Zur Programmdiskussion bei der LINKEN (1) – Was schon da war


Bildmontage: HF

21.05.10
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Von Klaus Buschendorf

Über eine Veränderung der Gesellschaft zugunsten des ärmeren Teils wird heute viel gesprochen. Viele Details werden erläutert. Den Programmentwurf halte ich für den ersten Text für eine zusammenfassende Strategie. Ich erinnere mich einer Strategie zur Umgestaltung der Gesellschaft, die mir vergessen scheint. Diese erste Strategie möchte ich darlegen, die ich zur Veränderung der Gesellschaft vor langer Zeit gelernt habe. Sie stammt aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts und ist von Marx und Engels.

Die zwei Klassiker gingen von einer Klassenlage in der Gesellschaft aus: Bürgertum, Bauernschaft und Arbeiter (grob). Die Ausbeuterfunktion schrieben sie nur dem Großbürgertum zu, die Potenz zur Veränderung nur der neu geschaffenen Arbeiterklasse. Diese sollte die Staatsmacht erobern und Banken und Schlüsselindustrien des Großbürgertums verstaatlichen. Danach sollten die Produktionsmittel „vergesellschaftet“ werden. Damit verbunden sahen sie einen Abbau der Staatsmacht als Herrschaftsmittel und Reduzierung auf eine reine Verwaltungsaufgabe. In dieser Periode sollte mithilfe neuer Technologien der Charakter der Arbeit völlig umgestaltet werden. Jeder Arbeitsplatz solle so kreativ werden wie der eines heutigen Künstlers. Am Ende stände eine klassenlose Gesellschaft, die kein Geld zur Verteilung der erzeugten Produkte mehr benötigt. Diesen Zustand nannten sie Kommunismus.

Den Übergang dorthin sahen sie nur in einer „Weltrevolution“ möglich, die von den entwickeltsten Ländern ausgehen müsse. Dazu zählten sie lediglich England, Deutschland und Frankreich. Anzustreben sei ein gleichzeitiger Sieg der Revolution in diesen drei Ländern. Er würde eine solche Sogwirkung auf die übrige Welt haben, dass eine Verteidigung der Revolution nur nach innen gegen Reste der ehemals unterdrückenden Klasse (das Großbürgertum) zu erfolgen brauche.

Sollte das nicht in allen drei Ländern gleichzeitig gelingen, müsste der Staat zum Zweck der Verteidigung der Revolution gegen „übrig gebliebene“ Länder noch erhalten werden. Die Verteidigung der Revolution nach innen und außen betrachteten sie als die einzige noch verbleibende Funktion des Staates nach der Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse. Danach habe er „abzusterben“ in einem bewusst durchzuführenden Prozess. Diese (2.) Variante sahen sie jedoch als wenig wahrscheinlich und auch als schwieriger an.

Sie gingen davon aus, dass nach dem Sieg der Revolution zunächst vielgestaltige Besitzverhältnisse bestehen blieben. Die weitere Entwicklung der Technologie würde allmählich zu einer Vergesellschaftung von Konzernhöhe bis zum Kleinproduzenten herab führen. Dabei brauche keinerlei Druck angewendet zu werden, weil alle Beteiligten langsam die Vorzüge „vergesellschafteter“ Produktion erkennen würden.

Ihnen war klar, dass nach der Machteroberung durch die Arbeiterklasse vielgestaltige Einzelveränderungen erfolgen müssten (unter anderem im Geldsystem). Es würde eine lange Zeit brauchen, bis diese Ziele erreicht seien. Einzelheiten müsste aber die Gesellschaft dann finden, Voraussagen zu Details seien unmöglich.

Eine Voraussetzung zur Durchführung sahen sie im Zusammenspiel einer (in diesem Sinn geschulten) „Elite“ mit den Volksmassen. Um die Volksmassen zu gewinnen, sei die Losung „Enteignet die Enteigner!“ (Expropriation der Expropriateure) zu benutzen. (Als Enteigner betrachteten sie wiederum nur das Großbürgertum. Das stiehlt in ihrem Verständnis den „Mehrwert der Arbeit“ und auch die vom „Mittelstand“ erarbeiteten Gewinne.) Den Ausbruch der Revolution betrachteten sie als nicht vorhersehbares Ereignis. Zwei Dinge müssten zusammenfallen: Die unten müssten „nicht mehr wollen“, die oben dürften „nicht mehr können“. Diesen „Augenblick“ nannten sie „revolutionäre Situation“. Eine Planung dessen sei unmöglich, ebenso eine isolierte Aktion durch die Elite.

Marx und Engels sahen eine solche „revolutionäre Situation“ heranreifen. Der schnelle Aufschwung Deutschlands habe die alten Konkurrenten England und Frankreich „zusammen gezwungen“. Die zu erwartende Konfrontation mit Deutschland und damit verbundene Schwächung des Großbürgertums in einem gesamteuropäischen Krieg sollte die europäische Sozialdemokratie zu einer Machtübernahme benutzen. (Aus heutiger Sicht betrachtet, sagte Engels den I. Weltkrieg für den Beginn des 20. Jahrhunderts voraus.)

Das ist, knapp zusammengefasst, meine Erinnerung aus Oberschul- und Studienzeit in der DDR zwischen 1955 – 1965. Den Vergleich aus heutiger Sicht, was davon Theorie blieb und was Praxis wurde in Sowjetunion, DDR und „sozialistischem Lager“, wäre als Nächstes zu untersuchen.
 



Zur Programmdiskussion bei der LINKEN (6)
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Zur Programmdiskussion bei der LINKEN (3) – Eine Strategie – zweiter Versuch - 12-06-10 21:53
Zur Programmdiskussion bei der LINKEN (2) – Erste Schritte einer alten Strategie - 03-06-10 21:47
Diskussionsbeitrag zur Programmdiskussion - 31-05-10 22:46




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