Leserbrief: Antwort an Matthias Nomayo zur ZeroCovid-Kampagne

29.01.21
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Lieber Kollege,
ich danke dir für dein Statement gegen Sozialdarwinismus. Als Hartz-VI-Empfänger erlebe ich den ja bereits seit der Schröder/Fischer Regierung. Damals wurde der Reichsarbeitsdienst in Form der 1-Euro-Jobs neu belebt und Kurt Beck meinte „Waschen und Rasieren, dann klappt es auch mit dem Job“. Kam dann Müntefering oder Clement mit: „Wer nicht arbeitet soll auch nicht Essen“?
Sicher wollte die Junge Union vor ein paar Jahren Menschen über 80 keine Hüftprotese gönnen. Der selben Bevölkerungsgruppe also, die nun unbedingt vor Covid geschützt werden muss und gegen die Direktive von Jens Spahn ein selbstbestimmtes Sterben vor dem Bundesverfassungsgericht erstreiten musste. Jens Spahn dürfte mein Leben da wohl eher mit Profitinteressen der Pflegeindustrie verrechnen.
Sterben ist normal. An irgenwas sterbe ich immer. Und Todeszahlen werden manipulativ genutzt. Die 20000 Hungertoten täglich und weltweit werden gerade in einer Pandemie nicht plötzlich durch eine Impfung gerettet werden.
In den meisten Regionen der Erde werden Menschen aber keine 80. Lebensdauer hängt am Einkommen und auch ich bin da mit 65 über dem Haltbarkeitsdatum. Auch ich verdanke diesen Status kolonialen und neokolonialen Terms of Trade.
Du Matthias, verwischt die imperiale Realität des Kapitalismus mit Worten wie „Tragödien und Fehlern der Vergangenheit“. Nun müssten wir Klassenfragen vergessen und uns gemeisam dem Virus stellen. Alles andere sei „jüdisch-burgeoise“ und gleichzeitig „chinesisch-bolschewistische“ Weltverschwörung. Sorry Matthias, du klingst wie ein Sozialdemokrat, der uns für den Kaiser in den Krieg schicken will, weil der Zar ein schlimmer Despot ist.
Tatsächlich benennt die ZeroCovid-Initiative den Fakt, dass an erster Stelle wirtschaftliche Aktivitäten nicht eingeschränkt werden. Bildung hat es knapp auf Platz zwei geschafft und an einigen Orten können wir uns nur nachts mit Viren anstecken. Sonst würden Ausgangssperren ja keinen Sinn ergeben. „Geht arbeiten und gehorcht“ wurde das bei labournet bereits treffend benannt.
Tatsächlich ist ein „ein Missbrauch der Pandemie durch die Machthaber zu verorten“, wie du schreibst. Hat der aber „ nichts mit Klassenkampf zu tun“, wie du meinst, oder mit vorbeugender Aufstandsbekämpfung, wie ich befürchte?
Falls du Enkel hast werden die es wissen.
Volker Ritter, Erwerbslosenausschuss Nds./HB



Die Sichtweise eines bekennenden „Lockdown-Linken“ - 28-01-21 20:40




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