Anteil der Menschen, die maximal einen Hauptschulabschluss besitzen (Personen ohne Abschluss eingeschlossen) und derer, die über ein Fach-Abitur oder ein Abitur verfügen. Die hohe Säule zeigt den Repräsentationsindex, der das Verhältnis der beiden Gruppen zueinander widerspiegelt. Je geringer der Wert des Repräsentationsindex, desto größer ist die Bildungsungleichheit in Hinblick auf Gewerkschaftsmitgliedschaft. Ein Repräsentationsindex von 100% zeigt eine vollständige Gleichverteilung an. In Hinblick auf Bildungsunterschiede lässt sich feststellen, dass Menschen mit Hauptschulabschlüssen nur geringfügig unterrepräsentiert sind. 2010 waren 13,1% der Befragten mit (Fach-)Abitur Mitglied einer Gewerkschaft und immerhin 11,1% der Befragten mit Hauptschullabschluss. Dies entspricht einem Repräsentationsindex von 84,7%. [Vgl. Quelle]

Abbildung 14 zeigt den prozentualen Anteil von Gewerkschaftsmitgliedern nach Einkommensklassen. Hier lässt sich ein deutlicher Unterschied zwischen dem oberen und dem unteren Fünftel feststellen, der zwischen 2002 und 2010 zudem zugenommen hat. Während 2010 13,8% der Befragten im oberen Einkommensfünftel gewerkschaftlich organisiert waren, sind es im unteren Fünftel gerade einmal 4,8%, was einem Repräsentationsindex von lediglich 34,6% entspricht. [Vgl.]

Diese Ergebnisse sind nicht völlig überraschend, sind Gewerkschaften doch in erster Linie die klassischen Vertreter von Arbeitnehmerinteressen. Menschen mit hohem Bildungsgrad und hohem Einkommen profitieren in geringerem Maße von gewerkschaftlicher Vertretung, als die unteren und mittleren Einkommensklassen. Das traditionelle Milieu der Gewerkschaften setzt sich aus Fach-und Fabrikarbeitern zusammen, die in der Regel über keine Hochschulreife, aber über ein relativ hohes Einkommen verfügen. Dennoch lassen sich auch hier die langfristigen Folgen des soziokulturellen Wandels erkennen, der in den vergangenen Jahrzehnten stattgefunden hat. Auch im gewerkschaftlichen Milieu führt dies zu einer Unterrepräsentation von sozial Benachteiligten, die sich in den letzten Jahren weiter verschärft hat.

Parteien sind wohl noch immer die wichtigste politische Organisationsform, wenn es um die zielgerichtete Transformation von unterschiedlichen Interessenlagen in politische Programme geht. Die direkte Beteiligung an diesem Prozess steht dabei in vollem Maße nur denjenigen offen, die Mitglied einer Partei sind. Die Parteimitgliedschaft kann somit zu einem der politisch einflussreichsten Formen des politischen Engagements werden und ist im Gegensatz zu punktueller Partizipation im erhöhten Maße zeitaufwändig. Auch hier ergeben sich signifikante Unterschiede in Hinblick auf Bildung und Einkommen.

Wie Abbildung 15 zeigt [Vgl.] , sind Menschen mit höherem Bildungsgrad überproportional in Parteien vertreten. 2008 waren 4,7% der Befragten mit (Fach-)Abitur Mitglied einer Partei, während diejenigen mit Hauptschullabschluss oder ohne Abschluss mit nur 2,6% vertreten waren. 2008 lag der Repräsentationsindex damit lediglich bei 55,4%, wobei dieser 2010 auf 83,2% angestiegen ist. Ein solcher Anstieg ist nur schwer zu erklären, so dass dieser Wert auch mit Problemen der Datenerhebung zusammenhängen könnte.

Anders verhält es sich da im Verhältnis von Parteimitgliedschaft und Einkommen. Hier lassen sich große Unterschiede bei den verschiedenen Einkommensgruppen erkennen. 2010 waren etwa dreimal so viele Befragte aus der höchsten Einkommensgruppe Mitglied einer Partei (5%), wie Befragte in der niedrigsten Einkommensgruppe (1,6%). Der Repräsentationsindex liegt bei gerade einmal 32,7% und hat im langfristigen Trend abgenommen.

Bei der Parteimitgliedschaft gibt es somit eine enorme soziale Selektivität, insbesondere in Hinblick auf Einkommensunterschiede {...}. Dabei spiegeln die hier dargestellten Daten lediglich die Ebene der formellen Mitgliedschaft wider. Auf der Leitungsebene der Parteien sind die sozialen Unterschiede noch weitaus gravierender. Wie der Soziologe Michael Hartmann feststellte, erfolgt die Rekrutierung politischer Eliten in zunehmenden Maße aus höheren sozialen Schichten (Bundesministeriums für Arbeit und Soziales 2006, S. 109; Hartmann 2002). In der aktuellen 17. Legislaturperiode verfügen über 80% der Abgeordneten über einen höheren Schulabschluss und 69% haben einen Universitätsabschluss.22 Nicht-Akademiker sind in den Führungspositionen von Parteien kaum noch zu finden.

Neben den klassischen Großorganisationen der Parteien und Gewerkschaften gibt es eine Reihe weiterer politischer und gesellschaftlicher Organisationen mit formellen Mitgliedschaften. Das Engagement in den zahlreichen zivilgesellschaftlichen Vereinen und Initiativen wird dabei meist als Ausdruck einer aktiven Bürgergesellschaft interpretiert. Wie sieht also die soziale Selektivität in diesem Bereich aus? Abbildung 17 zeigt Unterschiede je nach Organisationstyp. [Vgl. Quelle.] Während die Bildungsunterschiede bei der Mitgliedschaft in Wohltätigkeitsvereinen, Hobbyvereinen und Bürgerinitiativen sehr gering sind, lassen sich bei anderen Organisationstypen größere Unterschiede erkennen. Insbesondere in Hinblick auf die Kategorie der politischen Organisationen, zu denen hier Menschenrechtsorganisationen, Naturschutzvereinigungen und Bürgerinitiativen zählen, ergeben sich große soziale Verzerrungen. Unter den Befragten mit (Fach-)Abitur finden sich 13,8%, die in mindestens einer politischen Organisation Mitglied sind. Unter denjenigen mit Hauptschulabschluss oder ohne Abschluss sind es nur 4,5%, was einem Repräsentationsindex von lediglich 32,4% entspricht.

Sozialstrukturelle Unterschiede lassen sich auch bei der Verteilung der Mitgliedschaften nach Einkommensgruppen finden {...}. Das obere Fünftel ist auch hier bei allen Organisationstypen überrepräsentiert, während das untere Fünftel einen deutlich geringeren Mitgliedschaftsanteil aufweist. Auch hier ergeben sich für die Mitgliedschaft in politischen Organisationen klare Unterschiede. Im oberen Fünftel sind immerhin 10,3% der Befragten Mitglieder mindestens einer politischen Organisation, während es im unteren Fünftel mit 4,5% gerade einmal die Hälfte sind.

Auch Abseits von Parteien und Gewerkschaften wirkt sich soziale Ungleichheit im großen Maße auf die Mitgliederstruktur aus. Insbesondere die Mitgliedschaft in einer politischen Organisation ist in hohem Maße vom Bildungsgrad und Einkommen bestimmt. Im Übrigen ist auch hier zu vermuten, dass die soziale Selektivität auf der Ebene der aktiven Mitglieder und der Organisationsleitung noch höher ist.«

Soziale Ungleichheit und Wahlen

»Die wohl wichtigste Form der politischen Partizipation für das Funktionieren einer repräsentativen Demokratie ist die Beteiligung an Wahlen. Durch sie wird sichergestellt, dass demokratische Macht legitimiert und Repräsentanten in einem transparenten Prozess ausgewählt werden. Soziale Selektivität in diesem Bereich der politischen Partizipation hat somit weiter reichende Folgen als dies bei nicht-elektoralen Partizipationsformen der Fall ist. Ziel des repräsentativen Systems ist es, die Interessen der Bevölkerung im gleichen Maße zu berücksichtigen. Wenn jedoch ein bestimmter Teil der Bevölkerung, mit seiner ganz spezifisch gelagerten Interessenlage, im Gang zur Wahlurne systematisch unterrepräsentiert ist, hat dies soziale Verzerrungen zur Folge, die sich in Form von politischen Entscheidungen langfristig auf das gesamte politische System auswirken werden {...}. Das strategische Handeln von politischen Eliten, die um die soziale Verzerrung der Wahlbeteiligung wissen, kann somit insgesamt zu einem System der Interessenvermittlung zu Lasten der sozial Schwachen führen {...}.

Abbildung 19 zeigt [Vgl. Quelle.] zunächst den prozentualen Anteil der Befragten, die an der letzten Bundestagswahl teilgenommen haben, in Abhängigkeit vom Bildungsgrad. Im Gegensatz zu anderen Partizipationsformen hält sich die soziale Selektivität bei der Wahlteilnahme in Grenzen. Dennoch lässt sich in den letzten Jahren ein negativer Trend beobachten. Lag der Repräsentationsindex 1988 noch bei 93,7% und somit nahe an einer Gleichverteilung, ist er 2010 bereits auf 85,5% gesunken.

Die soziale Schieflage bei der Wahlteilnahme im Hinblick auf Einkommensungleichheiten hat sich in diesem Zeitraum noch dramatischer entwickelt, wie Abbildung 20 zeigt. [Vgl. Quelle.] Während der Unterschied zwischen der niedrigsten und der höchsten Einkommensgruppe 1988 gerade einmal 2,9% betrug, lag dieser 2010 bei 32%. Der Repräsentationsindex sank somit von 96% auf 62,9%. Insgesamt lässt sich eine soziale Verzerrung also auch bei der Beteiligung an Wahlen feststellen.

Insbesondere die Unterschiede zwischen einkommensstarken und einkommensschwachen Teilen der Bevölkerung scheinen in den letzten Jahren zugenommen zu haben. Auch wenn die Auswirkungen der sozialen Verzerrung bei der Wahlteilnahme auf die Bildung von Regierungskoalitionen geringer sein mag als häufig angenommen wird, kann sie unter bestimmten Umständen dennoch von Bedeutung sein. Kohler (2011) zeigt anhand von statistischen Modellen, dass durch die potentielle Stimmabgabe von Nichtwählern insbesondere die Wahlergebnisse der SPD besser ausgefallen wären. 2005 hätte dies mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Verlängerung der Kanzlerschaft von Gerhard Schröder in einer Großen Koalition geführt. 1994 wäre mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eine Große Koalition anstelle der schwarz-gelben Koalition an die Macht gekommen. Ohnehin ist der Einfluss auf die Regierungsbildung nur eine wichtige Auswirkung sozialer Ungleichheit im Bereich der Wahlteilnahme. Die Kommunikation zwischen Wählern und Volksvertretern wird auch zwischen den Wahlterminen zum Nachteil der sozial Schwachen verzerrt. Sinkende Wahlbeteiligung führt insgesamt zu einer Verschärfung der sozialen Schieflage, da insbesondere sozial benachteiligte Bevölkerungsschichten der Wahl fern bleiben {...}.«

Soziale Ungleichheit und weitere Formen politischer Partizipation

»Dem Trend sinkender Mitgliedschaften und abnehmender Wahlteilnahme wird häufig mit dem Argument begegnet, dass Bürgerinnen und Bürger weniger institutionalisierte Formen der politischen Partizipation vermehrt nutzen würden und sich politische Partizipation somit lediglich in ihrer Form verändert. Vertreter einer solchen Substitutionsthese argumentieren, dass weniger institutionalisierte Formen der Partizipation der Lebenswirklichkeit vieler Menschen besser gerecht werden und sich politische Partizipation von Wahlen und Mitgliedschaften auf punktuelle und individualisierte Formen, wie z.B. Demonstrationen oder Unterschriftensammlungen, verlagert {...}. Auch wenn diese Beobachtungen empirisch richtig sind {...}, wird die Funktionalität weniger stark institutionalisierter Partizipationsformen im Vergleich zur Wahlbeteiligung und Parteimitgliedschaft stark überschätzt. Abgesehen davon, dass die Teilnahme an einer Demonstration keinesfalls die Funktion der Wahlteilnahme ersetzen kann, bleibt die soziale Schieflage weniger stark institutionalisierter Formen politischer Partizipation häufig unberücksichtigt.

Im Vergleich zu Wahlen sind die meisten anderen Partizipationsformen sogar noch stärker sozial verzerrt. Abbildung 21 zeigt [Vgl. Quelle.] die Teilnahme an verschiedenen politischen Partizipationsformen und ihren Zusammenhang mit unterschiedlichen Schulabschlüssen. Alle Partizipationsformen weisen eine äußerst starke soziale Verzerrung im Hinblick auf Bildungsunterschiede auf. Selbst die niedrigschwellige Form der Unterschriftensammlungen ist mit einem Repräsentationsindex von 50,3% weit vom Idealwert entfernt. Einige Partizipationsformen wie z.B. die Teilnahme an Onlineprotesten liegen noch weit unter diesem Wert. Gerade einmal 2,2% der Befragten mit Hauptschullabschluss oder ohne Abschluss haben schon einmal an einem Onlineprotest teilgenommen, während dieser Wert für Abiturienten bei 16,2% liegt.

Die Unterschiede zwischen der obersten und untersten Einkommensgruppe sind im Vergleich zum Faktor Bildungsgrad um einiges geringer und weisen nichtsdestotrotz auf eine erhebliche soziale Verzerrung hin (Abbildung 22). [Vgl. Quelle.] Der Repräsentationsindex schwankt bei den unterschiedlichen Partizipationsformen zwischen 87,8% bei der ungenehmigten Demonstration und 22,5% bei der Besetzungsaktion. Häufig genutzte Partizipationsformen, wie etwa Demonstrationen und Unterschriftensammlungen, liegen mit einem Repräsentationsindex von 65% und 61,6% im Mittelfeld.

Insgesamt wird deutlich, dass die Gruppe der weniger stark institutionalisierten Partizipationsformen die größte soziale Selektivität aufweist. Demgegenüber hängen Wahlen und Mitgliedschaften vergleichsweise gering vom Bildungsgrad und Einkommen ab.«

Zwischenfazit

»Die Befunde der empirischen Analyse über den Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und politischer Partizipation könnten eindeutiger kaum sein: Politische Partizipation steigt mit der Verfügbarkeit von Einkommen und Bildung. Soziale und wirtschaftliche Ausgrenzung führen nicht zu einer gesteigerten Bereitschaft für Protest und politischem Engagement, sondern zu politischer Apathie. -

Die Zunahme der sozialen Selektivität im Bereich der politischen Partizipation wird außerdem begleitet von einem massiven Mitgliederrückgang der Parteien und einer sinkenden Wahlbeteiligung. Dass diese Ergebnisse nicht etwa von der genutzten Datenbasis abhängig sind, belegen zahlreiche weitere Untersuchungen, die zu ähnlichen Ergebnissen gelangen. So stellt Petra Böhnke in einer aktuellen Analyse von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) fest, dass politisches Interesse, politische Partizipation und ehrenamtliches Engagement in hohem Maße von Einkommen und Erwerbsstatus abhängig sind. Die Partizipationsraten von privilegierten Teilen der deutschen Bevölkerung seien nahezu doppelt so hoch wie die von armen oder arbeitslosen Personen {...} -ein Befund, der sich mit den Ergebnissen der hier verwendeten Daten deckt. Des Weiteren stellt Böhnke fest, dass insbesondere die Erfahrung von Armut und das Armutsrisiko einen großen Einfluss auf Partizipation haben. Menschen die keinerlei Erfahrung mit Armut gemacht haben, sind politisch und ehrenamtlich aktiver, während vor allem Personen, die über einen langen Zeitraum von Armut betroffen sind, weniger partizipieren. Die Trennlinie im Hinblick auf die unterschiedlichen Partizipationsquoten verläuft also zwischen denjenigen, die ohnehin einem starken Armutsrisiko ausgesetzt sind und denjenigen, die einen Abstieg in die Armut kaum fürchten müssen (Böhnke 2011, S. 24).

Selbst bei Protesten gegen bestehende soziale Ungerechtigkeiten gehen überwiegend Angehörige der einkommensstarken und gut ausgebildeten Mittelschichten auf die Straße, wie die Proteste gegen die „Hartz-Reformen“ gezeigt haben (Rucht und Yang 2004).

Auch aus ländervergleichender Perspektive wurde der Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und politischer Partizipation für moderne Demokratien [?] mehrfach nachgewiesen (Barnes und Kaase 1979; Schäfer 2008; Solt 2008). Deutschland ist in dieser Hinsicht also keineswegs ein Sonderfall.

Trotz der zahlreichen empirischen Belege gibt es bislang nur wenige empirische Analysen, die sich dem Zusammenhang von Ungleichheit und Partizipation in Deutschland schwerpunktmäßig widmen. Eine Ausnahme bildet die erst kürzlich erschienene Studie „Entbehrliche der Bürgergesellschaft?“ von Johanna Klatt und Franz Walter (2011), die sich mit Mitteln der qualitativen Interviewforschung dem Themenfeld von sozialer Benachteiligung und Engagement nähert. Hierzu haben die Autoren der Studie 74 Personen aus drei ausgesuchten städtischen „Problemquartieren“ in Göttingen, Kassel und Leipzig befragt. Zwei wichtige Ergebnisse der Studie: Das Forscherteam fand heraus, dass sich ein Großteil des ehrenamtlichen Engagements von sozial Benachteiligten in Form von informellen Tätigkeiten abspielt und somit für die Standardbefragungen der Sozialwissenschaften im Verborgenen bleibt. „Einigen Befragten wird erst auf gezielte Nachfrage bewusst, dass es sich beim eigenen Handeln um (zivilgesellschaftliches) Engagement handelt, das sie von sich aus nicht darunter subsumieren würden.“ (Klatt und Walter 2011, S. 196). Es besteht also die potentielle Gefahr [?], real stattfindendes Engagement von sozial Benachteiligten zu unterschätzen (Munsch 2003).

Die zweite wichtige Erkenntnis deckt sich jedoch stark mit den empirischen Ergebnissen der vorliegenden Studie. Politische Formen der Partizipation werden von sozial benachteiligten Gruppen kaum genutzt (Klatt und Walter 2011, S. 200–203). Nur ein Bruchteil der Befragten ist in Parteien, Gewerkschaften oder anderen politischen Organisationen aktiv. Nur wenige beteiligen sich an Unterschriftenaktionen oder Bürgerbegehren. Und noch weniger nahmen an Boykotten oder Internetprotesten teil. Der Großteil der Befragten gab jedoch an, regelmäßig zur Wahl zu gehen und dies auch als wichtig anzusehen, was sich ebenfalls mit den Ergebnissen der vorliegenden Studie deckt (Schäfer 2008). Die meisten Befragten machten zudem deutlich, dass sie Politik als eine elitäre Sphäre betrachten, auf die sie selbst persönlich keinen Einfluss nehmen können. -

Die Studie bestätigt somit die Überlegungen zur sozialen Bedingtheit der eigenen politischen Wirksamkeitsüberzeugung, die ein wichtiger Mechanismus des Ausschlusses von politischem Engagement darstellt.«
[Ein Auszug.]

Quelle: Otto Brenner Stiftung, Februar 2012, OBS-Arbeitspapier Nr. 1.: Soziale Ungleichheit und Politische Partizipation in Deutschland, Grenzen politischer Gleichheit in der Bürgergesellschaft. Autor: Sebastian Bödeker.
http://www.otto-brenner-shop.de/uploads/tx_mplightshop/2012_02_07_Boedeker_AP_01.pdf

 

 

 

 


VON: REINHOLD SCHRAMM (BEREITSTELLUNG)






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